O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Sommerliches Vergnügen der Spitzenklasse

L’ELISIR D’AMORE
(Gaetano Donizetti)

Besuch am
7. August 2022
(Premiere am 10. Juli 2022)

 

Music to go, Rathaus­platz, Kaarst-Büttgen

L’elisir d’amore, die Oper von Gaetano Donizetti aus dem Jahr 1832, ist im Grunde nicht schwer zu insze­nieren, schon gar nicht, wenn sie open air aufge­führt werden soll. Du musst halt einen Ort finden, an dem sich die Atmosphäre einer sommer­lichen Piazza Italiens herstellen lässt. Dann brauchst du eine erstklassige Besetzung, denn wer hier als Sänger seine Rolle nicht selbst anlegen kann, ist ohnehin fehl am Platz. Da hilft dann auch die vielge­rühmte Perso­nen­führung nicht mehr. Wenn ein passables Orchester in der Gegend ist, ist das mit Sicherheit hilfreich. Aber dann kann es wirklich losgehen.

Désirée Brodka ist die künst­le­rische Leiterin des Vereins Music to go, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, Musik, Kunst, Kultur und den musika­li­schen Nachwuchs zu pflegen und zu fördern. Insbe­sondere kapri­ziert sich das Ensemble darauf, Opern und Operetten in kompri­mierter Form darzu­bieten. Bei der diesjäh­rigen Produktion – eben dem Liebes­trank – ist der Anspruch der Sopra­nistin, aus jeder der ihr angebo­tenen oder auser­ko­renen Spiel­stätten eine Piazza entstehen zu lassen. Und da geht die Zuver­sicht bei Ankunft an der Spiel­stätte in Kaarst-Büttgen erst mal ganz schön in die Knie. 1969 wurde hier das Rathaus in Betrieb genommen, ein Bau in bruta­lis­ti­scher Archi­tektur, der vor der Kirche entstand und von einem Ensemble ähnlicher Bauart umgeben ist. Auch wenn das Rathaus tatsächlich einen Preis für die Archi­tektur verliehen bekam, das ist lange her, ist doch erst mal Skepsis angesagt. Wie soll man sich vor dieser Beton­ku­lisse in die Italianità einfinden? Auf dem Rathaus­platz zwischen Kirche und Rathaus vor der Treppe zum Rathaus sind mehr Stühle aufgebaut, als man es von einem Kurkonzert kennt. Das nennt man Optimismus. Auch wenn die kurze Stimm­probe aufhorchen lässt.

Désirée Brodka und Jakob Klein­schrot – Foto © O‑Ton

Einer der ganz großen Gewinner dieses Nachmittags ist die nahege­legene Eisdiele. Von dort wird das Speiseeis gleich tablett­weise zu den Stuhl­reihen geschleppt. Und nicht nur die füllen sich, sondern je näher der Beginn der Aufführung rückt, desto mehr Stühle werden herbei­ge­tragen. Lange hat man nicht mehr so viele Menschen bei einer Opern­auf­führung gesehen, wie sich bei bestem Sommer­wetter hier versammeln. Unglaublich. Der Platz ist übersät mit Menschen.

Brodka scheint vollkommen unbeein­druckt und gibt Tipps, wo die Besucher noch Stühle herbe­kommen. Auch wenn genaue Zahlen nicht bekannt sind, darf man fest davon ausgehen, dass hier auf dem Rathaus­platz mehr Menschen versammelt sind als in so manchem Theater in der vergan­genen Spielzeit. Gewiss, die künst­le­rische Leiterin genießt hier Heimvorteil, weil sie aus dem Ort kommt. Und Music to go hat sich ganz offen­sichtlich mit früheren Leistungen bereits einen Bonus erarbeitet. Trotzdem ist der Ansturm, der sich aus den Alten, aber auch vielen Familien mit kleinen Kindern zusam­men­setzt, staunenswert.

Auf der oberen Ebene der Rathaus­treppe ist links ein Zelt aufgebaut. Nein, hier findet kein Orchester Platz. Statt­dessen wird ein Streich­quartett die musika­lische Begleitung übernehmen. Die Geige­rinnen Laura Knapp und Anna Straub, die Bratschistin Sonja Matakas und der Cellist Maksim Korobe­j­nikow haben Platz genommen. Und das Ensemble leistet sich einen ganz beson­deren Luxus. Das Quartett wird dirigiert. Allen Ernstes ist Alexander Steinitz angereist, dessen beschwingte Dirigate bei den Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­nikern am Theater Krefeld Mönchen­gladbach noch in allzu guter Erinnerung sind, um die musika­lische Leitung zu übernehmen. Das vorzüglich aufspie­lende Quartett benötigt seine Hilfe nicht wirklich, allen­falls kann er als Binde­glied zwischen den Strei­chern und den Sängern wertvolle Hilfe­stellung leisten. Ein Luxus bleibt es. Aber warum auch nicht? Weniger Aufwand gibt es bei der Ausstattung. Eine Säule mit Sitzge­le­genheit und ein paar Acces­soires müssen reichen, um die garstige Archi­tektur vergessen zu machen. Und schließlich sind es die liebevoll gefer­tigten, an die Commedia dell’arte erinnernden Kostüme, die die Darsteller charakterisieren.

Übertitel gibt es nicht. Sind auch nicht notwendig. Denn Brodka moderiert. Und sie erledigt das mit Grandezza. In Abschnitten erzählt sie den Fortgang der Oper, so dass wirklich keine Italie­nisch-Kennt­nisse vonnöten sind, um den nachfol­genden Gesang zu verstehen. Ganz nebenbei gibt es noch einen kleinen Sprachkurs wichtiger italie­ni­scher Schimpf­wörter und kleine Anekdoten zur Entstehung der Oper. Die Kurzvor­träge werden abgelesen. Welch ein Glück. So kann sich die Sopra­nistin ganz auf die Modulation ihrer Stimme konzen­trieren und das Gesagte zum Genuss für Ohr und Hirn werden lassen. Ganz nebenbei und unauf­fällig kann man so Neben­rollen streichen und die Zeit von zweiein­viertel auf anderthalb Stunden kürzen, ohne dass die Besucher auch nur den Hauch einer Ahnung verspüren, irgend­etwas zu verpassen. Vielmehr steht der Spaß an der Posse im Vorder­grund, und von Anfang an lassen die Zuschauer sich den Szenen­ap­plaus nicht nehmen. Denn die erstklassige Besetzung gibt es in Büttgen ebenfalls. Allen Sängern gemein ist die hohe Textver­ständ­lichkeit, die die Freude am Gesang deutlich erhöht. Erleichtert wird ihr Auftritt durch eine ganz erstaun­liche Akustik, die die Stimmen bis in den letzten Winkel des Platzes trägt.

Ensemble – Foto © O‑Ton

Brodka übernimmt auch gleich noch mit viel Spiel­freude die Rolle der Adina, die ihr gesanglich mehr Freude als Arbeit zu bereiten scheint. Das „Niemandchen“, den Nemorino also, übernimmt Tenor Jakob Klein­schrot, der, so die erfreu­liche Nachricht, im September im Opern­studio Nieder­rhein beginnt und hier stimmlich schon mal zeigt, warum Opern­di­rektor Andreas Wendholz eine gute Entscheidung für das Theater Krefeld Mönchen­gladbach getroffen hat. Herrlich präsen­tiert Agris Hartmanis als Bassba­riton nicht nur den Quack­salber Dulcamara, sondern hat ganz souverän auch noch Zeit für den einen oder anderen Spaß am Bühnenrand. Bariton George Gamal bringt die nötige Ausstrahlung mit, um einen statt­lichen Offizier Belcore zu singen und darzu­stellen. Zinzi Frohwein schließlich fügt sich als Giannetta ganz wunderbar in das Geschehen ein. Eine Rolle fehlt noch. Das ist die des Notars. Eine stumme Rolle und daher gut „spontan“ aus dem Publikum zu besetzen. Wie gut, dass sich Klaus Wortmann, Schatz­meister des Vereins, sogleich bereit­findet, die Stufen zur Bühne würdevoll in Schlappen und Ornat hochzu­steigen und den Spaß mitzu­machen. Sicher kann man sich an der einen oder anderen Stelle eine stereotype Opern­sänger-Haltung weniger gut vorstellen, aber insgesamt ist das Spiel gut im Fluss, und ein paar charmant-witzige Einfälle berei­chern das Geschehen zusätzlich.

Dem Ensemble gelingt es, das Publikum über anderthalb Stunden hinweg durch­gängig zu begeistern. Ganz großes Vergnügen bereiten dabei die kleinen Gäste, die auf der Treppe hocken und der Geschichte sehr konzen­triert folgen. So ist der langan­hal­tende Applaus nach einer kleinen Zugabe hochver­dient. Zwei Termine sind noch geplant. Am 9. August gibt es einen Auftritt in Geldern und einen Tag später in Köln. Ob damit die Serie tatsächlich beendet sein wird, weiß man nicht, denn Brodka folgt mit ihrem Ensemble gern zusätz­lichen Einla­dungen. Es lohnt sich also, die Webseite im Auge zu behalten, wenn man diesen köstlichen Sommerspaß noch erleben möchte.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: