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SEHNSUCHT DES NORDENS
(Arvo Pärt, Cyrillus Kreek, Veljo Tormis)
Besuch am
20. Mai 2018
(Einmalige Aufführung)
Die St. Nicolaikirche im bürgerlichen Kreuzviertel Dortmunds ist für das Konzert mit dem Estnischen Philharmonischen Kammerchor im Rahmen des Musikfestivals Klangvokal der perfekte Ort. Im Stil der Neuen Sachlichkeit 1928 in lichter Stahl-Glas-Konstruktion erbaut, wirkt der Kirchenraum akustisch, architektonisch und ästhetisch wie für dieses A‑Cappella-Konzert geschaffen.
Es wird gern behauptet, die menschliche Stimme sei das erste Instrument überhaupt. Das Konzert mit dem Estnischen Philharmonischen Kammerchor macht nachhaltig hörbar, wie das zu verstehen ist. Die Worte der Bibel im Johannes-Evangelium Im Anfang war das Wort verweisen auf die menschliche Stimme als Wortträger und damit auch als Gesangsstimme.
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In welcher Form das Zusammenwirken von Wort und Gesang essentiell für den religiösen Ritus ist, wird in den Kompositionen von Arvo Pärt, Cyrillus Kreek und Veljo Tormis offenbar. Sie sind als Komponisten Vertreter eines kleinen Landes, das durch die über die Jahrhunderte wechselnden Unterdrückungen verschiedener europäischer Großmächte ihre kulturelle Identität zu bewahren suchte. Über Generationen überlebte die estnische Sprache vor allem durch das Singen folkloristischer Überlieferungen.
Das Konzertprogramm des Estnischen Philharmonischen Kammerchors in der St. Nicolaikirche reflektiert in gewisser Weise zusammen mit der neuen Sachlichkeit des Kirchenbaus Tradition und Aufbruch. Es ist bemerkenswert, wie Kaspars Putniņš, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Chores seit 2014, leidenschaftlich subtil, ohne vordergründig zu polemisieren, Singen als Credo des Lebens zelebriert. Die 26 Sängerinnen und Sänger, in zwei Gruppen im Altarraum geteilt, weben mit ihren solistisch ausgebildeten Stimmen grandios klingende Klangstrukturen. Ein Chorgesang mit selten zu hörender Überzeugung. Erweitert durch einen solistischen hohen Sopran und einem extrem tiefen Bass entwickelt Putniņš einen einzigartigen Chorgesang durch alle Register. Keine artifizielle Perfektion, sondern ein Bekenntnis zum Lebenselixier Gesang.

Man spürt in der durchsichtigen Polyphonie des Chorgesangs etwas davon, wie Identität musikalisch einen lebendigen Ausdruck findet. Der ist bei den drei Komponisten sehr unterschiedlich.
Die Psalmvertonungen von Kreek stehen mit ihrem christlichen Bekenntnis in der Tradition eines archaisch-religiösen und mystischen Wechselgesangs. Die reduziert monotonen Melodien haben sowohl einen religiösen Bekenntnischarakter wie auch einen nationalen. Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen und alle weiteren Kreek-Kompositionen singt der Chor – einige Sänger bewusst ohne Notenblatt – mit dem stolzen Selbstbewusstsein, ein Nationalepos zu interpretieren.
Die Liedkompositionen von Tormis verbinden traditionelle, volksliedhafte Melodieflüsse zu tänzerischen Kunstliedformen. Mythologische Feuerzauberbekenntnisse evozieren Klänge, die westeuropäische Ohren für typisch osteuropäisch halten könnten. Tänzerisch bewegt, liegt über ihnen ein Lachen aus vollem Herzen.
In den Chorkompositionen von Arvo Pärt, dem wohl berühmtesten lebenden Komponisten Estlands, ist der Avantgardist der Neuen Musik unverkennbar. Meditativ reflektiert gestimmt, wird das Kunstlied zum Gegenstand kompositorischer Kreativität der menschlichen Stimme. Einzelne Töne erscheinen wie Sterne am Himmel, die ein Sternenbild in ständiger Bewegung zeichnen. Ahnungsvoll schwebend, collagiert Pärt in klangfarbiger Schönheit. Gregorianik und sein minimalistischer Tintinnabuli-Stil vermischen sich mit der Neuen Sachlichkeit der Raumarchitektur zu einem, das sachliche Narrativ überwölbenden, überirdisch schönen Klang.
Viel Beifall am Ende für die fabelhafte Entdeckung der Kunst des Chorgesangs mit dem Estnischen Philharmonischen Kammerchor unter Kaspars Putniņš.
Peter E. Rytz