O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Felix Grünschloß

Die Welt, eine Theaterkulisse

RINALDO
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
26. Februar 2025
(Premiere am 21. Februar 2025)

 

Badisches Staats­theater Karlsruhe

Zum dritten Mal nach 1981 und 2014 steht Rinaldo auf dem Programm der Inter­na­tio­nalen Händel-Festspiele Karlsruhe. Deren Ausge­staltung liegt seit dieser Spielzeit in den Händen eines neuen Leitungs­teams, angeführt von Christoph von Bernuth. Die Neupro­duktion mit zwei ausge­wie­senen Spezia­listen der Barock­musik, dem Regisseur Hinrich Horst­kotte, der auch für Bühne und Kostüme verant­wortlich zeichnet, und Rinaldo Alessandrini am Pult der Deutschen Händel-Solisten, bestätigt einmal mehr das künst­le­rische Niveau der Festspiele seit ihrer Gründung 1978. Als Ort mit eigener barocker Geschichte und Stadt­struktur. Als Zentrum einer program­ma­ti­schen Ambition, die den 42 vollstän­digen Werken Händels für die Opern­bühne regel­mäßig neue Aspekte und Sicht­weisen abgewinnt, renom­mierte Künstler wie Affici­o­nados der Barock-Musik anzieht.

1711 gelingt dem 25-jährigen Händel mit seiner Zauberoper Rinaldo der Durch­bruch in London. Die Musik­nummern, die zum Teil aus zuvor in Italien entstan­denen Werken stammen, entzücken das verwöhnte Publikum der engli­schen Metropole. Die Arie Lascia ch’io pianga der Almirena und Cara sposa, die Klage des Rinaldo, avancieren zu Hits. Nicht wenig trägt die imposante Bühnen­aus­stattung des Haymarket Theatre mit ihrer spekta­ku­lären Technik zum Erfolg bei Publikum und Kritik bei. Zum Einsatz kommen komplexe Flugma­schinen, riesige Drachen und lebende Vögel, die Almirenas Liebes­er­klärung Augel­letti, che cantata gegenüber Rinaldo umflattern und im Theater allerlei Turbu­lenzen auslösen, nicht nur willkommene. Der Kastrat Nicolini gleitet in einem offenen Boot über einen See aus Pappmaché, zum Ergötzen der Besucher, zur Belus­tigung der Presse.

An diese spekta­kuläre Auffüh­rungs­tra­dition knüpft die Insze­nierung des Kreuz­rit­teropus im Badischen Staats­theater an. Ihr liegt aller­dings – anders als 1981 – die seltener gespielte Zweit­fassung von 1731 zugrunde, die die musika­lische Charak­te­ri­sierung der Darsteller in das Zentrum rückt. Der doppelte Rekurs, einer­seits auf die technische Märchenwelt des voll entfal­teten Barock­theaters, ander­seits auf den galanten italie­ni­schen Stil, den der Komponist bei seiner Italien-Reise im ersten Halbjahr 1729 kennen­lernt, macht den Reiz der Neupro­duktion aus.

Rinaldo auf einen Text des Theater­li­bret­tisten Giacomo Rossi folgt einer Episode aus Torquato Tassos Epos Gerusa­lemme liberata von 1575, die zur Zeit der Belagerung Jerusalems durch die Sarazenen um 1100 spielt. Goffredo, alias Gottfried von Bouillon, der Anführer der christ­lichen Armee, verspricht seinem Mitstreiter Rinaldo im Fall des Sieges seine Tochter Almirena. Er gewährt Argante, dem König von Jerusalem, einen dreitä­gigen Waffen­still­stand, während dessen die Zauberin Armida, die Geliebte Argantes und Regentin von Damaskus, Almirena entführt. Erst als Goffredo einen christ­lichen Magier zu Hilfe ruft, entwi­ckeln sich die Geschicke in die gewünschte Richtung. Rinaldo und Almirena werden ein Paar. Armida und Argante bekehren sich zum christ­lichen Glauben, wobei in der Zweit­fassung das Religiöse und der Glaubens­krieg in den Hinter­grund rücken.

Foto © Felix Grünschloß

Magie und Zauberei prägen auch Horst­kottes Bühne, auf der die Welt nicht physische Realität ist, sondern Kulisse eines imagi­nären Theaters, einer illusio­nis­ti­schen Vorstellung des Seins. Diese Sicht wird im zweiten Teil manifest, als die Protago­nisten in einem sich wellen­artig bewegenden Theater­parkett agieren, das als Zitat des Heymarket Theatre fungiert. Jetzt sind es fliegende Fische, Delfine und ein veritabler Drache, die die Kanti­lenen der Sänger­dar­steller begleiten. Die gekonnten Video­bilder von Sven Stratmann lassen an die Londoner Sequenz der flatternden Sperlinge in einem himmli­schen Auge denken. Eine Luke im Bühnen­boden ermög­licht Auftritte aus dem Souterrain, was Assozia­tionen zu allerlei krabbelndem Getier herauf­be­schwört. Almirena schwebt, gewandet in das Weiß der Unschuld, in einem goldenen Käfig von oben ein. Armida im schwarzen Kostüm bevorzugt die Gegen­richtung und entschwindet auf einer Fanta­sie­wolke im Theaterhimmel.

Zu Beginn fällt der Blick auf das Stadt­pan­orama Jerusalems mit der goldenen Kuppel des Felsendoms im Zentrum, die – kurios genug – Armida als Einstieg in die Szene dient. Am Ende ist dieses Jerusalem noch einmal zu sehen, nun aber mit der zerstörten Kuppel. Symbol für die Schrecken des Krieges, den die geläu­terten Personen hinter sich gelassen haben. Die Perso­nen­regie erinnert an Horst­kottes frühere Phase als Puppen­spieler im Mario­net­ten­theater. Die Protago­nisten agieren ihre Gefühle und Leiden­schaften wie an imagi­nären Fäden gezogen aus. Die äußerst fanta­sie­vollen Kostüme korre­spon­dieren eindrucksvoll mit der Ornamentik des Zauber­theaters. Ein Stück irdischer und stereo­typer gerieren sich die Dschi­ha­disten. Die Statisten sind mit Patro­nen­gürteln bestückt, die mächtig Eindruck machen. Insgesamt ein pracht­volles Spektakel, das Händel und Haymarket-Manager Aaron Hill gewiss gefallen hätte.

Mit der Zweit­fassung von Rinaldo verfeinert Händel seine komplexe Musik­sprache, was im Zwischen­schritt von Giulio Cesare in Egitto von 1724 gut erkennbar ist. Er greift Ouver­türen und Ballett­ein­lagen im franzö­si­schen Stil auf, erweitert das Reper­toire der Instru­men­tierung und lässt sich neue Rhythmen einfallen, auf denen die Sänger mit festen oder freien Verzie­rungen ihre Gefühle insze­nieren. All das findet sich in der Rinaldo-Partitur, die in den Deutschen Händel-Solisten, die ihr 40jähriges Bestehen begehen, beste Sachwalter hat. Voran getrieben von einem vorzüg­lichen Basso continuo mit der Takt gebenden Laute des meister­lichen Sören Leupold. Ist die Abstimmung mit den vokalen Darbie­tungen auf der Bühne nicht immer stimmig, so imponiert doch Alessand­rinis Gespür für die Feinheiten der Kunst Händels. Das können auch die Windma­schine und die Donner­bleche im Orches­ter­graben nicht vergessen machen, die natürlich zum Reper­toire einer Zauberoper gehören.

Foto © Felix Grünschloß

Das Wesen einer barocken Arie besteht in der Schil­derung eines bestimmten Affektes, zumeist unter Verwendung standar­di­sierter Mittel. Mit Rinaldo gelingt es Händel erstmals, die Schil­de­rungen von wahren Gefühls­land­schaften psycho­lo­gisch so zu inten­si­vieren, dass die Proto­typen seiner Opern vom Publikum als glaub­würdige, gar authen­tische Figuren wahrge­nommen werden. Der Mittelteil von Rinaldo ist ein Muster­bei­spiel für diese Art von Affekt-Theater, von vokalen Skulp­turen des Verharrens in der Schönheit der Musik. Perfekt kreiert vom legen­dären Altkas­traten Senesino, dem Rinaldo in der Urauf­führung der Zweit­fassung, wie zeitge­nös­sische Quellen berichten.

Umso bedau­er­licher, dass Lawrence Zazzo die Titel­rolle zwar mit der Routine von vielen Bühnen­jahren gestaltet, aber der Partie sänge­risch einiges schuldig bleibt. Gelingt dem Counter­tenor noch die Bravourarie Cara sposa, was vom Publikum mit Szenen­beifall quittiert wird, so kämpft er regel­mäßig mit dem Volumen seiner Stimme, die er einige Male in seine ursprüng­liche Bariton-Lage abrut­schen lässt. Ein Zeichen von Ermüdung?

Als Almirena bildet Suzanne Jerosme gleichsam den Gegenpol, unbeirrt in ihrer Liebe, präsent im Spiel und ausdrucks­stark wie nuancen­reich mit ihrem Sopran, der jede Schwie­rigkeit und jede Koloratur meistert. So avanciert ihre Parforce durch Orches­ter­graben und Parkett während ihrer Erleich­terung verströ­menden Arie im letzten Akt zu einem gewollten Schau­laufen, das ihr die Regie schenkt und das Publikum begeistert. Ein starker Auftritt der Französin. Die Mezzo­so­pra­nistin Valeria Girar­dello gibt der Armida das Durch­triebene und Bösartige wie das Verspielt-Groteske einer Zauberin. Mit Vehemenz und Schärfe ruft sie die Krieger auf das Schlachtfeld. Schade, dass ihre belli­zis­tische Arie Vo‘ far guerro aus der ersten Fassung in der zweiten fehlt.

Altistin Francesca Ascioti punktet in der Hosen­rolle des Argante, die in der Urauf­führung der ersten Fassung mit einem Bass besetzt war. Der Tenor Jorge Navarro Colorado verleiht Goffredo die aristo­kra­ti­schen Merkmale des designierten Herrschers. Er strömt Beson­nenheit und Würde aus, profi­liert sich als Fels in der Brandung.

Das Publikum der zweiten Aufführung nach der Premiere im proppenvoll besetzten Theater ist schier aus dem Häuschen, nachdem sich nach und nach die Mitwir­kenden präsen­tieren. Es jubelt und will, wie es scheint, selbst nach dreieinhalb Stunden Händel-Musik kein Ende finden. Auch die Verstei­gerung der von Horst­kotte geschaf­fenen Rinaldo-Figurinen am 4. März, dem Tag der letzten Rinaldo-Aufführung, dürfte ihre Inter­es­senten finden.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: