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Nach dem etwas uneinheitlichem Rheingold zu Beginn der Spielzeit wird der neue Ring des Nibelungen in Kassel mit der Walküre fortgesetzt. Es zeichnet sich ab, dass die neue Deutung am Staatstheater von der Lichtregie Christian Franzens beherrscht wird, der immer wieder viel Atmosphäre auf die Bühne zaubert. Er arbeitet dabei vor allem mit Schwarzweiß-Kontrasten. Licht und Schatten entstehen dabei nicht nur auf der Bühne, sie sind auch beschreibend für die Inszenierung von Markus Dietz, der seine moderne Nacherzählung der Handlung konsequent fortsetzt. Das ist auf der einen Seite sehr gut, denn schon im zweiten Teil kann man den ästhetischen und erzählerischen Faden erkennen, so dass man schon sehr genau weiß, was einen an den nächsten beiden Abenden in der kommenden Saison erwarten wird. Schon im Rheingold ist die Bühnentechnik gefordert und auch in der Walküre erzeugt die neu ins Team gestoßene Mayke Hegger der Bühne mit Versenkungen und Vorhängen viel Abwechslung. Henrike Bromber stattet die Sänger mit ihren zeitgemäßen Kostümen aus, die jede Figur standesgemäß zeigt, ohne dabei zu konkret in der Aussage zu werden.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Auf der anderen Seite fehlt dieser Ring-Deutung – auch das zeichnet sich mehr und mehr ab – das Besondere. Gerade in der heutigen Zeit, wo in allen vier Himmelsrichtungen der Republik ein Ring geschmiedet oder gespielt wird, sollte die Tetralogie doch noch mehr einbrennen als das derzeit noch in Kassel passiert. An Ideen mangelt es Dietz und seinem Team jedenfalls nicht. Gerade in der Personenführung kann der Regisseur punkten und lässt die Sänger miteinander auf der Bühne agieren. Doch gleichzeitig versucht er, manche Szene noch mit zusätzlichen Hintergrundaktionen aufzuwerten, wobei sich einige Details nicht immer erschließen. Einige Details verpuffen, bevor sie überhaupt richtig gewirkt haben: Das Schwert Nothung fängt beim Kampf gegen Hunding wie ein Laserschwert aus Star Wars an zu leuchten, bis es auf Wotans Lichtspeer trifft. Ein netter Effekt sicherlich, aber gleichzeitig auch ein lahmer Ausweichversuch vor einer Kampfszene. Auch manches Timing ist eher ungewöhnlich. So ist bei Wotans Abschied von seiner Tochter Brünnhilde die Bühne schon in rotes Licht getaucht, bevor Wotan den Feuergott Loge überhaupt herbeigerufen hat.
Die Oper beginnt im kalt-stilisierten Designerraum von Hunding, wo der Opernfreund auf die wunderbare Sieglinde von Nadja Stefanoff trifft, die schon in Oldenburg in dieser Rolle eine Entdeckung war. Nun ist sie noch weiter gereift. Allein schon die ersten kurzen Phrasen, die sie zu singen hat, sind erfüllt vom musikalischen Leben. Die langen Legato-Linien ihrer Erzählung von der „Männer Sippe“, die Begeisterung über das „hehrste Wunder“ offenbaren eine der schönsten und emotionalsten Sopranstimmen, die man derzeit hören kann. Ihrem Bühnenpartner Martin Iliev mag es in der nach unten gedrückten Baritonlage etwas an Schönheit mangeln, aber vor allem in der hohen Lage macht er das kleine Manko mehr als wett. Dazu bietet auch er eine sehr lebendige Interpretation, die ihn zu einem gleichwertigen Zwillingsbruder seiner Sieglinde macht.

Komplettiert wird das musikalische Glück im zweiten Akt durch Nancy Weißbach. Ihre angesagte Indisposition hört man nur daran, dass die Höhe sehr scharf klingt. Ansonsten darf man einen agilen und gleichzeitig sehr gut fokussierten, jungen, heldischen Sopran bestaunen, dessen Schönheit hoffentlich noch lange vorhalten wird. Mit diesen drei Künstlern wird die Todesverkündigung im zweiten Akt zum Höhepunkt der Aufführung, zumal dieser Moment auch szenisch ungeheuer stark inszeniert ist.
Auch Ulrike Schneider ist als indisponiert angesagt, und trotzdem macht die Sängerin als Fricka ihrem Wotan ordentlich die Hölle heiß. Selbst ein starker Göttervater wäre an ihr verzweifelt, aber wie schon im Rheingold hat die Oper Kassel in der Dernière mit dieser Rolle kein Glück. Einmalig singt Robert Bork den Wotan, ist daher auf der Bühne wenig eingearbeitet und verfügt gleichzeitig über ein sehr begrenztes Repertoire an Mimik und Gestik. Bei allem Respekt vor seiner vokalen Leistung, der es nicht an Kondition mangelt und auch nicht am Willen zur Differenzierung, bleibt Bork dieser Rolle an diesem Abend vieles schuldig.
Wenig bis gar nichts lässt dagegen das Staatsorchester Kassel anbrennen. Francesco Angelico riskiert recht breite Tempi, die im ersten Akt noch nicht so ganz aufgehen, da die Spannung noch nicht durchgehend aufrecht erhalten bleibt. Das Orchester demonstriert aber erneut diesen wunderbar lyrischen Klang, der bereits das Rheingold veredelte. Das bedeutet aber nicht, dass der Klangkörper nur brav musizieren kann. Wotans Zorn kommt mit dem richtigen Biss daher. Und im zweiten Akt gelingt dann in der schon oben erwähnten Todesverkündigung einer dieser seltenen Momente, der Oper so besonders macht. Fast in Zeitlupe wabern die Motive aus dem Graben herauf. Jede Phrase, jeder Takt, jede Note besitzt Spannung und mischt sich so sensibel mit den Stimmen, dass den Hörern der Atem stockt. Dementsprechend werden die Sänger und Musiker von einem sehr ruhigen Publikum, das zu den Aktschlüssen nur wenig Begeisterung zeigt, am Ende des Abends mit langem Beifall und im Stehen gefeiert.
Rebecca Hoffmann