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ERÖFFNUNGSKONZERT H‑MOLL MESSE
(Johann Sebastian Bach)
Besuch am
20. September 2017
(Einmalige Aufführung)
22.05 Uhr am Abend der Eröffnung des Festivals Alte Musik in Knechtsteden. Gerade ist das Dona nobis pacem, die finale Chorsequenz, in Johann Sebastian Bachs Messe h‑Moll für Soli, Chor und Orchester in der romanischen Klosterbasilika verhallt und in eine beredte Stille übergegangen. Neun Sekunden, immerhin, währt die Chance des Innehaltens, des Nachschwingens. Eine Gabe des Publikums an sich selbst. Dann bricht, einer Befreiung aus der Erstarrung gleich, tosender Beifall aus. Wie 1992 bei der Premiere des Festivals bestätigt die Aufführung von Bachs zeitlosem Vermächtnis die Schlüssigkeit der programmatischen Idee, in der rheinischen Provinz einen Ort für Alte Musik zu etablieren. Einen Ort, um Musik des Barock und der frühen Klassik „in einer der Gegenwart angemessenen Art zu präsentieren“. Knechtsteden hat sich vor allem dank der Inspiration seines Gründers Hermann Max den Ruf erarbeitet, ein Erfüllungsort für Alte Musik zu sein, „Experimentierfeld und Impulsgeber mit seinen verschiedenen Formaten“. Alles bestens mithin auch in 2019? Nicht ganz. Die Wiedergabe des letzten Vokalwerks Bachs ist vieles. Doch kein Erlebnis, das noch Jahre nachklingen könnte.
Unter dem Leitmotiv „Visionäre Bach und Mendelssohn“ bietet das Festival bis zum 29. September unter dem zentralen Vorzeichen der Historischen Aufführungspraxis ein beziehungsreiches Programm, das von der Papierform her mit Bachs h‑Moll Messe kaum ambitionierter hätte starten können. Max kann mit seinen eigenen Gründungen, der Rheinischen Kantorei und dem Ensemble Das Kleine Konzert, auf zwei ausgezeichnete Formationen bauen, denen die Tage von Knechtsteden wie dem Menschen die DNA eingewoben sind. Dazu ein ausgezeichnetes Festival-affines Solistenquintett, dem der Standort wie das Renommee des jährlichen Musiktreffens ebenfalls eine persönliche Verpflichtung zu sein scheinen. Indes, so engagiert Sänger und Instrumentalisten an ihre noble Sache herangehen, so aufmerksam und akribisch Max die musizierenden Akteure durch das Konzert führt, so sehr bleibt die Wiedergabe im Vagen, Unbestimmten. Um es auf eine simple Formel zu bringen – was sich unter der mächtigen Kuppel der Basilika entwickelt, „packt“ nur bedingt. Das Werk von den Weltkulturerbe-Dimensionen, das alle instrumentalen und kantilenen Verheißungen einer musikalischen Hochsprache erfüllt, verharrt in dem inneren Radius einer einmal festgelegten Konvention. Die großen emotionalen Momente, wie sie sich – pars pro toto – mit den Chorpassagen Cum Sanctu Spiritu sowie Et resurrexit tertia in jeder Aufführung quasi automatisch einzustellen pflegen, wollen sich nicht ergeben. Emotionen ja, Ergriffenheit hier und da, auch ja. Aber in Maßen.

In erster Linie ist der retardierende Gesamteindruck eine Folge des Einheitstempos, des Tempo maggiore, für das sich Max entschieden hat. Es ist zwar auf ein permanentes Allegro bis Prestissimo ausgelegt, befördert aber nicht die Dynamik, die die Partitur, die Summe von Bachs Lebenswerk, verlangt. Es eröffnet kaum den Gestaltungsraum für mögliche und wünschenswerte Differenzierungen in Klangbild und Stimmung. „Zumindest im Barock“, gibt Max im Knechtstedener Programmheft zu bedenken, „beginnt Komponieren mit Bildern im Komponisten-Kopf.“ In der Aufführung bleiben solche Musik-Bilder die Ausnahme. Stellt sich beim Kyrie eleison vielleicht die Assoziation eines wogenden Kornfeldes ein, entstehen daraus in der Folge keine spontanen visuellen Vorstellungen zu den tragenden Oberstimmen. Viel Stoff, um ein Bild zu bemühen, aber kaum Anmutungen von Leinen, Samt, Seide und Brokat.
Handwerklich musiziert und intrinsisch interpretiert wird insgesamt mit hoher Professionalität. Das Kleine Konzert ist con affetto bei seiner exquisiten Sache, offenbart seine eminente Erfahrung und Einfühlung auf dem Feld der Historischen Aufführungspraxis. Großartig gelingen die herausragenden Solistenpartien wie die Solovioline beim Sopransolo Laudamus te und das Solohorn bei der Bass-Arie Quoniam tu solus sanctus. Apropos Horn: Stephan Katte erschafft mit seinem Naturhorn, einem Instrument in Eigennachbau, eine außerordentlich einnehmende, auch berührende Atmosphäre. Die Rheinische Kantorei bestätigt auch in der doppelchörigen Aufstellung einmal mehr ihren über Jahrzehnte erarbeiteten herausragenden Ruf in der Szene der Alten Musik. Max bevorzugt die choreografierte Formation, in der die Solisten je nach Auftritt aus dem Ensemble heraustreten und wieder in dasselbe zurückkehren. Ein indirektes Bekenntnis zum Primat des vokalen Miteinanders und eine Absage an mögliche Starattitüden Einzelner. Wie auch das Ganze im Dienst der Kunst steht, bei Bach der Transzendenz, und nicht als Podium für etwaige Alphatiere.
Das Solistenensemble ordnet sich mit starkem individuellem Willen zur kollektiven Homogenität der übergeordneten Maxime unter. Die Soprane Veronika Winter und Verena Gropper überzeugen durch eine akkurate Intonation und eine angenehme Stimmführung. In ihrem Duett Christe eleison harmonieren sie prächtig. Der Vortrag allerdings gerät beiden in der Körpersprache doch zu unruhig. Altistin Margot Oitzinger besticht durch die beherrschte Art ihres Auftrittes. Ihre technisch versierte Stimme verströmt gerade im Agnus Dei Bonität und Hingabe. Jetzt ist auch ihre etwas zu zurückhaltende Performance im Duett Et in unum Dominum mit Winter überwunden.
Die beiden Partien für Männerstimmen sind vorzüglich besetzt. Der Tenor Tobias Hunger bewegt sich souverän auf der Linie der Bachschen Melodik. Sein Duett Domine Deus mit Winter avanciert zu einem der Höhepunkte des Abends. Felix Schwandtke imponiert mit seinem stilsicher geführten, gefälligen Bass. Seine zweite Solo-Arie Et in spiritum sanctum – ohne luxuriöse Horn-Untermalung – weist ihn als Könner seines Fachs aus.
Das Publikum strömt nach zwei geschlagenen Stunden hoher Konzentration und Anspannung in das Dunkel eines wolkenlosen Spätsommerabends, der die Menschen mit rasch zunehmender Kühle in die Niederungen der Realität zurückholt. Irgendwie auch ein Kommentar, jetzt der Natur, zu dem Erlebten. Transzendenz scheint etwas Flüchtiges zu sein, jedenfalls etwas Rares.
Ralf Siepmann