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LIEDNACHMITTAG UND GEDENKKONZERT
(Bamberger Symphoniker)
Besuch am
8. Juli 2018
(Einmalige Aufführungen)
Es lohnt sich immer, in Bayerns Norden zu fahren und beim Kissinger Sommer das besondere Ambiente der Kurstadt an der Saale und die hervorragende Akustik der schönen Säle im Regentenbau zu genießen. Vieles scheint dort ein wenig aus der Zeit gefallen, wo einst Europas Prominenz von König Ludwig II. über Kaiserin Sisi, Rossini, Bismarck, Fontane oder George Bernhard Shaw und andere in den großzügigen Anlagen Erholung gesucht haben. Heute sind die Kurgäste bürgerlicher, die stilvollen Bauten hauptsächlich vom Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts immer noch sehr gepflegt und zu dem vierwöchigen Festival im Sommer strömen Musikliebhaber aus der ganzen Welt; denn neben den großen Orchestern und bekannten Solisten, die im holzgetäfelten Max-Littmann-Saal mit seinen etwa 1100 Plätzen auftreten, sind auch in den kleineren Sälen und Orten, in idyllischen Klöstern und Kirchen in und um Bad Kissingen Perlen der Kammermusik, hoffnungsvolle Talente oder Neues zu entdecken; ein dichtes, vielschichtiges Programm garantiert absolute Abwechslung.
| Dirigent | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Orchester | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Solisten | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Programm | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
So finden sich zum Liednachmittag im Rossini-Saal viele Besucher ein; zwar ist Schuberts berühmter Liedzyklus Die schöne Müllerin den meisten geläufig, doch gespannt ist man vor allem auf den Tenor Simon Bode, den die meisten noch nicht gehört haben; als Pianist ist Igor Levit angekündigt, und dieser Hochkaräter am Klavier besitzt beim Kissinger Publikum von vornherein Vorschusslorbeeren. Zu Recht, wie sich wieder einmal erweist. Denn er ist weit mehr als ein Liedbegleiter, verweist im Spiel auf die inneren Regungen dieses wandernden Müllerburschen, der sich unglücklich in eine Dorfschöne verliebt, die ihm den gesellschaftlich höher gestellten Jäger vorzieht, kündigt die Gefühle an, deutet sie, spiegelt sie in Naturbildern. So entsteht im kongenialen Zusammenwirken von Sänger und Pianist bei den Schubertschen Liedern nach Gedichten von Wilhelm Müller ein bewegendes Herzensdrama, vom optimistisch gestimmten Aufbruch des Wanderers an, der Begegnung mit der schönen Müllerin, seinen ungestümen Gefühlen für sie, der Hoffnung auf Erfüllung im Einklang mit Bach und Blumen, bis hin zur Enttäuschung, zu trüben Gedanken, Trauer und einem bitteren Ende, aber erlöst im Frieden mit der Natur. Selten hört man diesen Zyklus so direkt, so packend, so von jugendlichem Impetus und gleichzeitig Resignation über die eigene Tragik geprägt wie von Simon Bode, selten auch so textnah, so deutlich verständlich artikuliert wie von dem Tenor aus Hamburg. Oft werden diese Lieder aus einer gewissen intellektuellen Distanz heraus interpretiert, quasi als Kunstprodukt einer vergangenen Epoche, als indirektes Nachempfinden. Dass Bode mit klarer, kräftiger, hell kerniger Stimme einer Vielfalt von Farben, strahlenden Höhen, sanfter Lyrik und feinstem Pianissimo alle Regungen eines schließlich unglücklich Verliebten vermitteln kann, nachdrücklich, ohne je zu forcieren, Schmerzliches, fahle Ahnungen des Scheiterns, Zweifel, Rückzug in die Trauer, Empörung über die Zurückweisung glaubhaft zeigt und dabei nie die Schönheiten der Natur aus dem Auge verliert, bis er eintaucht in Des Baches Wiegenlied mit feinster Kopfstimme, leise verklingend in fast überirdischem Frieden, in der Weite des nächtlichen Himmels, ist ein Ereignis. Alle diese Stimmungen unterstreicht Levit mit variablem Anschlag, mal stürmisch, mal sonnig, mal inbrünstig, mal mutlos stockend mit ständigen Tempowechseln, mal verhalten melancholisch oder besänftigend, und die spannende Einheit von Stimmgestaltung und Klavierspiel lässt die Besucher fast atemlos zuhören. Nach einem kurzen Moment der Stille bricht begeisterter Jubel los, begleitet von Bravorufen und Trampeln im nahezu voll besetzten Saal.

Am Abend dann folgt ein bewegender Abgesang auf die Welt mit Verstörende Schönheit im Max-Littmann-Saal. Es ist der Abschied von Enoch zu Guttenberg, der jüngst gestorben ist. Fast glaubt man, dass er seinen Tod geahnt hat, als er sein Programm für den Kissinger Sommer entwarf, bei dem er die von ihm gegründete Chorgemeinschaft Neubeuern und die Bamberger Symphoniker dirigieren wollte bei Georg Melchior Hoffmanns Trauerkantate Schlage doch, gewünschte Stunde, ursprünglich Johann Sebastian Bach zugeschrieben, dem düsteren Adagio und Fuge c‑moll KV 546 von Mozart und dessen Requiem d‑moll KV 626, um das sich viele Legenden ranken und das nicht vollendet wurde, aber nach vorliegenden Skizzen nach Mozarts Tod von dessen Freund Eybler und seinem Schwager Süßmayr komplettiert wurde. Nach Guttenbergs überraschendem Tod wird sein geplanter Konzertabend nun eine Huldigung, eine Art tragisches Abschiedsgeschenk an ihn. An seiner Stelle übernimmt nun die erfahrene Jane Glover den Dirigentenstab und leitet energisch, mit großem Ernst das Konzert. Die Solokantate von Hoffmann für Alt, Streicher, Basso Continuo und zwei Glocken, die das Verrinnen der Zeit symbolisieren sollen, formuliert die Sehnsucht eines gläubigen Christen nach dem Tod mit der tröstlichen Zuversicht eines Weiterlebens im Himmel. Mit diesem Werk beginnt der sehr nachdenklich stimmende Abend, mit fein, sanft abgestuften Streichern, und durch den warmen Glanz der Altstimme von Anke Vondung strahlt er die Heilsgewissheit der Seelenruh bei Jesus aus. Schroff und irgendwie von Trostlosigkeit geprägt dann die Fassung für Streicher von Mozarts Adagio und Fuge; sie wirkt abweisend, fast wüst, ohne jede versöhnliche Wendung, und unter dem Dirigat der Britin abgeschnitten von jeder Aussicht auf Erlösung. Mit Mozarts Requiem hebt der Höhepunkt ganz zaghaft mit noch irgendwie tröstlichem Einschlag bei der Bitte um ewige Ruhe an. Die vielköpfige Chorgemeinschaft Neubeuern, angetreten in einheitlich dunklen Dirndln und Trachtenanzügen, die nun ihren Chef verloren hat, beeindruckt mit mächtigem, rundem Klang und verströmt bei et lux perpetua vielseitige Hoffnung; im dichten, harmonischen Gewebe der männlichen und weiblichen Stimmen schälen sich deutliche Steigerungen und feine Schattierungen heraus. Die recht zügig gegebene Fuge des Kyrie verstärkt eindrucksvoll das Flehen um Erbarmen; stark, fast bedrohlich gelingt zu den schnellen Orchester-Aufschwüngen das Dies irae mit den drängenden Crescendi des Chors, ganz erschreckend wirkt danach die Posaune des Jüngsten Gerichts zum kernigen, relativ hellen Bass von Yorck Felix Speer, den Voraussagen des großen, glänzenden Tenors von Werner Güra, der freundlich getönten Altstimme von Anke Vondung und dem schönen, runden Sopran von Susanne Bernhard, die so der Trauer um ihren verstorbenen Verlobten Ausdruck verleiht. Das Quartett der vier Solisten gerät dann fast tröstlich. Nach den sanften Chorbitten und den versöhnlichen Streicherfiguren steigert sich alles noch einmal dramatisch, auch durch das Gegeneinander von Frauen- und Männerstimmen. Erst das Lacrimosa leitet sanft Sehnsüchtiges ein, und das nachdrückliche Flehen wird durch das Amen bekräftigt. Die folgenden Teile des Requiems, wahrscheinlich nach Mozarts Tod rekonstruiert, bestechen durch schicksalsmächtige Akzentuierungen, dramatisches Aufbäumen, ein strahlendes Sanctus, durch wohlklingenden Gottespreis der Solisten. Dann aber ist wieder Düsteres, Schmerzliches spürbar, bevor in der Communio der Sopran mit seiner Bitte um ewiges Licht hell hervorleuchtet und nach der Chorfuge das Requiem sanft flehend endet.
In einer ergreifenden Minute des Gedenkens und der Trauer schweigt der fast voll besetzte Saal, dann aber werden Solisten, Chor und Orchester bejubelt.
Renate Freyeisen