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Foto © Simon Pauly

Ungewöhnlich Bekanntes

KONZERT MIT JOANA MALLWITZ
(Charles Ives, Felix Mendelssohn Bartholdy, Ludwig van Beethoven)

Besuch am
13. Juli 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Kissinger Sommer, Max-Littmann-Saal, Bad Kissingen

Was für ein Konzert! Aufgebaut nach dem Grundsatz: Einstimmung in eine geheim­nis­volle Klangwelt, Faszi­nation durch Emotion, Melodik und Virtuo­sität und schließlich als Höhepunkt Überwäl­tigung durch Dramatik im musika­li­schen Ideen­reichtum. Kein Wunder, dass der Kissinger Sommer über einen ausver­kauften großen Max-Littmann-Saal jubeln durfte, denn Dirigentin Joana Mallwitz verspricht mit „ihrem“ Konzert­haus­or­chester Berlin und dem Klavierduo Lucas und Arthur Jussen aus Holland Besonderes.

Schon der Beginn des Abends mit dem sechs­mi­nü­tigen Stück The Unans­wered Question von Charles Ives aus dem Jahr 1908 lässt aufhorchen: Ganz sanft, immer größer, runder werdend bei den Strei­chern scheint nach Bläser-Einwürfen das Harmo­nische fast gestört, löst sich dann aber auf in mehrere Ebenen; das Ruhige bleibt, verklingt im Nichts. Schon hier deutet sich das Besondere am Dirigat von Mallwitz an: Sie leitet alles mit dem gesamten Körper, beschwört mit ausla­denden Armbe­we­gungen die Klang­schichten ihres Orchesters. Das geht freudig mit.

Foto © Sanja Marusic

Dann aber betreten die beiden Pianisten das Podium, dynamisch, jugendlich schwungvoll. In Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert Nr. 1 für zwei Klaviere und Orchester E‑Dur, erstmals 1823 von Felix und seiner Schwester Fanny als häusliche Sonntags­musik gespielt, 1830 von ihm überar­beitet, dreizehn Jahre nach Mendels­sohns Tod von Ignaz Moscheles in Leipzig wieder aufge­führt und erst 1961 nach der Wieder­ent­de­ckung des Autografen publi­ziert, erweist sich das Jugendwerk des Kompo­nisten als ein Juwel. Es erinnert in seiner klassisch-roman­ti­schen Attitüde irgendwie noch an Mozart. Nach weichem Orchester-Beginn, bei dem die lieblichen Bläser den Klavierpart vorbe­reiten, setzt Klavier I mit viel Elan ein, Klavier II „antwortet“, und im Austausch im gegen­sei­tigen Fluss, ständigem Reagieren aufein­ander, in virtuosen Klavier­läufen mit markanten Betonungen, Ausgleiten in fein Verträumtes, inneren Bewegungen wie in einem lockeren Spiel, stets mit wunderbar integriertem Orchester, endet der erste Satz.  Empfindsam dann das Adagio, in dem sich aus dem Orchester unmerklich ein geradezu besinn­licher Klavier-Klang entwi­ckelt; alles verströmt reinste Harmonie, Klavier I wirkt dabei eher lyrisch, Klavier II eher drama­tisch bestimmt. In nachdenk­lichem Mitein­ander und melodi­schem Schwelgen schließt der zweite Satz fast filigran. Danach dann übermütig und brillant der Finalsatz, ein Feuerwerk mit virtuosen Läufen bei den Klavieren; völlig einge­bunden in diesen Fluss das Orchester, eine mitrei­ßende Einheit bis zu einem energisch schnellen Schluss. Das macht irgendwie süchtig, und der Saal ist aus dem Häuschen. Zur Beruhigung nach dem Bravo-Sturm gibt es von den zwei Pianisten ein ganz intro­ver­tiertes Stück Bach aus der Matthäus-Passion.

Aus Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 3 in Es-Dur, der bekannten Eroica , macht Mallwitz mit ihrem Orchester eine Entde­ckungs­reise in nahezu neue Gefilde, in motivische Veräs­te­lungen, wie man sie sonst nie hört. Dabei kriecht sie auf dem Podium fast in die Musik hinein, bückt sich ganz tief, richtet sich wieder auf, den Körper ganz weit gespannt, und mit Händen und Armen sugge­riert sie ihren Musikern die subtilsten Varia­tionen der Kompo­sition. Schon nach den knappen, trockenen Anfangs-Tutti kann das folgende Thema sowohl sanfte Freude wie auch dunkle Resignation vermitteln; groß, aber nie laut, ist das Orchester in stetiger Bewegung, sich ständig steigernd wie zu einem Sturm, stets von filigran feinen Phrasen unter­brochen, zwischen Melan­cholie, Geheim­nis­vollem und Strah­lendem. So entwi­ckelt sich eine Ahnung des „Heldi­schen“.  Der „Trauer­marsch“ des zweiten Satzes, zuerst sehr düster, mit verschat­teten Akzen­tu­ie­rungen, wirkt fast etwas mutlos; der zuver­sicht­liche Trost dann erklingt wie zweifelnd, Liebliches wird immer wieder abgeschwächt, und die leise Ahnung des Traurigen wird durch expressive Pausen noch gesteigert; irgendwie verstummen diese resignie­renden Gedanken im leise Poeti­schen. Ganz schnell, wie hinge­tupft dann das Scherzo bis zum strah­lenden Schluss, dem straff konzen­triert der Finalsatz folgt, in dem sich dann das Lichte heraus­schält, alles sehr durch­sichtig, mit strah­lenden Tutti, schnell, aber beherrscht, mächtig darauf das heroische Motiv, prächtig, triumphal, bis zum energi­schen Schluss. Der lange Jubel im Saal kann nur entspannt werden mit einer heiteren Pizzicato-Zugabe.

Renate Freyeisen

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