O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
ALEKO/FRANCESCA DA RIMINI
(Sergei Rachmaninow)
Besuch am
5. Mai 2018
(Premiere am 28. April 2018)
Das Theater Kiel als traditionelles Drei-Sparten-Haus in Norddeutschland ist ein ehrgeiziges Haus. Nicht nur wird in dieser und der kommenden Spielzeit der gesamte Ring des Nibelungen von Richard Wagner in der Regie des Hausherrn Daniel Karasek auf die Bühne gewuchtet, vielmehr scheut man parallel auch nicht vor anderen Herausforderungen im Spielplan zurück. So inszeniert Brigitte Fassbaender zum Beispiel in der nächsten Spielzeit auch noch parallel Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss – das leisten heute auch große Häuser so schnell nicht mehr.
Auch bei Ausgrabungen ist man aktiv: Wer weiß schon, dass Rachmaninow Opern geschrieben hat? Insgesamt drei Werke hat der Komponist in seiner frühen Phase kreiert, von denen die Oper Kiel zwei Einakter an einem Abend neu zur Diskussion stellt: Aleko nach dem Libretto von Wladimir Nemrowitsch-Dantschenko nach Puschkin und Francesca da Rimini, Libretto von Modest Tschaikowski nach Dantes Die Göttliche Komödie.
Aleko hat Rachmaninow als Examensaufgabe während seines Studiums am Moskauer Konservatorium 1892 als 19-Jähriger in nur 17 Tagen komponiert und erntete, nicht zuletzt vom Komponisten Peter Tschaikowsky, großes Lob für diese erste Oper. 1906 kam schließlich seine dritte Oper Francesca da Rimini ebenfalls in Moskau zur Uraufführung.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Die Kieler Oper hat sich nunmehr entschieden, die beiden Werke an einem Abend zu präsentieren und in einen dramaturgischen Zusammenhang zu stellen. Beide Werke sind rund einstündige Eifersuchtsdramen. Der Ehemann ermordet seine Frau und ihren Geliebten. Der Mörder ist gewissermaßen immer der Bariton, die Opfer Sopran und Tenor. Allerdings entwickelt sich die Handlung in jeweils unterschiedlichem sozialem Umfeld. Während Aleko im so genannten Zigeunermilieu spielt, stirbt Francesca im Adelspalast.
Francesca da Rimini hat einen ausführlichen Prolog, in dem Vergil Dante in die Hölle führt. Dort treffen sie auf die Verdammten, „die ihren Verstand der Liebesleidenschaft unterordneten“. Der Prolog wird an diesem Abend zunächst dem Aleko vorangestellt. Erst nach der Pause folgt dann Francesca da Rimini ohne den Prolog. Der gesamte Abend wird sodann mit dem Epilog im ersten Kreis der Hölle im Augenblick ewiger Qual beschlossen: „Es gibt kein größeres Leid, als sich im Unglück an vergangenes Glück zu erinnern“.
Das Konzept der Regisseurin Valentina Carrasco, die auch mit der Theatergruppe La Fura del Baus zusammenarbeitet, erscheint dramaturgisch zunächst schlüssig. Das soll auch dadurch erreicht werden, dass jeweils der eifersüchtige Ehemann, der Liebhaber und die Ehefrau mit den gleichen Sängerdarstellern besetzt werden. Insbesondere aber Bühnenbild von Andrea Miglio, Kostüme von Barbara del Piano sowie Lichtgestaltung von Martin Witzel und Videokunst von Julian Jetter und Frank Schewe tragen zu diesem Gesamteindruck bei.
Dabei eröffnet die Oper mit einem Vogelflugvideo scheinbar himmelweiter Freiheit, das jedoch plötzlich in die Darstellung einer gigantischen, hässlichen Müllkippe mündet. Wenn sich der Vorhang hebt, rollt sich der Chor wie in Plastikfolien oder vertrockneten Ölbelag verklebt in den Bühnenvordergrund, um sich mühsam von dieser schwarzen, toten Materie zu befreien. Die Szene ist, beginnend mit dem schwarz-weiß des Videos, auch in der übrigen Ausstattung stark schwarz-weiß basiert. Ein inhaltlicher Bezug zum Müllkippenbild wird nicht klar, es sei denn, man akzeptiert die Anmutung einer zerstörten Welt dieser Müllkippe assoziativ mit der Erscheinung der Hölle. Politisch korrekt ist das heute allemal.
Die einzige Ausnahme bei der Farbgebung ist das Rot der Wollust. In beiden Opern wird bei der Begegnung der Liebenden mit Videoeffekten und einigen wenigen roten Farbtönen gearbeitet. Nach Entdeckung durch den Ehemann und dem nachfolgenden Mord sinkt die Szene jedoch bald zurück in die dunklen, schwarz-weiß dominierten Töne.

Damit vermittelt die Szenerie eine Unausweichlichkeit, der die Protagonisten nicht entkommen können und folgt damit der äußeren Handlung. Die optisch-szenische Darstellung ist dabei fortwährend eingeengt auf die ausweglose Perspektive der Verdammten und ihrer Vorbestimmung – wie ein ethisches Verdikt. Eine potenzielle Einfühlung in die Erlebniswelten der neuen, alternativen Liebespaare ist weder im freien Umfeld des Zigeunerlebens bei Aleko noch bei Francesca gegeben, so intensiv und verführerisch auch gesungen wird.
Die Besetzung der jeweiligen Rollen als Ehemann, Frau, Liebhaber mit den jeweils selben Sängern, die den Musikdramen zwar stimmlich und darstellerisch gerecht werden, vermittelt zusammen mit der ausweglosen Aura der Szenerie eine gewisse monochrome und statische Struktur, die die Folgen der Eifersucht in den Vordergrund stellt, nicht aber die mögliche Empfindung der potenziellen Erfüllung in den alternativen Beziehungen zulässt. Möglicherweise hätte die Besetzung mit anderen Solisten im zweiten Werk trotz der szenischen Einseitigkeit eine Brechung und alternative, bereichernde szenische und musikalische Umsetzung bewirkt. Ganz sicherlich hätte eine ausgefeiltere Personenführung dazu beigetragen.
Mit Jörg Sabrowski als hocherfahrenem Ensemblemitglied steht ein eindringlicher Aleko und Lanciotto auf der Bühne, dem seine lange Praxis ermöglicht, seine stimmlichen Möglichkeiten klug und ökonomisch in beiden Werken über den gesamten Abend einzusetzen und kalkuliert zu temperieren. Sein Auftritt wird mit dem ersten Erscheinen szenisch sehr eingeengt auf die Rolle des älteren, absehbaren Rächers und Mörders seiner Frauen. Mercedes Arcuri als die Aleko nahestehende Frau Semfira sowie Lanciottos Ehefrau Francesca bemüht sich erfolgreich, die den Partien zugrundeliegenden sehr unterschiedlichen Charaktere einer leichtlebigen jungen Frau in Aleko und einer in den steifen Traditionen und Riten gebundenen Adligen in der Francesca da Rimini zu geben. Mit Yoonki Baek steht für beide Opern ein Tenor mit jugendlicher Strahlkraft zur Verfügung, der den Rollen stimmlich gut gerecht wird. Semfiras Vater wird stimmlich eindrucksvoll von Timo Riihonen gegeben, und als alte Zigeunerin rundet Anka Perfanova das Ensemble gut ab. Im dem Abend vorangestellten Vorspiel geben Matteo Maria Ferretti als Schatten von Vergil und Fred Hoffmann als Dante überzeugende Rollenporträts.
Die Opern werden bei den Kollektiven mit großer Besetzung gegeben. Neben dem Opernchor des Theaters Kiel kommt der Extrachor, beide unter der Leitung von Lam Tran Dinh, zum Einsatz. Weiterhin tritt eine umfangreiche Bewegungsstatisterie des Theaters auf sowie die große Besetzung des Philharmonischen Orchesters Kiel unter der engagierten Leitung von Daniel Carlberg. Den Ensembles gelingt es gut, das Publikum mit der besonderen Klangfärbung und den Eigenarten der frühen Werke von Rachmaninow auf der Opernbühne vertraut zu machen.
Vielleicht hätte man bei der kleinen Solisten-Besetzung der Kerndramen auch ein Kammeropern-Format umsetzen können, das musikalisch die Besonderheiten der frühen Werke von Rachmaninow mit einem überschaubaren Orchesterapparat auf den Punkt gebracht hätte. Aber dann hätten wir wieder nicht die Originale zu Gehör bekommen, wie das verdienstvollerweise nun ausnahmsweise einmal der Fall war.
Das Publikum feiert seine Kieler Künstler mit vielen Rufen und herzlichem Applaus. Allerdings ist das Theater in der zweiten Aufführung nach der Premiere und an einem wunderschönen Mai-Abend nur schlecht besucht und ganz offenbar keine Destination für ein junges Publikum.
Achim Dombrowski