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Musikalische Emotion am Siedepunkt

WERTHER
(Jules Massenet)

Besuch am
2. November 2017
(Premiere)

 

Stadt­theater Klagenfurt

An dieser Stelle erblüht die Musik in Zartheit und schwingt sich zu einem Gipfel betörendsten Liebreizes empor.“ Es ist die erste Begegnung zwischen Werther und Charlotte, die kein Gerin­gerer als der Komponist Gabriel Fauré, ein jüngerer Zeitge­nosse und Verehrer von Jules Massenet, hier so bewun­dernd beschreibt. Und tatsächlich schimmert die klare Mondschein-Melodie, die zuvor in einem Zwischen­spiel erstmalig erklingt, verzau­bernd durch den Dialog der Sänger hindurch. Dass dieser Werther von Jules Massenet am Stadt­theater Klagenfurt genauso erklingt und so zum musika­li­schen Ereignis wird, verdankt er in erster Linie dem Mann am Pult. Denn Lorenzo Viotti weiß genau, worauf es ankommt und was er will. Der erst 27-jährige, der hier am Haus schon 2016 mit Bizets Carmen reüssierte und mittler­weile bereits weltweit bedeu­tende Orchester und an renom­mierten Opern­häusern dirigiert, zeigt einmal mehr sein großes Talent und seine Begabung.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Bei überwiegend breiten Tempi kostet der in Lausanne geborene Dirigent, sein Vater war der viel zu früh verstorbene, große Dirigent Marcello Viotti, die Kanti­lenen weidlich aus und erzeugt pointiert einen weiten Nuancen- und Farben­reichtum mit verschwen­de­ri­schem Raffi­nement und luzider Durch­sich­tigkeit, den man bei den auch immer wieder solis­tisch exzellent in Erscheinung tretenden Musikern des Kärntner Sinfo­nie­or­chester selten erlebt. Feinste, extrem ausge­reizte Piani aus dem Nichts hört man ebenso wie einen aufbrau­senden Klang­rausch und packende, hochemo­tionale Ausbrüche. Und dabei geht Lorenzo Viotti behutsam und rücksichtsvoll mit den Sängern um.

Foto © Karlheinz Fessl

Und diese fühlen sich bei ihm sichtlich wohl: Anaik Morel singt die Charlotte raumfüllend, aber auch betörend, mit zärtlichem und innigem Ausdruck. Sie kann auch ihre unter­schied­lichsten Gefühls­re­gungen, ihr Changieren zwischen Sehnsucht und Zerris­senheit szenisch bestens artiku­lieren. Attilio Glaser singt den verträumten, unglücklich verliebten und depres­siven Titel­helden mit viel Schmelz, lyrischer Emphase und absoluter Höhen­si­cherheit. John Brancy ist ein nobel­tim­brierter Albert mit warm leuch­tendem Material. Keri Fuge singt eine reizende, mädchen­hafte Sophie. Auch die kleineren Rollen mit Karl Huml als Le Bailli und Amtmann, Joshua Owen Mills als Schmidt und Jisang Ryu als Johann hört man makellos. Vital und fröhlich singen die Kinder der Singaka­demie Carinthia, deren Einstu­dierung Apostolos Kallos besorgte.

Mit dieser hochemo­tio­nalen, musika­li­schen Siede­hitze kann Vincent Huguet nicht ganz mithalten. Er ließ sich von Aurélie Maestre einen grauen beton­ar­tigen Raum mit verschieb­baren Wänden bauen, mit drei großen Baumstämmen mittig und einem Wald im Hinter­grund. Darin erzählt der Regisseur die Geschichte ohne große Inter­pre­tation klar, detail- und ideen­reich, aber recht nüchtern. Der Amtmann ist ein Künstler, der in seinem Atelier Bilder malt, die an Monet erinnern. Immer wieder taucht ein Junge auf, offen­sichtlich Klein-Werther, der schon zu Beginn einen Alptraum hat und auch als Bote für die todbrin­genden Waffen fungiert. Insgesamt ist die Perso­nen­führung recht konven­tionell und im ersten Teil etwas langatmig. Deshalb kommen hier szenisch auch die Gefühle zu kurz. Die Schluss­szene, diesmal im Wald mit dem verblu­tenden Werther, der symbolhaft an seinem nunmehr umgefal­lenen Lebensbaum angelehnt liegt und dessen Blutung Charlotte noch verzweifelt mit ihrem Tuch zu stoppen versucht, und den singenden Kindern mit ihren Laternen im Hinter­grund geht jedoch unter die Haut!

Das Publikum ist restlos begeistert, es spendet unein­ge­schränkt viel Applaus und jubelt lautstark. Von einigen gibt es sogar stehende Ovationen.

Helmut Christian Mayer

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