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DIE GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)
Besuch am
22. Oktober 2017
(Premiere am 15. Oktober 2017)
Wie beim Stuttgarter Ring zu Beginn des neuen Jahrtausends und dem in Essen verteilt auch das Badische Staatstheater die Tetralogie auf vier Regisseure. Nachdem seit Juli 2016 David Hermann Das Rheingold, Yuval Sharon Die Walküre und Thorleifur Örn Arnarsson Siegfried in Szene gesetzt hatten, eröffnet die neue Spielzeit mit der von Tobias Kratzer realisierten Götterdämmerung. Die besuchte zweite Vorstellung ist so gut wie ausverkauft.
Kratzer wartet mit einer Fülle von Einfällen auf. Sie reichen von frappant über possierlich bis hin zum Ärgernis. Für Heiterkeit sorgt, dass Kratzer den Nornen die Gestalt seiner Regiekollegen im Karlsruher Ring verleiht, um sie rasch erholt von anfänglicher Erschöpfung ähnlich munter über die Szene huschen zu lassen wie die drei Knaben in aufgeweckten Produktionen der Zauberflöte. Humorig auch Siegfrieds Schwierigkeiten im Umgang mit Grane. Der Held zerrt an Zügeln, nicht minder das unsichtbar draußen vor der Tür widerstrebende Streitross. Erst als Brünnhilde dem Geliebten ein Bündel Möhren in die Hand drückt, lässt sich der Renner besänftigen. Wenn dann Grane im zweiten Aufzug zum Zeugen der Unterredung zwischen Alberich und Hagen wird, verleiht sein Dastehen der Szene mythische Größe. Kehren Siegfried und Gunther von der Expedition auf den Walkürenfelsen heim, so führen sie die in ein Seil geschnürte Brünnhilde auf der Ladefläche eines Pickups mit sich wie das Beutetier auf einer Safari. Entsprechend präsentiert Gunther sie den Mannen gleich einer geprügelten Bestie in der Raubtierschau.
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Zu Siegfrieds Ermordung trägt die Jagdgesellschaft einen Miniaturwald auf die Bühne. Dann veranstaltet Hagen ein Barbecue, bei dem er den Grillmeister gibt. Von der elften Reihe aus ist nicht erkennbar, mit welchem Mordinstrument der Finsterling Siegfried zur Strecke bringt. Die Vermutungen reichen von Grillgabel bis Saufänger. Bald darauf kippt der Grill lautstark in den Trauermarsch hinein, dazu klingeln, während die restlichen Requisiten abgeräumt werden, die Bierflaschen in ihren Kästen. Kann passieren. Muss aber nicht. Bevor die fundamentalen Ärgernisse an der Reihe sind, sei erwähnt, wie sich – ergreifend – der verzweifelte Gunther voller Schmerz über die Leiche des Blutsbruders wirft. Der Gibichung ist ein schwacher Mensch, gewiss. Doch ein Liebender. Weniger innig geht es zwischen Alberich und Hagen zu. Der Ringverflucher hat sich – der Blutfleck im Schritt bezeugt es – selbst entmannt. Er beraubte sich damit der Fähigkeit, hörige Kreaturen wie Hagen zu zeugen. Unerfindlich, weshalb der dem väterlichen Vorbild folgt. Nicht weniger befremdlich stimmt, dass der Erzintrigant, ehe er Siegfried beseitigt, dessen Ross Grane erlegt. Immerhin gibt diese Untat den Theaterplastikern Gelegenheit, ihr ganzes Können zu beweisen, indem sie den Kadaver lebensgroß und ‑echt nachbilden. Der Weltenbrand, bei dem lediglich die Ring-Partitur in einem Lagerfeuerchen aufgeht, spricht die Freunde des Diminutivs an. Es gelingt Kratzer ebenso wenig, die Detailflut zu bändigen, wie Mime – trotz mitunter blitzgescheiter Einfälle – Nothung zu schmieden. Die Kraft zur Synthese fehlt.

Bühne und Kostüme verantwortet Rainer Sellmaier. Das Bild schwankt zwischen Kitsch und, folgt man den Erläuterungen im Programmheft, äußerster Reduktion. Radikale Verknappung und Verdichtung der künstlerischen Mittel aber trennen Welten von schierer Einfallslosigkeit. Die Bühne der Karlsruher Götterdämmerung tendiert zu letzterer. Das Liebeslager auf dem Walkürenfelsen bedient mit weißem Himmelbett und Schnitzmüsterchen Soap-Formate. Wieder so ein Diminuendo. Die Gibichungenhalle besteht aus gerasterten Spiegelwänden. Insgesamt herrscht viel Leere, ohne dass dadurch irgendwelche Assoziationsräume eröffnet würden. Kostümlich findet bei den Herren eine Modenschau für weiße Unterwäsche, bei den Damen die für spießige Nachthemden statt.
Die von Ulrich Wagner einstudierten Herren des Badischen Staatsopernchores samt denen des Extrachores singen undifferenziert drauflos.
Mit der Badischen Staatskapelle vollbringt Justin Brown eine achtbare Kapellmeisterleistung. Den motivischen Verflechtungen spürt Brown nur wenig nach. Sensibel ausgehörte Passagen ergeben sich, wenn es auf Siegfrieds Ende zugeht.
Daniel Frank läuft im anfänglichen Liebesnest auf dem Walkürenfelsen und im Dialog mit den Rheintöchtern zu heldentenoraler Bestform auf. Final schluchzt er sich zu Tode. Heidi Melton ist eine stimmlich robuste, die hochdramatische Attacke ohne vokale Schärfen trefflich meisternde Brünnhilde. Hagen ist bei Konstantin Gorny darstellerisch engagiert und stimmlich angemessen aufgehoben. Der Gunther von Armin Kolarczyk fährt vokal mächtig auf, um sich dann rasch zurückzunehmen. Kolarczyk verleiht so dem charakterschwachen Gibichungenkönig die passende Statur. Die Nornen von Sarah Castle, Dilara Bastar und An de Ridder sind stimmlich wie darstellerisch erstaunlich quecksilbrige Geschöpfe. Castle, die zudem Floßhilde und Waltraute verkörpert, überzeugt in allen drei Partien. Auch die weiteren Rollen sind ansprechend besetzt.
Kräftiger, anhaltender Applaus für Solisten, Kollektive und den Dirigenten.
Michael Kaminski