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MARKUS-PASSION
(Georg Philipp Telemann)
Besuch am
26. September 2018
(Einmalige Aufführung)
Was den Umfang seines Gesamtwerks anbetrifft, ist Georg Philipp Telemann unstreitig einer der Großen des 18. Jahrhunderts. Sein an die 2.000 Kompositionen umfassendes Werk ist größer als das von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, den Säulenheiligen des Barock. Allein 50 Opern, 46 Passionsmusiken und sechs Passionsoratorien sowie Kantaten über 23 Jahrgänge, um nur die Vokalkompositionen in den Blick zu nehmen, stammen von dem Schöpfer der Tafelmusik. Qualitativ unterliegen Wahrnehmung und Wertschätzung Telemanns allerdings extremen Schwankungen. Dem in Opern- und Gotteshäusern musikbeseelten Bürgertum in Hamburg gilt der ab 1721 als Kantor am Johanneum und Direktor der Kirchenmusik an den fünf Hauptkirchen der Hansestadt tätige Telemann bedeutender als seine Zeitgenossen, eben Bach und Händel. Im 19. Jahrhundert wird Telemann dagegen weitgehend vergessen. Erst um 1920 entdeckt die Laienmusikbewegung seine Spielmusik. Über sie und eine florierende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem „Genie der Vielseitigkeit“, wie ihn sein Biograf Karl Grebe nennt, öffnen sich erneut Kirchen und Konzertsäle für seine Musik.
Telemann ist, vergleichbar Franz Liszt ein Jahrhundert später, außerordentlich gegenüber den Musikstilen in den führenden europäischen Ländern aufgeschlossen, spürt beispielsweise in seinen Orchestersuiten dem französischen, in seinen Kompositionen für das Klavier dem italienischen Stil nach. Gleichwohl hängt ihm lange Zeit das Etikett vom „Vielschreiber“ an, partiell bis heute. Ein Etikett, das wie ein billiger Theatervorhang wohl aus Vorurteilen und Unkenntnis gewebt sein dürfte. Einen Gegenbeweis, so es dessen bei einem grundsätzlich für Alte Musik erreichbaren Publikum überhaupt bedarf, liefert jetzt das Festival Alte Musik Knechtsteden in der Klosterbasilika am Rande des rheinischen Dormagen. Dem Dirigenten Hermann Max, Chorleiter der Rheinischen Kantorei und Künstlerischer Leiter des Festivals, gelingt mit einer inspirierenden Aufführung von Telemanns Markus-Passion für Soli, Chor und Orchester eine musikarchäologische Tat, eine Trouvaille.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Vielleicht lässt sich von einer Wesensverwandtschaft sprechen. Auch der 78-jährige Telemann ist, als er sich 1759 für die Passionsgeschichte nach Markus entscheidet, immer noch für Innovationen gut. Er durchdringt musikdramaturgisch und theologisch das zweite Buch im Neuen Testament, das in der Schilderung des Leidens und Sterbens Jesu seinen Höhepunkt aufweist, mit der Leidenschaft eines jungen, hungrigen Komponisten. Leidenschaft ist ja auch die Devise, die Max über das Unterfangen insgesamt gestellt hat. Und ein Glücksfall darf genannt werden, wenn die Praxis, hier die Aufführung, dem bloßen Wollen folgt. Zutreffend und Erkenntnis fördernd ist die Maxime auf jeden Fall mit Blick auf die Intention von Komposition und Aufführung. Die Markus-Worte sind mit Texteinschüben durchsetzt, in die Telemann verschiedene moralische und appellative Botschaften kleidet. Wie in Monteverdis Orfeo schickt der Hamburger Meister allegorische Figuren in ein fiktives rhetorisches Ringen um Wahrheit, Gerechtigkeit, Anstand. Wenn dir mit höhnischem Gesicht ein Heuchler deinen Lobspruch saget, wenn dich ein frecher Bösewicht zum Spott um deine Meinung fraget, verkündet Die Nachahmung, so höre weisen Rat: Tu, was der Heiland tat, antworte nicht. Und Die Betrachtung gibt angesichts des Tiefschlafs der Jünger ungeachtet des gekreuzigten Christus zu bedenken: Allein! Was klagen wir der Jünger Schwachheit an? Tun wir doch selbst, was sie getan.
Mit ein wenig Fantasie lässt sich ahnen, welche persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen Telemann in diesen Reflexionen im Stile der Sprache der Evangelisten verarbeitet hat. Auf alle Fälle ist deren Aktualität frappierend. Entstünde das Werk heute, hätte der Hamburger Kantor wohl auch den Missbrauchsskandal der Katholischen Kirche aufgegriffen. Die Macher des Knechtstedener Festivals haben im Übrigen einen eigenen Weg gefunden, um die Aktualität des Moralisten Telemann zu bekunden. In einer kleinen Foto-Ausstellung an der Peripherie der Basilika sind kommentierte Porträts einiger Persönlichkeiten zu sehen, „die es – Jesu Beispiel folgend – verdient haben, erinnert zu werden“, sagt Max. Carl von Ossietzky, Martin Luther King und die Geschwister Scholl seien hier exemplarisch genannt.

Musikalisch offenbaren Das Kleine Konzert, die Rheinische Kantorei und das Solistenseptett ein feines Gespür für den Duktus und die besondere, bisweilen spielerische Raffinesse der Telemann-Partitur, deren Notenmaterial 2007 vom Magdeburger Zentrum für Telemann-Pflege und ‑Forschung herausgegeben worden ist. Auf der Grundierung des Klangtableaus durch die Orgel, die Christoph Lehmann souverän besorgt, brillieren insbesondere die Holzbläser, so Cordula Breuer mit der Flöte, Alayne Leslie und Kristin Linde an der Oboe sowie Rebecca Mertens als Fagottistin. Die Chorformation Rheinische Kantorei ist mit Engagement bei ihrer Sache, ohne indes allzu dramatisches Feuer zu entfachen. Da das Publikum den im Programmheft dokumentierten Text der Passion mitlesen kann, fällt auch die Zuordnung der einzelnen Solisten zu den Charakteren leicht, die sie darstellen. So hat etwa allein der Bass Ekkehard Abels die Verantwortung für sechs allegorische Auftritte, die er vorzüglich meistert. Bassbariton Markus Flaig ist als Jesus berührend, sein Eli, Eli, lama, asabthani? – Mein Gott, warum hast du mich verlassen? – eine erschütternde Klage. Mit seiner angenehm strömenden Tenorstimme und großer Textverständlichkeit überzeugt Georg Poplutz. Die Sopranistin Veronika Winter und die Altistin Anne Bierwirth runden den positiven Gesamteindruck ab. Wonnig und lyrisch gewoben ihr Engel-Duett Hallelujah, Dank und Lieder, auch ein Beleg für Telemanns Ensemble-Kultur. Leider geizt er in dieser Passion mit ihr geradezu. In den weiteren kleineren Solopartien agieren die Bässe Gregor Finke und Carsten Krüger wohltuend.
Für die Solisten gibt es nach dem versöhnlichen Finale der Passion jeweils eine rote Rose. Der anhaltende freundliche Beifall des Publikums zeigt an, dass es durchaus Rosen hätten für alle Musizierenden sein können. Der Lohn für die Anstrengung an Vorbereitung und Proben wird zum Glück nicht auf diese eine Aufführung beschränkt sein. Der Hörfunksender WDR 3 wird die Aufzeichnung des Konzerts am 14. April kommenden Jahres ausstrahlen.
Ralf Siepmann