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Bamberger Symphoniker - Foto © Richard Haughton

Weiterleben in der Musik

LIEDNACHMITTAG UND GEDENKKONZERT
(Bamberger Symphoniker)

Besuch am
8. Juli 2018
(Einmalige Aufführungen)

 

Kissinger Sommer, Bad Kissingen, Regentenbau

Es lohnt sich immer, in Bayerns Norden zu fahren und beim Kissinger Sommer das besondere Ambiente der Kurstadt an der Saale und die hervor­ra­gende Akustik der schönen Säle im Regen­tenbau zu genießen. Vieles scheint dort ein wenig aus der Zeit gefallen, wo einst Europas Prominenz von König Ludwig II. über Kaiserin Sisi, Rossini, Bismarck, Fontane oder George Bernhard Shaw und andere in den großzü­gigen Anlagen Erholung gesucht haben. Heute sind die Kurgäste bürger­licher, die stilvollen Bauten haupt­sächlich vom Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhun­derts immer noch sehr gepflegt und zu dem vierwö­chigen Festival im Sommer strömen Musik­lieb­haber aus der ganzen Welt; denn neben den großen Orchestern und bekannten Solisten, die im holzge­tä­felten Max-Littmann-Saal mit seinen etwa 1100 Plätzen auftreten, sind auch in den kleineren Sälen und Orten, in idylli­schen Klöstern und Kirchen in und um Bad Kissingen Perlen der Kammer­musik, hoffnungs­volle Talente oder Neues zu entdecken; ein dichtes, vielschich­tiges Programm garan­tiert absolute Abwechslung.

POINTS OF HONOR

Dirigent



Orchester



Solisten



Programm



Publikum



Chat-Faktor



So finden sich zum Liednach­mittag im Rossini-Saal viele Besucher ein; zwar ist Schuberts berühmter Liedzyklus Die schöne Müllerin den meisten geläufig, doch gespannt ist man vor allem auf den Tenor Simon Bode, den die meisten noch nicht gehört haben; als Pianist ist Igor Levit angekündigt, und dieser Hochka­räter am Klavier besitzt beim Kissinger Publikum von vornherein Vorschuss­lor­beeren.  Zu Recht, wie sich wieder einmal erweist. Denn er ist weit mehr als ein Liedbe­gleiter, verweist im Spiel auf die inneren Regungen dieses wandernden Müller­bur­schen, der sich unglücklich in eine Dorfschöne verliebt, die ihm den gesell­schaftlich höher gestellten Jäger vorzieht, kündigt die Gefühle an, deutet sie, spiegelt sie in Natur­bildern. So entsteht im konge­nialen Zusam­men­wirken von Sänger und Pianist bei den Schubert­schen Liedern nach Gedichten von Wilhelm Müller ein bewegendes Herzens­drama, vom optimis­tisch gestimmten Aufbruch des Wanderers an, der Begegnung mit der schönen Müllerin, seinen ungestümen Gefühlen für sie, der Hoffnung auf Erfüllung im Einklang mit Bach und Blumen, bis hin zur Enttäu­schung, zu trüben Gedanken, Trauer und einem bitteren Ende, aber erlöst im Frieden mit der Natur. Selten hört man diesen Zyklus so direkt, so packend, so von jugend­lichem Impetus und gleich­zeitig Resignation über die eigene Tragik geprägt wie von Simon Bode, selten auch so textnah, so deutlich verständlich artiku­liert wie von dem Tenor aus Hamburg. Oft werden diese Lieder aus einer gewissen intel­lek­tu­ellen Distanz heraus inter­pre­tiert, quasi als Kunst­produkt einer vergan­genen Epoche, als indirektes Nachemp­finden. Dass Bode mit klarer, kräftiger, hell kerniger Stimme einer Vielfalt von Farben, strah­lenden Höhen, sanfter Lyrik und feinstem Pianissimo alle Regungen eines schließlich unglücklich Verliebten vermitteln kann, nachdrücklich, ohne je zu forcieren, Schmerz­liches, fahle Ahnungen des Schei­terns, Zweifel, Rückzug in die Trauer, Empörung über die Zurück­weisung glaubhaft zeigt und dabei nie die Schön­heiten der Natur aus dem Auge verliert, bis er eintaucht in Des Baches Wiegenlied mit feinster Kopfstimme, leise verklingend in fast überir­di­schem Frieden, in der Weite des nächt­lichen Himmels, ist ein Ereignis. Alle diese Stimmungen unter­streicht Levit mit variablem Anschlag, mal stürmisch, mal sonnig, mal inbrünstig, mal mutlos stockend mit ständigen Tempo­wechseln, mal verhalten melan­cho­lisch oder besänf­tigend, und die spannende Einheit von Stimm­ge­staltung und Klavier­spiel lässt die Besucher fast atemlos zuhören. Nach einem kurzen Moment der Stille bricht begeis­terter Jubel los, begleitet von Bravo­rufen und Trampeln im nahezu voll besetzten Saal.

Simon Bode – Foto © Kroeger Photography

Am Abend dann folgt ein bewegender Abgesang auf die Welt mit Verstö­rende Schönheit im Max-Littmann-Saal.  Es ist der Abschied von Enoch zu Guttenberg, der jüngst gestorben ist. Fast glaubt man, dass er seinen Tod geahnt hat, als er sein Programm für den Kissinger Sommer entwarf, bei dem er die von ihm gegründete Chorge­mein­schaft Neubeuern und die Bamberger Sympho­niker dirigieren wollte bei Georg Melchior Hoffmanns Trauer­kantate Schlage doch, gewünschte Stunde, ursprünglich Johann Sebastian Bach zugeschrieben, dem düsteren Adagio und Fuge c‑moll KV 546 von Mozart und dessen Requiem d‑moll KV 626, um das sich viele Legenden ranken und das nicht vollendet wurde, aber nach vorlie­genden Skizzen nach Mozarts Tod von dessen Freund Eybler und seinem Schwager Süßmayr komplet­tiert wurde. Nach Gutten­bergs überra­schendem Tod wird sein geplanter Konzert­abend nun eine Huldigung, eine Art tragi­sches Abschieds­ge­schenk an ihn. An seiner Stelle übernimmt nun die erfahrene Jane Glover den Dirigen­tenstab und leitet energisch, mit großem Ernst das Konzert. Die Solokantate von Hoffmann für Alt, Streicher, Basso Continuo und zwei Glocken, die das Verrinnen der Zeit symbo­li­sieren sollen, formu­liert die Sehnsucht eines gläubigen Christen nach dem Tod mit der tröst­lichen Zuver­sicht eines Weiter­lebens im Himmel. Mit diesem Werk beginnt der sehr nachdenklich stimmende Abend, mit fein, sanft abgestuften Strei­chern, und durch den warmen Glanz der Altstimme von Anke Vondung strahlt er die Heils­ge­wissheit der Seelenruh bei Jesus aus. Schroff und irgendwie von Trost­lo­sigkeit geprägt dann die Fassung für Streicher von Mozarts Adagio und Fuge; sie wirkt abweisend, fast wüst, ohne jede versöhn­liche Wendung, und unter dem Dirigat der Britin abgeschnitten von jeder Aussicht auf Erlösung. Mit Mozarts Requiem hebt der Höhepunkt ganz zaghaft mit noch irgendwie tröst­lichem Einschlag bei der Bitte um ewige Ruhe an. Die vielköpfige Chorge­mein­schaft Neubeuern, angetreten in einheitlich dunklen Dirndln und Trach­ten­an­zügen, die nun ihren Chef verloren hat, beein­druckt mit mächtigem, rundem Klang und verströmt bei et lux perpetua vielseitige Hoffnung; im dichten, harmo­ni­schen Gewebe der männlichen und weiblichen Stimmen schälen sich deutliche Steige­rungen und feine Schat­tie­rungen heraus. Die recht zügig gegebene Fuge des Kyrie verstärkt eindrucksvoll das Flehen um Erbarmen; stark, fast bedrohlich gelingt zu den schnellen Orchester-Aufschwüngen das Dies irae mit den drängenden Crescendi des Chors, ganz erschre­ckend wirkt danach die Posaune des Jüngsten Gerichts zum kernigen, relativ hellen Bass von Yorck Felix Speer, den Voraus­sagen des großen, glänzenden Tenors von Werner Güra, der freundlich getönten Altstimme von Anke Vondung und dem schönen, runden Sopran von Susanne Bernhard, die so der Trauer um ihren verstor­benen Verlobten Ausdruck verleiht. Das Quartett der vier Solisten gerät dann fast tröstlich. Nach den sanften Chorbitten und den versöhn­lichen Strei­cher­fi­guren steigert sich alles noch einmal drama­tisch, auch durch das Gegen­ein­ander von Frauen- und Männer­stimmen. Erst das Lacrimosa leitet sanft Sehnsüch­tiges ein, und das nachdrück­liche Flehen wird durch das Amen bekräftigt. Die folgenden Teile des Requiems, wahrscheinlich nach Mozarts Tod rekon­struiert, bestechen durch schick­sals­mächtige Akzen­tu­ie­rungen, drama­ti­sches Aufbäumen, ein strah­lendes Sanctus, durch wohlklin­genden Gottes­preis der Solisten. Dann aber ist wieder Düsteres, Schmerz­liches spürbar, bevor in der Communio der Sopran mit seiner Bitte um ewiges Licht hell hervor­leuchtet und nach der Chorfuge das Requiem sanft flehend endet.

In einer ergrei­fenden Minute des Gedenkens und der Trauer schweigt der fast voll besetzte Saal, dann aber werden Solisten, Chor und Orchester bejubelt.

Renate Freyeisen

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