Geigenglanz

GEIGENGLANZ
(Diverse Komponisten)

Besuch am
28. und 29. Juni 2025
(Einmalige Aufführungen)

 

Kissinger Sommer im Max-Littmann-Saal, Bad Kissingen

Furchtbar enttäuscht ist das Publikum im voll besetzten Max-Littmann-Saal beim Kissinger Sommer keineswegs, dass die angekün­digte Hilary Hahn abgesagt hat, denn es gibt einen mehr als hochwer­tigen Ersatz: Die weltweit berühmte Geigerin Julia Fischer begeistert im Konzert für Violine und Orchester D‑Dur von Johannes Brahms. Doch vor ihrem Auftritt präsen­tiert das WDR-Sinfo­nie­or­chester unter dem nun schei­denden Chefdi­ri­genten Christian Macelaru ein relativ unbekanntes Werk, das sich in das franzö­sische Motto des diesjäh­rigen Festivals einfügt, La Foi – die Treue – aus Trois tableaux sympho­niques d‘ après opus 130 von Camille Saint-Saëns, 1909 urauf­ge­führt, eigentlich eine Bühnen­musik zu einem Stück von Eugène Brieaux. Das Orchester vollzieht die schick­sals­schweren, wilden Momente mit auf- und abschwel­lenden, auch melan­cho­li­schen Stellen mit viel Nachdruck nach. Danach aber das sehnlichst erwartete Violin­konzert von Brahms, 1878 urauf­ge­führt, geschrieben für den Geiger Joseph Joachim, ein durch und durch roman­ti­sches Werk, einfühlsam, schmiegsam, versöhnlich von den Orchester-Tutti begonnen mit feiner Oboen­me­lodie im Haupt­thema; erst nach der langen Einleitung, die schon andeutet, dass hier Solovioline und Orchester eng verschmolzen sind, darf die Solistin mit großem, emotio­nalem Ton aufwarten; sie lässt ihre Violine hell, fein, rein, empfindsam singen, ohne mit Virtuo­sität brillieren zu müssen, alles scheint ganz selbst­ver­ständlich; sie drängt nie voran, kann Leiden­schaft­liches andeuten, stets im Dialog mit dem Orchester, wird ab und zu energi­scher, und die große Kadenz leuchtet von innen her, hält sich in Spannung zwischen Helligkeit und warmen Tiefen; danach scheint alles spiele­risch abgestuft, anrührend, wie befreit zusammen mit dem Orchester.  Der zweite Satz, von der Oboe beschaulich-idyllisch einge­leitet, lässt die Violine mit Inbrunst singen, in starkem, vollen Ton mit feinster Höhe, und nach einem leicht schmerz­lichen Anflug endet das Adagio zurück­haltend, dafür kann dann der schwung­volle Finalsatz Tempe­rament, Lebenslust versprühen bei Anklängen an ungarische Tanzrhythmen; hier wird das Orchester manchmal etwas laut, aber die Solovioline, getragen vom melodiösen Gesang, darf dann auch schnelle, in sich gespannte Virtuo­sität auskosten, treibt mit auch von Esprit getra­genem Spiel alles voran bis zu einem trium­phalen, mitrei­ßenden Ende. Stehende Ovationen, und als Zugabe ein Meister­stück, der dritte Satz aus der Sonate in d‑Moll von Paul Hindemith, unglaublich virtuos und ausdrucks­stark, geradezu orchestral mit klingenden Doppelgriffen.

Julia Fischer – Foto © Julia Milberger

Das Orchester kann dann aber mit Nikolai Rimski-Korsakovs berühmter sinfo­ni­scher Dichtung opus 35 Schehe­razade von 1888 mit instru­men­talen Farben verzaubern und so die musika­lische Erzählung von 1001 Nacht miter­leben lassen. Zwei immer wieder­keh­rende Themen, die vielfach variiert werden, charak­te­ri­sieren die Haupt­per­sonen. Das erste, mächtige, zeichnet den grausamen Sultan Schahriar, das zweite, liebliche, durch die Solovioline des ersten Konzert­meisters José Maria Blumen­schein angestimmt, die schöne Wesir­tochter Schehe­razade, die durch ihre spannende Erzählung um ihr Leben kämpft und schließlich das Herz des Herrschers gewinnt. Nach einer knappen Einleitung, in der schon die beiden Kontraste schick­salhaft aufein­an­der­treffen, die einschmei­chelnd singende Violine mit Harfe, gegen die harten, starken, aggres­siven Tutti mit heraus­ra­genden Bläsern, endet alles mit viel Muße im Wohllaut; dann darf die Prinzessin von Sindbad dem Seefahrer erzählen, mit irgendwie innerer Spannung, sehnsüchtig klingenden Holzbläsern, kraft­vollen Fanfaren  wird das geschildert, fast übermütige Klänge sind zu hören bis zu einem wie aus der Ferne ganz fein zu verneh­menden Fagott. Alles beruhigt sich nach starkem Schwirren. Bei der Mär vom Prinzen Kalender mit feinen Antworten der sanften Streicher auf die gut gelaunten Bläser, etwa Oboe und Klari­nette, gibt es auch Tänze­ri­sches, Witziges. Die Erzählung einer Liebes­ge­schichte zwischen Prinz und Prinzessin beginnt sehnsüchtig mit schwär­me­ri­scher Solovioline. Bei der drama­ti­schen Geschichte vom Stranden des Schiffes am Magnetberg zeigt sich die noch harte Haltung des Sultans instru­mental zuerst in scharfen Betonungen, vibrierend fieber­haften Ausbrüchen; alles wird drohender, aber kurzzeitig kann die Melodie der Violine besänf­tigen, bis dann fast brutal, intensiv, schwirrend und mitreißend nochmals die Macht des Herrschers durch­bricht in gestei­gerten Posau­nen­klängen. Doch die roman­tisch gefühlvoll singende Violine kann das Herz des Herrschers gewinnen, das Düstere schwindet, die beiden Themen sind harmo­nisch vereint. Zu bewundern ist hier in dieser bezwingend, sehr abwechs­lungs­reich gestal­teten Darbietung unter dem deutliche Impulse gebenden Dirigat die Disziplin des äußerst aufmerk­samen Orchesters. Auf den begeis­terten Beifall folgt eine fesselnde, schmissige Zugabe, nämlich Farandole aus Bizets Arlésienne-Suite.

Isabelle Faust – Foto © Julia Milberger

Der zweite Abend mit der Geige im Mittel­punkt, mit Beethovens Violin­konzert D‑Dur, neben dem von Brahms als das wichtigste des 19. Jahrhun­derts bezeichnet, wird bestritten von den Bamberger Sympho­nikern und der Geigerin Isabelle Faust. Dirigentin ist an diesem Abend die junge Dalia Stasevska, Tochter eines Ukrainers und einer Finnin, künst­le­risch musika­lisch ausge­bildet in ihrer zweiten Heimat Finnland, verhei­ratet mit dem Urenkel des Kompo­nisten Jean Sibelius, dessen 5. Sinfonie an diesem Abend erklingt. Der beginnt mit Maurice Ravels Pavane pour une infante défunte M 19a, weihevoll, mit viel Ruhe angestimmt von den Hörnern, beschwörend, andächtig von den Strei­chern fein aufge­nommen, sehr einfühlsam geleitet von der ganz von der Musik erfüllten, recht unkon­ven­tionell auftre­tenden Dirigentin; auch gegen das bewegtere Ende hin wird die traurige Weise nicht verlassen. Beethovens Violin­konzert D‑Dur opus 61 weist dem Orchester gleich zu Anfang einen dominie­renden Part zu, wenn nach den leichten Pauken­schlägen die beliebte Melodie des Haupt­themas friedlich erklingt, dann abgestuft in leichtere Verän­de­rungen ausge­breitet wird, bis die Solovioline einsetzt, hell über den dunklen Bläsern nie zu stark hervor­tretend, eher spiele­risch in lichten Figuren, selten energisch werdend, als wenn sie dekorative Arabesken verstreute über der komplexen orches­tralen Basis, zu der die Dirigentin voller Impetus die Sympho­niker inspi­riert mit Gesten der linken Hand und vollem Körpereinsatz.

Die Violine verströmt so im Gegensatz zum Orchester weniger bezwin­gende emotionale Kraft, auch bei helleren Klängen und schnel­leren Läufen. Ihre Kadenz zu etwas irritie­renden Pauken-Schlägen ist flüssig angelegt, zeigt die großen techni­schen Fertig­keiten der Solistin und kommt dann mit dem Orchester zu einem entschie­denen Schluss. Im Larghetto dominiert zuerst das Orchester in einer breit angelegten Romanze; die Violine liefert dazu mit ganz feinen, fast leisen Kanti­lenen einen zarten Überbau, aber das schnell einset­zende Rondo bringt danach viel Schwung; hier kann die Violine mit Virtuo­sität brillieren und vor allem in der Kadenz damit imponieren, mit einem starken Ende auch Mitrei­ßendes bieten. Als Zugabe fügt die sehr elegant gekleidete Faust ein Stück für Solovioline des Barock-Kompo­nisten Nicola Mattheis d. J. an, verin­ner­licht, sehr konzen­triert. Ganz in ihrem Element ist dann die Dirigentin bei der 5. Sinfonie Es-Dur opus 82 von Jean Sibelius; sie geht beschwörend auch auf Einzel­heiten ein, und die Bamberger folgen ihr bereit­willig in den starken Zuspit­zungen, den Weitungen, einem gewal­tigen Raunen, den irgendwie unheim­lichen Stimmungen und feinen Klang-Abstufungen.

Der Komponist hat damit seine Inspi­ra­tionen durch Natur­er­leb­nisse musika­lisch ausge­drückt; da gibt es neben starken Verdich­tungen, kräftigen Blech­bläser-Signalen, irrlich­ternden Läufen auch Heftiges, Mächtiges, bevor dann im zweiten Satz fast feierlich die Bläser einsetzen, Ruhe, Liebliches, ein innerer, ausge­gli­chener Rhythmus sich ausbreitet mit leuch­tenden Strei­ch­er­klängen. Im letzten Satz, in einem irgendwie auf- und abschwel­lenden Rauschen ist das so genannte Schwa­nen­thema zu vernehmen, vom „wiegenden“ Horn formu­liert; daraus ist zu ahnen, wie Sibelius durch die Beobachtung des Flügel­schlagens zu solchen Klängen inspi­riert, ein schwer­blü­tiges, wie in sich zerris­senes, machtvoll immer stärker werdendes Tonge­mälde schuf, vom Orchester bemer­kenswert aufmerksam, konzen­triert und nuanciert gespielt als starkes, packendes Naturbild. Nach einem Moment der Stille und Beein­druckung dann Riesen­beifall und eine ukrai­nische Zugabe, mit der die Dirigentin um nicht nachlas­sende Unter­stützung für ihr Geburtsland bittet.

Renate Freyeisen

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