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Foto © O-Ton

Kern der Menschlichkeit

AGAINST THE CURRENT 3
(Marje Hirvonen)

Besuch am
15. Februar 2024
(Premiere)

 

Orangerie-Theater, Köln

Marje Hirvonen wurde im finni­schen Kitee geboren. 2008 kam sie nach Deutschland, um in Köln Bühnentanz und anschließend in Berlin Choreo­grafie zu studieren. Seit dem Master-Abschluss ihres Studiums arbeitet sie als Tänzerin und Choreo­grafin in verschie­denen Projekten und hat inzwi­schen auch eigene Arbeiten vorgelegt. Seit zwei Jahren arbeitet sie an Against the Current – Gegen den Strom – einem Projekt, das sie bis heute als work in progress betrachtet. Begonnen hat sie im öffent­lichen Raum der Stadt Köln, genauer am Ebert­platz und am Wiener Platz, wo sie gemeinsam mit Mohammed Ben Salih, Amanda Romero und Brigitte Huezo unange­kün­digte Tanzauf­füh­rungen zeigte. Im Jahr darauf wurde sie mit dem Projekt zur Documenta nach Kassel einge­laden. Inter­es­santer ist aber wohl, dass anlässlich der Kölner Arbeit ein Dokumen­tarfilm entstand. Hier zeigt die Choreo­grafin ihre Arbeit mit den Tänzern, die Reaktionen des Publikums, die Inter­aktion mit dem Team und ihre eigenen Refle­xionen zu den Erfah­rungen, die sie während des Projekts sammelte. Der gut halbstündige Film von Malin Schmid wird jetzt der Öffent­lichkeit vorge­stellt. Und dazu gibt es einen guten Anlass. Denn Hirvonen präsen­tiert im Orangerie-Theater in Köln den dritten Teil ihrer Choreo­grafie. Nach der heutigen Premiere wird es noch an den beiden folgenden Tagen und am letzten März-Wochenende Auffüh­rungen geben.

Foto © O‑Ton

Der Film, der vor und nach den Auffüh­rungen im Keller des Theaters – in unmit­tel­barer Nähe zur Bar – läuft, zeigt die vier Tänzer, die sich in orange­far­benen Ganzkör­per­an­zügen in Beton­welten begeben, um Fahnen zu schwenken, Wettläufe zu veran­stalten, an Zebra­streifen zu verharren und damit im Straßen­verkehr zu inter­ve­nieren. Die Erkennt­nisse reichen von banal über nachden­kenswert bis diskus­si­ons­würdig. Es ist wenig überra­schend, dass vorüber­ei­lende Menschen innehalten, weil sie die ungewöhn­lichen Gescheh­nisse beobachten wollen, manchmal auch spontan nachfragen. Und es ist erfreulich, dass es Menschen gibt, die sich spontan in den Tanz einreihen. Ob es aller­dings wirklich so ist, dass beispiels­weise Autofahrer versuchen, die Tänzer in ihrem Lebensraum zu beschneiden, darf man hinter­fragen, weil sie am Zebra­streifen irritiert sind und verun­si­chert reagieren, wenn plötzlich Menschen in auffäl­liger Aufma­chung vor ihren Autos herum­turnen. Tatsache ist, dass die Inter­vention für die Unter­bre­chung des Alltags­weges sorgt und so mehr Ruhe in die tägliche Hatz bringt. Wenn Hirvonen zum Ende des Films die Frage stellt, wie ihre Choreo­grafie nun auf Zuschauer im herme­tisch abgeschlos­senen Raum des Theaters wirkt, weist sie auf die bevor­ste­hende Aufführung in der ehema­ligen Orangerie hin.

Inzwi­schen schreitet die Sanierung der Orangerie voran. Die baufällige Substanz ist abgerissen, erste Beton­mauern sind hochge­zogen. Seit heute wird der Bauzaun, der den Garten mit den ehema­ligen Gewächs­häusern zum begeh­baren Teil der Orangerie abgrenzt, von dem Kunstwerk Parade von Christian Sievers verkleidet. Auf indus­tri­ellem Baustel­len­banner-Material gedruckt, beschäftigt sich Sievers mit den Themen Verstecken, sich dem Blick entziehen, nicht sehen wollen, ist auf der Netzseite des Theaters zu lesen. Sich dem Blick zu entziehen, scheint ganz gut zu Against the Current 3 zu passen. Schon vor Beginn der Aufführung ist der Saal vernebelt. Die Tribüne ist geräumt, der Raum nahezu vollständig mit weißem Tanzboden ausgelegt. Die Besucher dürfen entscheiden, ob sie die Schuhe ausziehen oder Überzieher überstülpen. Denn schließlich werden sie später aktiv am Geschehen teilhaben.

Foto © O‑Ton

„Wir öffnen den Bühnenraum für jede Person, die uns auf unserer Reise gegen den Strom begleiten möchte. Unsere Körper – als Gefäße unseres Wesens – haben selbst in Zeiten der Ungewissheit eine immense Fähigkeit zur Wider­stands­fä­higkeit, Empathie und Hoffnung.
Gemeinsam machen wir uns auf den Weg unsere Verant­wortung für den Schutz unserer Mensch­lichkeit zu übernehmen“, schreibt Hirvonen über ihre Absichten. Indem die Aufführung von den öffent­lichen Räumen in den Theaterraum übergeht, „beschäftigt sie sich auch mehr mit der Inner­lichkeit der Menschen und dem Kern, der unsere Mensch­lichkeit ausmacht und jedem einzelnen innewohnt“, beschreibt sie die Verän­de­rungen im Vergleich zu den Aktionen im Straßenraum.

Hirvonen und Greta Salgado Kadrass beginnen den Abend recht kriege­risch. Die orange­far­benen Anzüge haben sie gegen schwarze Overalls einge­tauscht. Ihre Gesichter sind hinter Atemschutz­masken versteckt. Mit grauen Fahnen kämpfen sie gegen­ein­ander in dem roten Kreis, der auf dem weißen Boden aufge­klebt ist. Der Kampf führt zum beider­sei­tigen Tode, wenn die Stangen der Fahnen in den Brustkorb gestoßen werden. Aber es gibt eine Wieder­geburt, indem beide Tänze­rinnen aus ihren schwarzen Anzügen steigen und blüten­weiße, schlichte Kleider sichtbar werden, die aller­dings im Handum­drehen blutver­schmiert sind. Alsbald werden die Hängerchen gegen orange­farbene Sport­hosen und Trikots ausge­tauscht. So können sie sich in einem Wettlauf gegen einen imagi­nären Gegner bewähren und das Publikum, das sie zuvor auf der einen Kopfseite versammelt haben, auf das gegen­über­lie­gende Ende des Raums führen. Während der Kampf­hand­lungen erklang noch ein von der Festplatte gesun­genes Ave Maria, das im Folgenden durch Klänge von Danger Dave ersetzt wird. Erst im letzten Teil, wenn es meditativ wird, die Besucher mit Kerzen ausge­stattet sind, dürfen sie selbst die Stimme erheben. Und damit endet der mit einer zehnmi­nü­tigen Verspätung begonnene Abend nach einer Stunde.

Dass der Streik im ÖPNV den einen oder anderen davon abgehalten mag, die Premiere zu besuchen, erweist sich rückbli­ckend durchaus als Vorteil für die Anwesenden, die das Gesehene durchaus inten­siver erlebt haben mögen. Ob und wie sich auswirkt, wenn das Publikum dicht­ge­drängt größten­teils steht, wird man in den Folge­vor­stel­lungen sehen.

Michael S. Zerban

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