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Foto © Olaf Struck

Gefangen in Dantes dunkler Hölle

ALEKO/​FRANCESCA DA RIMINI
(Sergei Rachmaninow)

Besuch am
5. Mai 2018
(Premiere am 28. April 2018)

 

Theater Kiel

Das Theater Kiel als tradi­tio­nelles Drei-Sparten-Haus in Norddeutschland ist ein ehrgei­ziges Haus. Nicht nur wird in dieser und der kommenden Spielzeit der gesamte Ring des Nibelungen von Richard Wagner in der Regie des Hausherrn Daniel Karasek auf die Bühne gewuchtet, vielmehr scheut man parallel auch nicht vor anderen Heraus­for­de­rungen im Spielplan zurück. So insze­niert Brigitte Fassbaender zum Beispiel in der nächsten Spielzeit auch noch parallel Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss – das leisten heute auch große Häuser so schnell nicht mehr.

Auch bei Ausgra­bungen ist man aktiv: Wer weiß schon, dass Rachma­ninow Opern geschrieben hat? Insgesamt drei Werke hat der Komponist in seiner frühen Phase kreiert, von denen die Oper Kiel zwei Einakter an einem Abend neu zur Diskussion stellt: Aleko nach dem Libretto von Wladimir Nemro­witsch-Dantschenko nach Puschkin und Francesca da Rimini, Libretto von Modest Tschai­kowski nach Dantes Die Göttliche Komödie.

Aleko hat Rachma­ninow als Examens­aufgabe während seines Studiums am Moskauer Konser­va­torium 1892 als 19-Jähriger in nur 17 Tagen kompo­niert und erntete, nicht zuletzt vom Kompo­nisten Peter Tschai­kowsky, großes Lob für diese erste Oper. 1906 kam schließlich seine dritte Oper Francesca da Rimini ebenfalls in Moskau zur Uraufführung.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Kieler Oper hat sich nunmehr entschieden, die beiden Werke an einem Abend zu präsen­tieren und in einen drama­tur­gi­schen Zusam­menhang zu stellen. Beide Werke sind rund einstündige Eifer­suchts­dramen. Der Ehemann ermordet seine Frau und ihren Geliebten. Der Mörder ist gewis­ser­maßen immer der Bariton, die Opfer Sopran und Tenor. Aller­dings entwi­ckelt sich die Handlung in jeweils unter­schied­lichem sozialem Umfeld. Während Aleko im so genannten Zigeu­ner­milieu spielt, stirbt Francesca im Adelspalast.

Francesca da Rimini hat einen ausführ­lichen Prolog, in dem Vergil Dante in die Hölle führt. Dort treffen sie auf die Verdammten, „die ihren Verstand der Liebes­lei­den­schaft unter­ord­neten“. Der Prolog wird an diesem Abend zunächst dem Aleko voran­ge­stellt. Erst nach der Pause folgt dann Francesca da Rimini ohne den Prolog. Der gesamte Abend wird sodann mit dem Epilog im ersten Kreis der Hölle im Augen­blick ewiger Qual beschlossen: „Es gibt kein größeres Leid, als sich im Unglück an vergan­genes Glück zu erinnern“.

Das Konzept der Regis­seurin Valentina Carrasco, die auch mit der Theater­gruppe La Fura del Baus zusam­men­ar­beitet, erscheint drama­tur­gisch zunächst schlüssig. Das soll auch dadurch erreicht werden, dass jeweils der eifer­süchtige Ehemann, der Liebhaber und die Ehefrau mit den gleichen Sänger­dar­stellern besetzt werden. Insbe­sondere aber Bühnenbild von Andrea Miglio, Kostüme von Barbara del Piano sowie Licht­ge­staltung von Martin Witzel und Video­kunst von Julian Jetter und Frank Schewe tragen zu diesem Gesamt­ein­druck bei.

Dabei eröffnet die Oper mit einem Vogel­flug­video scheinbar himmel­weiter Freiheit, das jedoch plötzlich in die Darstellung einer gigan­ti­schen, hässlichen Müllkippe mündet. Wenn sich der Vorhang hebt, rollt sich der Chor wie in Plastik­folien oder vertrock­neten Ölbelag verklebt in den Bühnen­vor­der­grund, um sich mühsam von dieser schwarzen, toten Materie zu befreien. Die Szene ist, beginnend mit dem schwarz-weiß des Videos, auch in der übrigen Ausstattung stark schwarz-weiß basiert. Ein inhalt­licher Bezug zum Müllkip­penbild wird nicht klar, es sei denn, man akzep­tiert die Anmutung einer zerstörten Welt dieser Müllkippe assoziativ mit der Erscheinung der Hölle. Politisch korrekt ist das heute allemal.

Die einzige Ausnahme bei der Farbgebung ist das Rot der Wollust. In beiden Opern wird bei der Begegnung der Liebenden mit Video­ef­fekten und einigen wenigen roten Farbtönen gearbeitet. Nach Entde­ckung durch den Ehemann und dem nachfol­genden Mord sinkt die Szene jedoch bald zurück in die dunklen, schwarz-weiß dominierten Töne.

Foto © Olaf Struck

Damit vermittelt die Szenerie eine Unaus­weich­lichkeit, der die Protago­nisten nicht entkommen können und folgt damit der äußeren Handlung. Die optisch-szenische Darstellung ist dabei fortwährend eingeengt auf die ausweglose Perspektive der Verdammten und ihrer Vorbe­stimmung – wie ein ethisches Verdikt. Eine poten­zielle Einfühlung in die Erleb­nis­welten der neuen, alter­na­tiven Liebes­paare ist weder im freien Umfeld des Zigeu­ner­lebens bei Aleko noch bei Francesca gegeben, so intensiv und verfüh­re­risch auch gesungen wird.

Die Besetzung der jewei­ligen Rollen als Ehemann, Frau, Liebhaber mit den jeweils selben Sängern, die den Musik­dramen zwar stimmlich und darstel­le­risch gerecht werden, vermittelt zusammen mit der ausweg­losen Aura der Szenerie eine gewisse monochrome und statische Struktur, die die Folgen der Eifer­sucht in den Vorder­grund stellt, nicht aber die mögliche Empfindung der poten­zi­ellen Erfüllung in den alter­na­tiven Bezie­hungen zulässt. Mögli­cher­weise hätte die Besetzung mit anderen Solisten im zweiten Werk trotz der szeni­schen Einsei­tigkeit eine Brechung und alter­native, berei­chernde szenische und musika­lische Umsetzung bewirkt. Ganz sicherlich hätte eine ausge­feiltere Perso­nen­führung dazu beigetragen.

Mit Jörg Sabrowski als hocher­fah­renem Ensem­ble­mit­glied steht ein eindring­licher Aleko und Lanciotto auf der Bühne, dem seine lange Praxis ermög­licht, seine stimm­lichen Möglich­keiten klug und ökono­misch in beiden Werken über den gesamten Abend einzu­setzen und kalku­liert zu tempe­rieren. Sein Auftritt wird mit dem ersten Erscheinen szenisch sehr eingeengt auf die Rolle des älteren, abseh­baren Rächers und Mörders seiner Frauen. Mercedes Arcuri als die Aleko naheste­hende Frau Semfira sowie Lanciottos Ehefrau Francesca bemüht sich erfolg­reich, die den Partien zugrun­de­lie­genden sehr unter­schied­lichen Charaktere einer leicht­le­bigen jungen Frau in Aleko und einer in den steifen Tradi­tionen und Riten gebun­denen Adligen in der Francesca da Rimini zu geben. Mit Yoonki Baek steht für beide Opern ein Tenor mit jugend­licher Strahl­kraft zur Verfügung, der den Rollen stimmlich gut gerecht wird. Semfiras Vater wird stimmlich eindrucksvoll von Timo Riihonen gegeben, und als alte Zigeu­nerin rundet Anka Perfanova das Ensemble gut ab. Im dem Abend voran­ge­stellten Vorspiel geben Matteo Maria Ferretti als Schatten von Vergil und Fred Hoffmann als Dante überzeu­gende Rollenporträts.

Die Opern werden bei den Kollek­tiven mit großer Besetzung gegeben. Neben dem Opernchor des Theaters Kiel kommt der Extrachor, beide unter der Leitung von Lam Tran Dinh, zum Einsatz. Weiterhin tritt eine umfang­reiche Bewegungs­sta­tis­terie des Theaters auf sowie die große Besetzung des Philhar­mo­ni­schen Orchesters Kiel unter der engagierten Leitung von Daniel Carlberg. Den Ensembles gelingt es gut, das Publikum mit der beson­deren Klang­färbung und den Eigen­arten der frühen Werke von Rachma­ninow auf der Opern­bühne vertraut zu machen.

Vielleicht hätte man bei der kleinen Solisten-Besetzung der Kerndramen auch ein Kammer­opern-Format umsetzen können, das musika­lisch die Beson­der­heiten der frühen Werke von Rachma­ninow mit einem überschau­baren Orches­ter­ap­parat auf den Punkt gebracht hätte. Aber dann hätten wir wieder nicht die Originale zu Gehör bekommen, wie das verdienst­vol­l­er­weise nun ausnahms­weise einmal der Fall war.

Das Publikum feiert seine Kieler Künstler mit vielen Rufen und herzlichem Applaus. Aller­dings ist das Theater in der zweiten Aufführung nach der Premiere und an einem wunder­schönen Mai-Abend nur schlecht besucht und ganz offenbar keine Desti­nation für ein junges Publikum.

Achim Dombrowski

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