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3 KONZERTE
(Diverse Komponisten)
Besuch am
11., 12. und 13. Juli 2025
(Einmalige Aufführungen)
Zwei Abende mit demselben Orchester, aber unter anderen Dirigenten mit verschiedenen Programmen bescheren dem Publikum im voll besetzten Max-Littmann-Saal beim Kissinger Sommer unvergessliche Eindrücke. Beide Male ist das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin zu Gast, beim ersten in voller Besetzung, beim zweiten reduziert für das klassisch-romantische Repertoire. Jedes Mal aber gefallen der wunderbar weiche, fein abgestufte Streicherklang, die vorzüglichen Bläser und die exakt aufeinander abgestimmte Orchesterdisziplin. Am ersten Abend dirigiert Cornelius Meister, Stuttgarter Generalmusikdirektor, behutsam, einfühlsam, wichtige Einzelheiten geradezu sezierend, das ihm willig folgende Orchester. Das merkt man gleich bei Lili Boulangers spätromantischem kurzen Stück von 1918 D‘un matin printemps – An einem Frühlingsmorgen. Das beginnt wie zaghaft sich entwickelnd, gewinnt immer mehr innere Spannung mit sehnsüchtigen Streicherflächen, lässt auch kurze, witzig fröhliche Einsprengsel hören und endet dann breit, entschieden. Das anschließende A‑Dur-Klavierkonzert KV 488 von Mozart fängt im Orchester fein durchsichtig an, mit schöner Tiefenbasis, wird immer schwungvoller, mit sanftem Wohlklang, und dazu passt dann der milde, sanft gebundene Anschlag des Klaviers durch den Kissinger Klavier-Olymp- Gewinner von 2024, Illia Ovcharenko, aus der Ukraine stammend, international mehrfach ausgezeichnet und derzeit in Hannover lebend. Er gibt sich ganz dem melodieseligen, singenden Ton hin, übertreibt nie, und das Orchester antwortet dem Pianisten schmiegsam, weich; alles bleibt flüssig, rund gebunden; die linke Hand auf den Tasten gibt rhythmische Akzente, entwickelt stärkeren Nachdruck, und die Kadenz verströmt reinen Wohllaut; kleine tragische Momente werden dann strahlend ins Orchester eingebunden. Das fis-Moll-Adagio, introvertiert, sehr verhalten angegangen, entwickelt Gefühlstiefe, viel Schmelz, Poesie; das Klavier nimmt den schönen Gesang der Holzbläser auf in atmendem Musizieren. Dass dann der Finalsatz mit virtuosen, weich gebundenen Läufen, Heiterkeit und graziöser Eleganz der Überleitungen und anmutigen Entwicklungen Begeisterung auslöst, ist verständlich. Und als dann der Pianist als Dank für den Beifall eine mit wie entfesselter Fingerfertigkeit dahineilende, virtuose Campanella von Liszt dazugibt, beruhigt den langen Applaus kaum.

Nach der Pause aber erklingt dann mit Gustav Mahlers 4. Sinfonie G‑Dur GMW 37 aus dem Jahr 1901 ein wunderbar in sich stimmiger Lobpreis der irdischen und himmlischen Freuden. Der Dirigent lässt sich dabei viel Zeit, um die sanglichen Herrlichkeiten der genüsslichen Celli und lichten Violinen, der wunderbaren, aufmerksamen Bläser, der schwirrenden Momente und der sich immer wieder ergänzenden Orchesterstimmen voll auszukosten. Der mit einem Hornruf beginnende zweite Satz soll eigentlich an den auf einer Fiedel spielenden Gevatter Tod gemahnen; dazu wechselt die Solovioline immer wieder ihr Instrument, denn auf der höher gestimmten Geige scheinen ihre irgendwie unwillig harschen, scharfen Einwürfe Bedrohliches zu formulieren; aber schließlich setzt sich das Genießerische gegen dunkle Streicher durch. Der dritte Satz scheint in die Gefilde der Seligen einzutauchen mit schwärmerisch schönem Engelsgesang, sehnsüchtigen Bläsern, schwelgerischen Streichern und tänzerisch unbeschwerten Momenten, ganz zart endend. Im vierten Satz hat Mahler das volkstümlich-naive Gedicht Die himmlischen Freuden für eine Solostimme eingebaut. Die bekannte Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller, die schon vorher im Orchester sitzt und dadurch auch die äußerst konzentrierte Deutung der Sinfonie durch den Dirigenten miterlebt, gestaltet nun mit ihrer hell-kräftigen, klaren, wunderbar variablen Stimme die weiten Linien und feinen Höhen mit vielen andächtigen Farbnuancen aus, unterstützt von den geschmeidigen Streichern und unterstreicht so die Aussage, dass mit der durch die Musik beschworenen Idylle der Freuden auch auf Erden Harmonie hergestellt werden könnte. Nach einer geradezu andächtig ehrfürchtigen Stille brandet langer Beifall los.
Der zweite Abend mit dem Berliner Orchester ist von ganz anderen Eindrücken geprägt. Am Pult steht Francois Leleux, viel gerühmter Oboist und ein Temperamentsbündel; mitgerissen von der Musik bewegt er sich fast tänzerisch, gibt seine inneren Impulse sogar im Gesichtsausdruck weiter. Gleich in Claude Debussys Petite Suite L. 65, bearbeitet von Henri Büsser 1907 für Orchester, vermeint man im ersten Satz En bateau von einem Boot aus sanfte Wellen oder glatte Wasserflächen zu spüren bei den träumerisch einschmeichelnden, freundlichen Streichern, bei Cortège einen freundlichen, lebendigen Aufmarsch zu vernehmen, beim lyrisch betonten Menuet Spielerisches zu erleben nach sattem Bläserbeginn, und im Ballet, einem immer weiter ausgreifenden Tanz mit inneren Steigerungen beschert die Musik bis zum effektvollen Ende reines Vergnügen.

Danach aber kommt das Metier, für das Leleux berühmt ist, seine Bearbeitungen der Arien aus Opern, hier von Mozart, für die Singstimme des Orchesters, sein Lieblingsinstrument, die Oboe. Da bietet er alles auf, abwechselnd dirigierend und selbst spielend, womit er als exzellenter Könner sein Publikum begeistert. Bei den Vertonungen aus Mozarts Zauberflöte fügt er den Papageno-Arien Variationen der Melodie und unglaublich virtuose Verzierungen hinzu, lässt aber bei der Bildnis-Arie des Tamino die großen Linien sanft abgestuft erklingen, und bei der großen Arie der Donna Anna aus Don Giovanni imponiert er mit seinem langen Atem, stets begleitet von den Orchester-Oboen, lässt aber traurige Gedanken nicht dominieren und verbreitet so einfach gute Laune. In Mozarts weltberühmter festlicher Motette Exsultate, jubilate KV 165 ist die französische Sopranistin Julie Fuchs die Solistin, hochgerühmt und mit vielen Erwartungen überhäuft. Doch die äußerst elegant auftretende Sängerin singt vom Blatt, und am Anfang sitzt ihre volle, schön timbrierte Stimme noch nicht so ganz, etwa beim Registerwechsel, dem Fluss der nicht immer lockeren Verzierungen, bei den etwas hingezauberten Höhen. Bald aber wird die Stimme freier, erfreut mit Kopfstimme, und im Alleluja kann sie endlich mit fein fließenden Verzierungen und einer glanzvollen, kräftigen Höhe aufwarten. Das Orchester ist ihr dabei ein stets zuverlässiger, wohlklingender Partner. Vielleicht hat sich Fuchs eben nicht genügend eingesungen. Trotzdem ist das Publikum begeistert, und mit der Zugabe, der Arie der Susanna Deh vieni aus Mozarts Oper Figaros Hochzeit gewinnt sie sofort alle Herzen durch strahlende Höhen und eine wunderbare Gestaltung, überzeugend als hervorragende Opern-Diva. Dass Goerges Bizets 1. Sinfonie C‑Dur eine schwierige „Geburt“ hinter sich hat, lässt sich beim Hören der Aufführung nicht mehr realisieren: Als 17-Jähriger schuf Bizet in relativ kurzer Zeit 1855 das Werk, hat es aber aus Respekt vor seinen Lehrern unter Verschluss gehalten. Erst nach seinem Tod 1875 und dem Wiederauffinden der Partitur 1935 kam sie in Basel zur Uraufführung. Der erste Satz des eingängigen Frühwerks beginnt schwungvoll, schnell, duftig, erhält dann viel Temperament in verschiedenen Steigerungen; fein abgestufte Pizzicati geben rhythmische Struktur in den Überleitungen zu den melodischen Teilen; das Adagio, verhalten angegangen, weitet sich zum betörenden Oboen-Solo, alles wird schwelgerisch, lustvoll ausgekostet im Orchester. Sonnig erscheint das Scherzo mit einem bukolischen Trio; alles endet romantisch lieblich. Spritzig schnell, auch spielerisch, durchsichtig mit straffen Akzenten kommt der Finalsatz daher, und Leleux lässt sich auch selbst mitreißen zum eleganten Mittanzen. Das reißt auch das Publikum zu Jubelstürmen hin, die sich noch steigern nach der Zugabe, dem virtuosen Oboen-Solo nach Mozarts Voi che sapete des Cherubino aus dem Figaro.

Den Abschluss des großen Konzertwochenendes beim Kissinger Sommer macht das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit einem Programm, das einen Tag zuvor bei Klassik am Odeonsplatz in München erklang und zeitversetzt über 3sat und BR 3 zu empfangen war. Wohl deshalb bleiben einige Plätze im Max-Littmann-Saal frei. Doch die Akustik hier ist exzellent und toppt bei weitem einen Musikgenuss im Freien. Außerdem verlangt Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 C‑Dur opus 26, nicht unbedingt ein Publikumsrenner, volle Konzentration und Aufmerksamkeit. Noch dazu wird es hier dargeboten von einem höchst eigenwilligen, völlig auf sich und die Musik zentrierten Pianisten, vom hochberühmten Daniil Trifonov. Das Konzert ist hierzulande nicht allzu populär, weil es eine stupende Technik erfordert und gehäufte Schwierigkeiten enthält. Trifonov beherrscht solches selbstverständlich, verstärkt die Wirkung noch durch die innere Nähe zur Komposition. Franz Welser-Möst leitet dabei das Orchester sehr umsichtig. Nach dem lyrischen, sehnsuchtsvoll melancholisch klingenden Klarinetten-Auftakt und dem geschliffen klaren, rhythmisch lebhaften Staccato-Vorlauf der Streicher setzt das Klavier ein, brillant, wild und doch beherrscht. Energisch, kühl das Klavier, dann etwas leichter, verspielter das Orchester, alles stets von innerer Spannung getrieben, und der Ausdruck des Klaviers wird immer stärker, heftiger. Bisweilen scheint der Pianist ganz in sich und die Musik versunken, lächelt sin sich hinein, dann aber kommen doch wieder wie irrlichternde Klavier-Läufe, verwirrend Virtuoses, manches klingt gläsern, klar, manchmal gewalttätig und bedrohlich bis zum energischen Schluss des ersten Satzes. Der zweite Satz mit fünf Variationen enthält anfangs eher ruhiges, elanvolles Voranschreiten im Andantino, beim Klavier wirkt es etwas freundlicher, fast romantisch, langsamer, auch flirrend genommen; dann aber ufert alles scheinbar aus, mit imponierender Fingerferigkeit rasend auf den Tasten absolviert, wird in der vierten Variation wieder fast romantisierend verinnerlicht, wie aus einer schönen Erinnerung, klar im Anschlag, aber auch düster in den Akkorden. Bei der fünften, sehr schnellen Variation hämmert der Pianist wie verzweifelt auf die Tasten, silbern, schräg klingt auch manches, und nach aller Rasanz wird dann das Orchester leiser, fast sehnsüchtig. Das Allegro bringt die Brillanz und außergewöhnliche Virtuosität des Pianisten ins Spiel in gesteigerter Wildheit und faszinierender Geläufigkeit mit rauschhafter Fulminanz, ein fast dämonischer Tastenzauber, von heftigen inneren Spannungen getragen, was sich teilweise auch in Körperhaltung und Mienenspiel mitteilt. Bescheiden und wie abwehrend bedankt sich Trifonov für die vielen Bravo-Rufe mit einer verträumten wie auch rauschhaften Zugabe, dem Adagio aus dem Dornröschen von Tschaikowsky in der Bearbeitung von Pletny. Bewundernswert, wie Welser-Möst das Orchester mit dem Pianisten zusammenbinden kann. Nun, bei der Rosenkavalier-Suite TrV 227d nach der Oper von Richard Strauss, in der Einrichtung von Welser-Möst für das Cleveland-Orchestra, kann das Orchester mit allen seinen Vorzügen bestechen, mit seinen hervorragenden Instrumentalisten, seinem wunderbaren Klang mit immer wieder neu überraschenden Differenzierungen faszinieren. Welser-Möst dirigiert die dreiteilige Suite mit einer gewissen genussvollen Distanz. Da erklingen dann die bekannten, beliebten Motive des Octavian, der Marschallin oder des Ochs von Lerchenau, man erinnert sich an die Überreichung der silbernen Rose, und das Publikum genießt das komplexe Werk mit seinen verführerischen Melodien, seinen lieblich versöhnlichen Momenten, seinen herrlich beschwingten, schwebenden Walzer-Klängen, seinen humorvollen Anspielungen, seinen ganz zarten Stimmungen und seinen überwältigenden Fortissimo-Gipfeln, aber auch die träumerisch süßen Lied-Zitate bis zum witzig eingeleiteten Schluss in vollen Zügen. Das erfordert nach den stehenden Ovationen noch etwas ganz Mitreißendes, nämlich die Tritsch-Tratsch-Polka des anderen, des Johann Strauß.
Renate Freyeisen