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Vor genau 100 Jahren ereignete sich Großes in Kiel: Der Matrosenaufstand 1918 bezeichnete das Ende einer Epoche, führte zur Abdankung des deutschen Kaisers und leistete einen Beitrag zur Ermöglichung der Weimarer Republik. Das Theater Kiel hat das zum Anlass genommen, die wichtige historische Wegmarke aufzugreifen und als Oper vertonen zu lassen. Den Kompositionsauftrag hat das Haus an Marco Tutino vergeben.
Tutino ist ein erfahrener Komponist. Sein Werkverzeichnis beinhaltet eine stattliche Anzahl von Werken, darunter seit 1985 eine ganze Reihe von Musiktheaterwerken. Die Schöpfungen sind von bedeutenden Opernbühnen beauftragt und dort auch zur Aufführung gekommen: Arena di Verona, Opernhaus Carlo Felice Genua, Teatro Communale di Bologna, Mailänder Scala, San Francisco – um nur einige zu nennen. Tutino war auch künstlerischer Leiter wichtiger italienischer Opernhäuser.
Zusammen mit den Librettisten Luca Rossi aus Italien und Wolfgang Haendeler aus Deutschland hat der Komponist für die Kieler Oper pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum des Kieler Matrosenaufstands sein Werk uraufführen können.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Die Handlung beschreibt die menschenunwürdigen Verhältnisse, unter denen die einfachen Mannschaften der Marine im Ersten Weltkrieg ihr Leben fristeten. Als die Marineführung schon während der Friedensverhandlungen „als einen Akt der Ehre“ die unterlegenen deutschen Kriegsschiffe in eine letzte, aussichtlose Schlacht schicken will, verweigert die Mannschaft die Gefolgschaft. Die Meuterei verhindert mutmaßlich den sinnlosen Tod tausender Marinesoldaten.
Dabei wird die Handlung vor allem über eine klassische, verhinderte Liebesgeschichte vorangetrieben. Der entscheidende Aufruf zur Meuterei durch den Heizer Gabriel Jensen erfolgt erst, nachdem seine ehemalige Jugendliebe Henriette droht, seinen eigenen Verrat an seinen Kameraden öffentlich zu machen. Zuvor hatte sich Gabriel darauf eingelassen, für Geld und eine Versetzung nach Berlin sein egoistisches Glück zu suchen und so die eigenen Kameraden dem Untergang zu überlassen. Henriette tritt in dem Stück schon nicht mehr als die alte Geliebte von Gabriel auf, sondern in der Rolle der Hure Lola, in die sie ihr Schicksal zwischenzeitlich getrieben hat. Sie liebt jetzt zwei Männer. Den ehemaligen Geliebten Gabriel und seinen Vorgesetzten, den Kapitän Arno. Gabriel erwischt sie in flagranti mit Arno und wird so in die Verzweiflung getrieben. Am Schluss begeht er Selbstmord.
Diese Verschränkung von Privatem und Politischem werden vom Komponisten und dem Librettisten-Team zum Eckpfeiler der Dramaturgie erklärt, die das Werk prägt. Von Haendeler wird dazu ausdrücklich im Programmheft Bezug genommen und allen Ernstes eine Verbindung zu den Grundüberzeugungen der 68-er hergestellt. Immerhin wird so ein Heldenepos vermieden, das heute nicht mehr in die Zeit passt. Eine sinnhafte Darstellung des schmerzhaften Durchbruchs in eine neue Zeit am Scheideweg der deutschen Geschichte kann eine solche ganz im Privaten motivierte Handlung nicht wirklich liefern. Der Text scheut nicht vor kitsch-getränkten Details zurück, wie zum Beispiel die Erinnerung des ehemaligen Paares Gabriel und Henriette an Ihre Begegnung mit Glühwürmchen auf einem Spaziergang und die Anrufung eines imaginären Gottes der Huren in der Verklärungsszene Lolas, bevor die beiden getöteten Liebhaber am Ende der Oper wieder auferstehen.
Die Musik ist durchwegs gefällig und vereint viele eklektizistische Elemente, zum Beispiel typische orchestrale Färbungen wie bei Britten bei der Beschreibung der See oder die serielle Modulationstechnik von Philipp Glass. Sie beinhaltet nur selten eigene, ausdrucksstarke Elemente. Vielleicht sind die zwei Matrosenchöre in ihrer melancholischen, traurigen und einsamen Atmosphäre noch der eindrücklichste Teil. Beim Ausbruch des Aufstandes wird die Internationale geschmettert.

Daniel Karasek als Hausherr, Auftraggeber der Komposition und regieführender Intendant vermag die Handlung in einer geradlinigen und wohltuend zurückhaltenden Weise auf die Bühne zu bringen. Auch das ebenso stringente Bühnenbild von Lars Peter, die Lichtgestaltung von George Tellos und die geschmackvollen Kostüme von Claudia Spielmann tragen zur ansehnlichen Umsetzung des Werkes auf der Bühne bei.
Michael Müller-Kasztelan bringt sich mit seinem hoch timbrierten Tenor rückhaltlos und leidenschaftlich in die Charakterisierung des hin- und hergerissenen Gabriel ein. Überzeugend auch Tomohiro Takada als Korvettenkapitän Arno von Stahl, der seinen Zwiespalt zwischen Dienstpflicht und Mitgefühl mit den Marinesoldaten glänzend spielt. Auch gesanglich weiß der Bariton vollumfänglich zu überzeugen. Tatia Jibladze als Arnos Ehefrau und Jörg Sabrowski als deren Vater Admiral Rufus Kropp runden das Solistenensemble ab.
Der Opern- und Extrachor des Theaters Kiel unter der Leitung von Lam Tran Dinh überzeugen nicht nur in der Gestaltung der entbehrungsreichen Matrosen, sondern ebenso in der Szene zum Ausbruch des Aufstands mit dem Absingen der Internationale.
Das Philharmonische Orchester Kiel unter Leitung seines Generalmusikdirektors Georg Fritzsch wird hoch engagiert der eingängigen Musik gerecht und vermag sowohl in den lyrischen Momenten wie auch bei den dramatischen Szenen beim Ausbruch des Aufstands zu überzeugen.
Dem Publikum gefällt die Aufführung. Es gibt viel Zustimmung mit bravi-Rufen für alle Beteiligten einschließlich des Leistungsteams sowie den Komponisten mit seinen Librettisten.
Achim Dombrowski