O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Thomas Kost

Leidenschaftlich

MARKUS-PASSION
(Georg Philipp Telemann)

Besuch am
26. September 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Festival Alte Musik Knecht­s­teden, Basilika

Was den Umfang seines Gesamt­werks anbetrifft, ist Georg Philipp Telemann unstreitig einer der Großen des 18. Jahrhun­derts. Sein an die 2.000 Kompo­si­tionen umfas­sendes Werk ist größer als das von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, den Säulen­hei­ligen des Barock. Allein 50 Opern, 46 Passi­ons­mu­siken und sechs Passi­ons­or­a­torien sowie Kantaten über 23 Jahrgänge, um nur die Vokal­kom­po­si­tionen in den Blick zu nehmen, stammen von dem Schöpfer der Tafel­musik. Quali­tativ unter­liegen Wahrnehmung und Wertschätzung Telemanns aller­dings extremen Schwan­kungen. Dem in Opern- und Gottes­häusern musik­be­seelten Bürgertum in Hamburg gilt der ab 1721 als Kantor am Johanneum und Direktor der Kirchen­musik an den fünf Haupt­kirchen der Hanse­stadt tätige Telemann bedeu­tender als seine Zeitge­nossen, eben Bach und Händel. Im 19. Jahrhundert wird Telemann dagegen weitgehend vergessen. Erst um 1920 entdeckt die Laien­mu­sik­be­wegung seine Spiel­musik. Über sie und eine florie­rende wissen­schaft­liche Ausein­an­der­setzung mit dem „Genie der Vielsei­tigkeit“, wie ihn sein Biograf Karl Grebe nennt, öffnen sich erneut Kirchen und Konzertsäle für seine Musik.

Telemann ist, vergleichbar Franz Liszt ein Jahrhundert später, außer­or­dentlich gegenüber den Musik­stilen in den führenden europäi­schen Ländern aufge­schlossen, spürt beispiels­weise in seinen Orches­ter­suiten dem franzö­si­schen, in seinen Kompo­si­tionen für das Klavier dem italie­ni­schen Stil nach. Gleichwohl hängt ihm lange Zeit das Etikett vom „Vielschreiber“ an, partiell bis heute. Ein Etikett, das wie ein billiger Theater­vorhang wohl aus Vorur­teilen und Unkenntnis gewebt sein dürfte. Einen Gegen­beweis, so es dessen bei einem grund­sätzlich für Alte Musik erreich­baren Publikum überhaupt bedarf, liefert jetzt das Festival Alte Musik Knecht­s­teden in der Kloster­ba­silika am Rande des rheini­schen Dormagen. Dem Dirigenten Hermann Max, Chorleiter der Rheini­schen Kantorei und Künst­le­ri­scher Leiter des Festivals, gelingt mit einer inspi­rie­renden Aufführung von Telemanns Markus-Passion für Soli, Chor und Orchester eine musik­ar­chäo­lo­gische Tat, eine Trouvaille.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Publikum



Chat-Faktor



Vielleicht lässt sich von einer Wesens­ver­wandt­schaft sprechen. Auch der 78-jährige Telemann ist, als er sich 1759 für die Passi­ons­ge­schichte nach Markus entscheidet, immer noch für Innova­tionen gut. Er durch­dringt musik­dra­ma­tur­gisch und theolo­gisch das zweite Buch im Neuen Testament, das in der Schil­derung des Leidens und Sterbens Jesu seinen Höhepunkt aufweist, mit der Leiden­schaft eines jungen, hungrigen Kompo­nisten. Leiden­schaft ist ja auch die Devise, die Max über das Unter­fangen insgesamt gestellt hat. Und ein Glücksfall darf genannt werden, wenn die Praxis, hier die Aufführung, dem bloßen Wollen folgt. Zutreffend und Erkenntnis fördernd ist die Maxime auf jeden Fall mit Blick auf die Intention von Kompo­sition und Aufführung. Die Markus-Worte sind mit Textein­schüben  durch­setzt, in die Telemann verschiedene moralische und appel­lative Botschaften kleidet. Wie in Monte­verdis Orfeo schickt der Hamburger Meister allego­rische Figuren in ein fiktives rheto­ri­sches Ringen um Wahrheit, Gerech­tigkeit, Anstand. Wenn dir mit höhni­schem Gesicht ein Heuchler deinen Lobspruch saget, wenn dich ein frecher Bösewicht zum Spott um deine Meinung fraget, verkündet Die Nachahmung, so höre weisen Rat: Tu, was der Heiland tat, antworte nicht. Und Die Betrachtung gibt angesichts des Tiefschlafs der Jünger ungeachtet des gekreu­zigten Christus zu bedenken: Allein! Was klagen wir der Jünger Schwachheit an? Tun wir doch selbst, was sie getan.

Mit ein wenig Fantasie lässt sich ahnen, welche persön­lichen Beobach­tungen und Erfah­rungen Telemann in diesen Refle­xionen im Stile der Sprache der Evange­listen verar­beitet hat. Auf alle Fälle ist deren Aktua­lität frappierend. Entstünde das Werk heute, hätte der Hamburger Kantor wohl auch den Missbrauchs­skandal der Katho­li­schen Kirche aufge­griffen. Die Macher des Knecht­s­tedener Festivals haben im Übrigen einen eigenen Weg gefunden, um die Aktua­lität des Moralisten Telemann zu bekunden. In einer kleinen Foto-Ausstellung an der Peripherie der Basilika sind kommen­tierte Porträts einiger Persön­lich­keiten zu sehen, „die es – Jesu Beispiel folgend – verdient haben, erinnert zu werden“, sagt Max. Carl von Ossietzky, Martin Luther King und die Geschwister Scholl seien hier exempla­risch genannt.

Foto © Thomas Kost

Musika­lisch offen­baren Das Kleine Konzert, die Rheinische Kantorei und das Solis­ten­septett ein feines Gespür für den Duktus und die besondere, bisweilen spiele­rische Raffi­nesse der Telemann-Partitur, deren Noten­ma­terial 2007 vom Magde­burger Zentrum für Telemann-Pflege und ‑Forschung heraus­ge­geben worden ist. Auf der Grundierung des Klang­ta­bleaus durch die Orgel, die Christoph Lehmann souverän besorgt, brillieren insbe­sondere die Holzbläser, so Cordula Breuer mit der Flöte, Alayne Leslie und Kristin Linde an der Oboe sowie Rebecca Mertens als Fagot­tistin. Die Chorfor­mation Rheinische Kantorei ist mit Engagement bei ihrer Sache, ohne indes allzu drama­ti­sches Feuer zu entfachen. Da das Publikum den im Programmheft dokumen­tierten Text der Passion mitlesen kann, fällt auch die Zuordnung der einzelnen Solisten zu den Charak­teren leicht, die sie darstellen. So hat etwa allein der Bass Ekkehard Abels die Verant­wortung für sechs allego­rische Auftritte, die er vorzüglich meistert. Bassba­riton Markus Flaig ist als Jesus berührend, sein Eli, Eli, lama, asabthani? – Mein Gott, warum hast du mich verlassen? – eine erschüt­ternde Klage. Mit seiner angenehm strömenden Tenor­stimme und großer Textver­ständ­lichkeit überzeugt Georg Poplutz. Die Sopra­nistin Veronika Winter und die Altistin Anne Bierwirth runden den positiven Gesamt­ein­druck ab. Wonnig und lyrisch gewoben ihr Engel-Duett Halle­lujah, Dank und Lieder, auch ein Beleg für Telemanns Ensemble-Kultur. Leider geizt er in dieser Passion mit ihr geradezu. In den weiteren kleineren Solopartien agieren die Bässe Gregor Finke und Carsten Krüger wohltuend.

Für die Solisten gibt es nach dem versöhn­lichen Finale der Passion jeweils eine rote Rose. Der anhal­tende freund­liche Beifall des Publikums zeigt an, dass es durchaus Rosen hätten für alle Musizie­renden sein können. Der Lohn für die Anstrengung an Vorbe­reitung und Proben wird zum Glück nicht auf diese eine Aufführung beschränkt sein. Der Hörfunk­sender WDR 3 wird die Aufzeichnung des Konzerts am 14. April kommenden Jahres ausstrahlen.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: