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Emotionsarmer Verdi

SIMON BOCCANEGRA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
31. Oktober 2019
(Premiere)

 

Stadt­theater Klagenfurt

Völlig im Dunkel liegt der von gleißendem Neonlicht umrandete Raum. Er wirkt wie ein überdi­men­sio­nales, pechschwarzes Bild. Langsam heller werdend, sieht man darin eine erhängte Frau baumeln. Es ist Maria, die Geliebte des Titel­helden, die offen­sichtlich Selbstmord begangen hat und zu deren Füßen dieser auch zum Finale sterben wird. Daneben steht ein lebendes Pferd, offenbar als mytho­lo­gi­sches Symbol für die Begleitung von Seelen in den Tod gedacht: Dieses Anfangs- und Schlussbild von Giuseppe Verdis Simon Bocca­negra am Stadt­theater Klagenfurt, eine Kopro­duktion mit der Opéra Dijon und Rouen, wo die Produktion schon gezeigt wurde, ist eine recht plakative Idee von Philipp Himmelmann.

Der Regisseur hat dem krausen Libretto mit vielen Ungereimt­heiten von Arrigo Boito um Betrug, Machtgier und zu spät erkannten Famili­en­banden zudem auch noch einen gewal­tigen Moder­ni­sie­rungs­schub verpasst. Er lässt die Geschichte, die neben Il trovatore wirklich zu den verwor­rensten zählt, die Verdi je vertont hat, nah am Heute in einem düsteren, hässlichen, braun­grauen, beengten Einheitsraum – die Bühne hat Etienne Pluss kreiert – in heutigen Kostümen von wenig Geschmack, die von Kathi Maurer stammen, spielen. Offenbar will uns der Regisseur das Zeitlose der Geschichte aus dem 14. Jahrhundert vor Augen führen und ein Sittenbild unseres Politik­zeit­alters zeigen. Macht steht über Moral. Das mehrfach besungene Meer lässt sich nur auf einem Bild erkennen.

Foto © Arnold Pöschl

Die Perso­nen­führung insgesamt wirkt belanglos und teils statisch. In der Senats­szene wird durch hekti­sches Herum­blättern und Werfen von Akten bemüht Bewegung erzeugt. Vor allem aber schafft es Himmelmann kaum, echte Gefühle oder gar Leiden­schaften zu vermitteln. Und so lassen Schlüs­sel­szenen wie jene, wo sich Vater und Tochter wieder­finden oder der Tod des Titel­helden seltsam kalt. Bei beiden Szenen wird entgegen dem Libretto jegliche Nähe zwischen den Figuren völlig vermieden.

Die musika­lisch wunderbar reife, fast ohne Ohrwürmer auskom­mende Oper bedarf außer­ge­wöhn­licher Sänger. Die hat man für Klagenfurt gefunden: Vittorio Vitelli verstrahlt als unglück­licher, ehema­liger Korsar nicht nur starke Bühnen­präsenz, sondern vermag auch mit schönem Timbre zu berühren, wiewohl er so manche Lyrismen noch feiner ausformen hätte können. Aber auch sein feind­se­liger Widerpart ist mit Luciano Batinic als nobler und würde­voller Jacopo Fiesco gut besetzt. Es fehlt ihm jedoch etwas an Basses­schwärze. Robert Watson singt den Gabriele Adorno mit Schmelz und schönen, ungefähr­deten Höhen. Selene Zanetti als Amelia Grimaldi phrasiert innig und berührt mit glasklarem Sopran. Von beein­dru­ckender Kraft hört man Csaba Szegedi als finsteren Bösewicht Paolo. Achtbar singt seinen Kumpanen Pietro Evert Sooster. Stimm­ge­waltig singt auch der Chor des Stadt­theaters Klagenfurt, dessen Einstu­dierung wie gewohnt Günter Wallner souverän besorgte.

Am Pult des Kärntner Sinfo­nie­or­chesters zeigt Nicholas Carter durchaus packende Gestal­tungs­kraft bei den drama­ti­schen Szenen. Die feinen Lyrismen wirken jedoch zu zurück­haltend, da hätte man sich einen stärkeren emotio­nalen Ausdruck gewünscht.

Dem Publikum gefällt es, es reagiert bei der Premiere mit Jubel und voller Zustimmung.

Helmut Christian Mayer

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