O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Das Leben geht weiter

ABGESÄNGE
(Theresa Hupp, Gwendolin Lamping)

Besuch am
23. Juli 2019
(Premiere)

 

Atelier mobile, Theaterzelt vor dem Quartier am Hafen, Köln

Genre­über­greifend: Das ist eines der ganz großen Zauber­wörter in der Theaterwelt. Kaum jemand, der das nicht mindestens grund­sätzlich anstrebt. Regis­seure stellen Opern­sängern schon mal Ballett­tänzer zur Seite, um die großartige, sparten­über­grei­fende Zusam­men­arbeit im Theater hervor­zu­streichen. Und dann gibt es Menschen, die entwi­ckeln Konzepte, schreiben – bisweilen poetische – Texte, finden die rechte Musik dazu, erschaffen Kostüme und Bühnen­bilder, tanzen selbst­ge­fundene Choreo­grafien, singen und sprechen … und nennen das Ganze dann kurzerhand Tanztheater. Zwei von ihnen heißen Theresa Hupp und Gwendolin Lamping. Als die beiden zusam­men­trafen, um ein solches Werk zu kreieren, erklärten sie, dass es das letzte Stück gemein­samer Arbeit sei. Das war anlässlich einer Kurzre­sidenz im Kölner Theater der Keller, und es entstand Abgesänge, ein etwa einstün­diges Werk, das am 2. Februar vergan­genen Jahres eben dort urauf­ge­führt wurde.

Die Vermutung, es könne sich um das letzte gemeinsame Stück gehandelt haben, trifft allzu oft in der so genannten Freien Szene zu. Schließlich werden dort nur Erstauf­füh­rungen gefördert. Und wenn es dann keine Gastspiele respektive Einla­dungen gibt, werden die Stücke an den Orten der Koope­ra­ti­ons­partner, so ist es ja inzwi­schen gängige Praxis, abgespielt, ehe sie wieder in der Schublade verschwinden, um nur schnell genug das nächste Stück zu zaubern, das wieder gefördert werden kann. Das nennt man Vielfalt fördern und Reper­toire vermeiden, auch wenn das Reper­toire das Gedächtnis der Theaterwelt ist. So wäre es mögli­cher­weise auch Hupp und Lamping gegangen, hätten sie nicht bei ihren Proben im Quartier am Hafen Jens Kuklik kennen­ge­lernt, der vor diesem Künst­ler­quartier ein Theaterzelt, das Atelier mobile, aufgebaut hat. Noch bis zum kommenden Frühjahr ist das beweg­liche Theater am Poller Kirchweg in Köln aufgebaut, dann müssen voraus­sichtlich neue Standorte gefunden werden. Nachdem Kuklik die Proben gesehen hat, lädt er das Duo ein, im Theaterzelt aufzutreten.

Und niemand hätte es Hupp&Lamping verübelt, wenn sie diese Aufführung abgesagt hätten. Denn inzwi­schen ist nicht nur Lamping hochschwanger, sondern das Thermo­meter verkündet in den Abend­stunden dieses Tages satte 36 °C. Aber die beiden Künst­le­rinnen ficht das nicht an. Das Zelt weist noch verhält­nis­mäßig moderate Tempe­ra­turen auf, also etwa 36 °C, was sich erst durch den Einsatz der Schein­werfer maßgeblich ändern wird.

Foto © O‑Ton

Mit der Einspielung von West Lawn Dirge der Eureka Brass Band betreten die in schwarze Overalls geklei­deten Künst­le­rinnen die Bühne, um ein Theater­stück aufzu­führen, wie man es sich schöner nicht wünschen könnte. Bühne und Kostüme hat das Duo selbst entworfen, für das eindrucks­volle Licht haben Jens Kuklik und Tim Borner noch bis zum letzten Moment gesorgt. Mutig minima­lis­tisch ist die Bühne ausge­stattet. Auf der schwarz verklei­deten Bühne finden ein paar Acryl-Stühle, ein Mikrofon, ein Acryl-Tisch mit ein paar Origami-Figuren Platz. Und damit muss es reichen. Die Overalls werden zwischen­zeitlich abgelegt, darunter kommen engan­lie­gende, figur­be­tonte, glänzende Stoffe zum Einsatz. Über die Auswahl der Kostüme zeigt sich Hupp im Nachhinein beglückt, schließlich hätten sie „mitwachsen“ können.

Aber eigentlich ist die Bekleidung vollkommen nachrangig. Schließlich beein­drucken die Künst­le­rinnen durch Auftritt und Dialog. Immer wieder sorgt Lamping für wohlmei­nende Heiterkeit, wenn sie mit ihrem inzwi­schen ausla­denden Bauch die Annäherung an Hupp sucht. Da wird der Tanz zu Dmitri Schost­a­ko­witschs Walzer Nummer zwei ein echtes Erlebnis. Zwischen­durch wird geredet und gesungen. Philo­so­phi­sches, Selbst­er­ken­nendes und Lakoni­sches findet seinen Weg über das Mikrofon. Am eindrucks­vollsten ist vielleicht der Vortrag Lampings über die Relati­vierung der ich-bezogenen Meinungs­bildung angesichts weltbe­we­gender Ereignisse.

Foto © O‑Ton

Hupp ist diejenige, die sich dem Schwa­nen­gesang aus dem Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns mit nahezu vollendeter Kunst­fer­tigkeit widmet. Ihr Kostüm in Form eines Tütü und eines Schwa­nen­halses zeigt, dass es aber nicht gar so ernst gemeint ist mit der Aufführung – und der geknickte Spagat am Ende des Tanzes tut sein Übriges dazu. Humor, Poesie, Selbst­er­kenntnis und eine gesunde Portion körper­licher Ertüch­tigung gerinnen zu einem unver­gess­lichen, appetit­lichen Abend, der die zum Leben erfor­der­liche Melan­cholie wohldo­siert hinzufügt.

Eine großartige Vorstellung, die die Zuschauer zu langan­hal­tendem Applaus beflügelt. Zu den Klängen von Béla Reinitz‘ Wenn das Eisen mich mäht verab­schieden die beiden Künst­le­rinnen sich viel zu schnell von der Bühne. Nach der Aufführung läuft niemand weg. Statt­dessen setzt man sich vor dem Zelt zusammen, um noch mitein­ander zu reden, obwohl niemand dazu aufge­fordert hat. Über irgendwas. Denn das Leben geht weiter. Man fühlt sich nach diesen Abgesängen nur ein wenig leichter.

Am 23. Oktober wird man in der Orangerie in Köln eine neue Urauf­führung erleben dürfen. Dann wird man Theresa Hupp in Mint Condition sehen, einer Hommage an Gertrude Stein, die aus ihren Texten über Geld zitiert. Unbedingt hingehen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: