O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
CHRISTIAN GERHAHER UND GEROLD HUBER
(Robert Schumann)
Besuch am
16. Juli 2025
(Einmalige Aufführung)
Ein Liederabend mit Gedichtvertonungen durch Robert Schumann reißt im ausverkauften Rossini-Saal des Kissinger Sommers das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Keine Geringeren als der heute wohl beste derzeitige Lied-Interpret Christian Gerhaher, Bariton, und sein kongenialer Begleiter am Klavier, Gerold Huber, bescheren einen unvergesslichen Abend mit dem Liederkreis opus 24, Romanzen und Balladen opus 45 und 49, dem Liederbuch eines Malers op. 36 und Dichterliebe opus 48. Im Mittelpunkt stehen hier Vertonungen der Lyrik Heinrich Heines, allesamt entstanden im Jahr 1840, und Schumann lässt dabei die Zerstörung einer quasi romantischen Idylle, die in vielen Gedichten immer wieder aufscheint und häufig als skeptisch-ironisches Fazit verstanden werden kann, in seiner Komposition nur bedingt spüren; eigentlich ist es untergründig das grundsätzliche Negieren einer als schön oder optimistisch begriffenen Weltsicht, wohl auch vom persönlichen Schicksal Heines her erklärlich.

Gerhaher meint in seiner Abhandlung im Programmheft über „Schumanns Ironie als poetische Reflexion“ in den „zyklischen Liedzusammenstellungen“ mit „scheinbar narrativen Abfolgen“, erfahrbar sei das nicht unbedingt in den musikalischen Gestaltungsmitteln. So beginnt der Liederkreis vergnügt mit Morgens steh ich auf und frage, wird dann belebt durch Gegensätze, enthält einerseits kurze, lapidar, eher negativ ausgehende Dichtungen über Liebesverhältnisse, andererseits längere, breitere, elegische Schilderungen von das Herz rührenden Erlebnissen in der Natur, bei Wanderungen. Der Bariton kann dabei mit seiner unglaublich reich bemittelten, stets wohlklingenden Stimme selbst kleinste, differenzierteste Nuancen gestalten, Freundliches, Inniges, Bedrohliches, heftige Erregung, sanfte Stimmungen, Energisches, stets ohne irgendwelchen Nachdruck, auch verheißungsvoll Sehnsüchtiges formulieren. All das trägt der Sänger bestens textverständlich vor, und die große Variationsbreite seines farbenreichen Baritons, vom flüsternd Leisen über Weiches, Mildes, auch Schmeichelndes bis hin zu Fahlem, Anklagendem, sogar Scharfem und kurzzeitig dramatischer Stärke, gar zu Untergründigem unterstreicht die Aussagen der Lyrik äußerst spannend und abwechslungsreich. Schon davon ist man gebannt, und Pianist Huber steigert das noch mit seinem variablen Anschlag, vielen pointierten Akzentuierungen, überlegtem Einhalten, oft auch mit langsamen, sanften Ausklingen am Liedschluss. Die Romanzen und Balladen opus 45 bescheren zuerst nach Gedichten von Eichendorff einen Abgesang auf die Vergänglichkeit von Beziehungen, etwa in der Frühlingsfahrt, die von fröhlichem Schwung, aber auch von veränderten Stimmungen singt, von der Vergeblichkeit menschlichen Strebens wie im Schatzgräber mit einem irgendwie irrlichternden Klavierklang, worauf dann aber mit Abends am Strand von Heine eine Vision von fernen Ländern und Geschehnissen folgt, die irgendwie lapidar im Schweigen endet.
Die Gedichte aus dem Liederbuch eines Malers nach Texten von Robert Reinick schildern Idyllisches, im Ständchen eine sanfte, durch die feine Gestaltung der Vokale betonte Aufforderung, sich von Liebe und Naturgenuss in der Nacht zu vertiefter Empfindung verführen zu lassen. Bewegter klingt dann An den Sonnenschein und des Dichters Gesang, vom Sänger mit feiner, heller Stimme ganz schnell gesprochen und rasch vom Klavier unterlegt, führt die Sehnsucht nach einer Elfenkönigin ad absurdum, bis danach die Liebesbotschaft romantisch das Herz öffnen soll mit den besten Wünschen für den irdischen Engel, aber diese träumerischen Gedanken enden ganz verhalten. Die Romanzen und Balladen II nach der Konzertpause führen in eine fast zynische Verklärung von Heldentum, mit gewisser ironischer Distanz vorgetragen, und Die Nonne, nach einem Text von Emanuel Fröhlich, erzählt vom Verzicht auf irdische Freuden mit einem fast spöttischen Schluss. Ganz anders die Dichterliebe, träumerisch am Klavier begonnen, mit feiner Poesie ausgestattet, glanzvoll gestaltet bei Wenn ich in deine Augen seh‘, und dann fast etwas majestätisch klingend bei Im Rhein, im schönen Strome. Doch dann werden die Lieder bewegter, begleiten und deuten den Text der Flöten und Geigen traurig und schmerzlich, wirken stark nach innen gewendet bei der Empfindung von übergroßem Weh, und die Klavierbegleitung lässt das innerlich Zerrissene hören; Ein Jüngling liebt ein Mädchen zeigt nach vergnügtem Anfang wie protestierend das Zerbrechen der Beziehung. Doch dann wechselt wieder die Stimmung Am leuchtenden Sommermorgen vom Genuss der Natur zu Trauer über menschliches Verhalten, über Verlust und Vergehen der Träume angesichts der Realität, der Morgensonne. Und Die alten, bösen Lieder, stark betont, werden schließlich unter Schmerzen langsam begraben zusammen mit der Liebe, beeindruckend gestaltet.
So wird ein ganzer Kosmos widerstreitender Empfindungen, nie überzeichnet, nie übertrieben bei diesem Liederabend geboten, der durch die verhaltene Ironie nie in die Nähe des allzu Gefühligen gerät, sondern von innerer Spannung lebt. Die vielen Bravo-Rufe erforderten natürlich noch zwei Zugaben, das langsame Mein Wagen rollt und Tief im Herzen als wunderbaren Abschluss eines außergewöhnlichen Konzerts.
Renate Freyeisen