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Rafael de Alcala und Katerina Giannakopoulou - Foto © O-Ton

Die Welt trifft sich in Kaarst

BENEFIZKONZERT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
3. März 2023
(Einmalige Aufführung)

 

Rathaus Kaarst

Benefiz­kon­zerte sind derzeit vermutlich die gefrag­teste Konzertform in Deutschland. Wohin das Auge blickt, werden solche Auffüh­rungen in allen nur erdenk­lichen Varianten angeboten. Die häufigste ist vermutlich, Künstler zu versammeln, die bereit sind, auf ihre Gage zu verzichten, um einen gemein­samen Abend in Form einer moderierten Nummern-Revue zu veran­stalten. Wer die Zeche zahlt, ist klar. Das sind Städte und Kirchen, die auf die Mieten für ihre Spiel­stätten verzichten. Und das sind die Künstler, die keine Gage bekommen. Dabei sind die Konzerte auf Spenden­basis häufig ein Verlust­ge­schäft. Wenn acht Künstler für ein Endergebnis von beispiels­weise 2.000 Euro auftreten, schlägt jeder Veran­stalter die Hände über dem Kopf zusammen. Und was will man mit 2.000 Euro in einem Erdbe­ben­gebiet, das gerade mit Millio­nen­summen der großen Spenden­sammler versorgt wird – so zumindest die offizielle Lesart. Sind Benefiz­kon­zerte also Augen­wi­scherei oder allen­falls gut, das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen? Ja. Auch.

Jeremias Mameghani, der sein Geld eigentlich als Rechts­anwalt verdient und in seiner Freizeit seit vielen Jahren solche Konzerte veran­staltet, weiß, dass der finan­zielle Aspekt viel zu kurz greift. Solche Konzerte haben längst die Funktionen von Gottes­diensten früherer Zeiten übernommen, ohne dass man einen Pfaffen dafür braucht. Hier versammeln sich denkbar friedvoll breite Schichten der Stadt­ge­sell­schaft inklusive Zuwan­derer, finden Zeit, über Krisen nachzu­denken, ohne aufge­regte Medien ertragen zu müssen, ja, unter­halten sich in doppeltem Sinne. Wenn es gut läuft, entwi­ckeln sich gar Freund­schaften zwischen Gemein­schaften, die im Alltag anein­ander vorbei­laufen. Da inter­es­siert die finan­zielle Seite keine Menschen­seele mehr.

Jeremias Mameghani und Désirée Brodka – Foto © O‑Ton

Ein Beispiel für ein Benefiz­konzert, das ganz besonders gut läuft, bietet die Stadt Kaarst. Im Kreis Neuss, also gleich neben der Landes­haupt­stadt Düsseldorf gelegen, leben in Kaarst rund 44.000 Einwohner, bei denen nicht zwischen Einwan­derern und Einge­ses­senen unter­schieden wird. Im Gegenteil setzt sich die Bürger­meis­terin Ursula Baum, die von vielen schlicht Uschi gerufen wird, offensiv dafür ein, dass Neuan­kömm­linge so schnell wie möglich in die Stadt­ge­sell­schaft integriert werden. Für sie ist es eine Selbst­ver­ständ­lichkeit, die Moderation des Benefiz­kon­zerts zu übernehmen, das Mameghani spontan innerhalb von zwei Wochen auf die Beine gestellt hat. Eigentlich war er mit der Organi­sation von Benefiz­kon­zerten für die Ukraine beschäftigt, als ihm das Erdbeben in der Türkei und Syrien dazwi­schenkam. Für wessen Unter­stützung entscheidest du dich, wenn der eine aus den Trümmern nach einem Bombar­dement und der andere aus den Trümmern nach einem Erdbeben eben noch gerettet wurde? Für Mameghani ist das keine Entscheidung, sondern ein zwingendes Kriterium, sofort noch ein Konzert zu veran­stalten, das Spenden einsammelt.

Und er hat in Kaarst einen starken Rückhalt unter den Künstlern und in der Stadt­ver­waltung. So ist im Foyer des Rathauses, einer Spiel­stätte, hinter der sich manches Konzerthaus verstecken kann, so lange es nicht um die Akustik der Stimmen geht, fast jeder Platz besetzt. Über fünf Etagen steigen die „Ränge“ in die Höhe. Das ist wirklich beein­dru­ckend. Auch die General­kon­sulin der Türkei, Aysegül Göksen Karaaslan, ist zugegen. Und nutzt die Gelegenheit, sich in einer kurzen Ansprache für die Unter­stützung der Erdbe­ben­opfer zu bedanken.

Benefiz­kon­zerte sind die Stern­stunde fortge­schrit­tener Amateure unter den Musikern. Und fast möchte man sagen: Endlich. Aber man braucht es überhaupt nicht zu betonen. Entweder hört das Publikum Unter­schiede oder nicht. Da braucht kein studierter Musiker Angst zu haben, dass ihm die Butter vom Brot genommen wird. Und so wird hier auch nicht darüber berichtet, wer an diesem Abend einen Studi­en­ab­schluss mitbringt und wer nicht. Den Anfang des Konzert­abends machen Mameghani am Klavier und Andreas Ilgner mit der Geige. Da darf man sich eine wunderbare Inter­pre­tation der Meditation aus der Oper Thais von Jules Massenet sowie die Ungarische Melodie von Robert Pracht anhören. Wer aller­dings nun glaubt, das „übliche Reper­toire von Evergreens“ zu erleben, sieht sich schon beim nächsten Beitrag enttäuscht. Natalia Vetrova ist den Kriegs­schrecken der Ukraine entkommen. Die Pianistin präsen­tiert noch einmal ihr Programm, das sie in der vergan­genen Woche im Palais Wittgen­stein aufge­führt hat. Diesmal weniger aufgeregt, aber ohne den Furor ihrer Inter­pre­tation der Ungari­schen Rhapsodie Nr. 12 von Franz Liszt einzu­büßen, nachdem sie Melodien aus ukrai­ni­schen Filmmu­siken inter­pre­tiert hat. Im Laufe des Abends wird sie noch mehr ihrer Fähig­keiten demonstrieren.

Uwe Rössler – Foto © O‑Ton

Vorerst aber tritt Désirée Brodka in großer Abendrobe auf. Mameghani begleitet sie beim Ständchen aus dem Schwa­nen­gesang von Franz Schubert ebenso wie bei der berühmten Arie Non mi dir, bell’idol der Donna Anna aus Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni. Nein, sie ist nicht im mindesten grausam, diese Sopra­nistin, sondern zieht das Publikum mit Gesang und Auftritt ganz und gar in ihren Bann. Nach diesem Glanz aus der Opernwelt geht es gleich ans Jazz-Piano. Uwe Rössler tritt norma­ler­weise mit dem Tiffany-Ensemble auf, um die Menschen mit eigenen Arran­ge­ments aus allen erdenk­lichen Genres von der Filmmusik bis zur musika­li­schen Groteske zu unter­halten. Als Solo-Pianist begeistert er heute das inter­na­tionale Publikum mit einer Impro­vi­sation, die von Zitaten gespickt ist, ehe er mit seiner eigenen Version von New York, New York – rein instru­mental – an den großen Frank Sinatra erinnert. Dass es bei seinem Auftritt nicht bierernst zugeht, schafft schon mal die Lockerheit für die Pause.

Rafael de Alcala bringt spani­schen Flair auf die Bühne. Seit vielen Jahren, erzählt er, sorgen seine Flamenco-Klänge auf Kreuz­fahrt­schiffen für Unter­haltung. Wenn er beispiels­weise Un amor oder in einer ganz eigenen Weise Che sara auf der Gitarre intoniert. Und er kann auch ganz ernsthaft. „Es ist der Moment gekommen, Abschied zu nehmen. Ich wünschte, ich könnte noch einmal in Deine Augen schauen, um Dir zu sagen, was Du mir bedeutet hast“, heißt es etwa in Todo tiene su fin. Und dann gibt es noch den Dauer­schlager My Way auf Spanisch, ehe de Alcala eine Überra­schung aus dem Hut – oder besser aus den Zuschau­er­reihen – zaubert. Da sitzt nämlich die Griechin Katerina Gianna­ko­poulou, die ihren Lebens­un­terhalt als Flamenco-Tänzerin verdient. Den Flamenco hat sie natürlich nicht auf dem Peloponnes, sondern, wie es sich gehört, in Sevilla studiert. Und da gibt es nun ganz spontan noch eine Tanzeinlage zu den Gitar­ren­klängen von de Alcala.

Natalia Vetrova und Frank Henn – Foto © O‑Ton

Nach diesem Spaß kehrt Natalia Vetrova zur Bühne zurück. Diesmal in Begleitung von Frank Henn, der zwei Monochorde und eine Klang­schale mitbringt. Aber der Ausflug in die Esoterik bleibt aus, statt­dessen wird mit den ungewöhn­lichen Instru­menten die melodische respektive rhyth­mische Grundlage für Vetrovas Gesang gespielt. Anschließend greift Aeham Ahmad in die Tasten des Flügels, um Eigen­kom­po­si­tionen über bekannte Zitate wie etwa Beethovens Neunte zu spielen. Über eine kleine Impro­vi­sation kommt er am Ende zu dem Lied Die Gedanken sind frei. Sehr schön gemacht, und wirklich stimmen einige Besucher in den Gesang ein, ganz ohne Auffor­derung. Das ist so ziemlich das Schönste, was einem bei einem solchen Konzert­abend passieren kann. Dass Ahmad selbst deutsch singt, ist ja klar. Zwar in Syrien geboren, ist der Pianist aber seit zwei Tagen deutscher Staats­bürger, erzählt die Bürger­meis­terin. Die sorgt dann auch resolut dafür, dass mit dem Schluss­ap­plaus das Ende des Konzerts erreicht ist – schließlich haben auch die Rathaus­mit­ar­beiter, die die Organi­sation beispiels­weise der Technik ehren­amtlich übernommen haben, ein Recht auf ihren Feier­abend. Und nach zweieinhalb Stunden ist das dann so weit – nicht ohne vorher noch eine Schwei­ge­minute für die Erdbe­ben­opfer in Syrien und der Türkei eingelegt zu haben. Und wenn hier viele Natio­na­li­täten friedlich beiein­an­der­stehen, um der Toten zu gedenken, ist das der Moment, in dem man weiß, dass in dieser Welt doch noch manches in Ordnung ist.

Wer sich selbst ein Bild von der schönen Atmosphäre eines solchen Konzerts machen möchte, hat dazu am 11. März Gelegenheit. Denn dann lädt Mameghani bereits zum nächsten Abend ein. Im Düssel­dorfer C. Bechstein Centrum werden dann unter anderem erwartet: Mine Yücel, Désirée Brodka, Togrul Huseynli, Nima Mirkhoshhal und Herbert Schuch.

Michael S. Zerban

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