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Foto © Holger Talinski

Das Geburtstagskind bleibt Sieger

ALLEIN FREYHEIT – EINE BEETHOVEN-SÉANCE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
3. Februar 2020
(Einmalige Aufführung)

 

Kölner Philhar­monie

Die Akademien, die Beethoven seit 1808 in Wien veran­staltete, waren musika­lische Großereig­nisse, vollge­packt mit eigenen Kompo­si­tionen und Arbeiten seiner Zeitge­nossen, wobei der Komponist kein Risiko vor Konfron­ta­tionen scheute, die er mit einigen seiner Werke auslöste. Der Kölner Musikchef François-Xavier Roth sieht Beethovens Marathon-Konzerte als Leitungs­schauen der damaligen zeitge­nös­si­schen Musik und entwi­ckelte für das Gürzenich-Orchester ein Konzert aus dem Geist der damaligen Auffüh­rungs­praxis. Unter dem Titel Allein Freyheit – Eine Beethoven-Séance überfordert er das Publikum in der Kölner Philhar­monie zwar nicht wie seinerzeit Beethoven mit zwei vollstän­digen großen Symphonien, Klavier­kon­zerten und vielem mehr, sondern verknüpft in zwei 50- bis 60-minütigen Blöcken nahtlos einzelne Sätze aus Beethovens Werken mit Stücken neuerer Kompo­nisten, die einen mehr oder weniger starken Bezug zu Beethoven aufweisen.

POINTS OF HONOR

Dirigent



Orchester



Solisten



Programm



Publikum



Chat-Faktor



Sechs nagelneue Musik­pas­sagen von Isabel Mundry durch­ziehen das Programm. Meist leise Klang­re­fle­xionen auf diverse Beethoven-Stücke. Den Anfang bildete eine betont roman­ti­sie­rende Inter­pre­tation des Kopfsatzes aus der Mondschein-Sonate. Zu hören ist ein Klavier aus dem Foyer, mit dem Pierre-Laurent Aimard auf der Bühne in Dialog tritt, vom meist schwei­genden Orchester durch einige Geräusch­an­teile mehr zart als hart aufgeraut. Die Gefahr, dass sich, verstärkt durch die Licht­regie von Bernd Purkrabek, eine pseudo-roman­tische Aufwei­chung der Musik ergeben könnte, durch­kreuzt Roth mit den kontras­tie­renden Orches­ter­ein­schlägen, die Helmut Lachen­manns Orches­ter­stück Tableau im Anschluss bereithält. Damit wird eine Querver­bindung zum „heroi­schen“ Beethoven herge­stellt, mit dessen Schlusssatz aus der Fünften der erste Block seinen hymni­schen Abschluss findet.

Foto © Holger Talinski

Nach der Pause rückt Pierre-Laurent Aimard stärker ins Rampen­licht. Vertreten mit von Mundrys Klang­fetzchen umsäumten Bagatellen und Ausschnitten aus dem Fünften Klavier­konzert und der letzten Klavier­sonate. Einen Reflex auf das Klavier­konzert setzt der Komponist Francesco Filidei mit seiner neuen Kompo­sition Quasi una Bagatella. Er greift die gewaltige Eingangs­kadenz des Kopfsatzes auf, lässt Aimard zunächst aber nur ein paar Töne und das Orchester nur einige Akkord­blöcke spielen. Eine Skelet­tierung der Vorlage, die nach dem voran­ge­gan­genen Vortrag des Originals freilich recht dürftig wirkt. Welchen Aspekt Filidei in Sachen Beethoven hier beleuchten möchte, bleibt unklar. Wobei es natürlich ohnehin eine undankbare Aufgabe ist, sich dem direkten Vergleich mit dem Bonner Meister auszu­setzen. Und so hinter­lassen in diesem Umfeld die Ausschnitte aus den Symphonien Vier, Fünf und Sieben aus der Feder des Jubilars die stärksten Eindrücke. Wenn auch nicht die lautesten.

Die dynami­schen Rekorde hebt sich Roth für den Abschluss mit Bernd Alois Zimmer­manns modernem Klassiker Photo­p­tosis auf. Zwei Jahre vor dem Freitod des Kompo­nisten 1968 entstanden, präsen­tiert es sich als stärkstes Stück unter den neueren Werken. Mit Beethoven verbindet es aller­dings nicht mehr als ein Zitat aus der Neunten, und zwar als Detail einer mit Zitaten durch­setzten Collage für riesiges Orchester, die eine dynamische Entwicklung nimmt, die die Mauern der Philhar­monie zum Beben bringt. Ein wirkungs­voller Abschluss eines inter­es­santen Experi­ments, bei dem sich der mittler­weile uralte Ludwig als taufri­scher Sieger behaupten kann, dicht gefolgt von Bernd Alois Zimmermann.

Ob es zur Spannungs­stei­gerung beigetragen kann, das detail­lierte Programm erst nach dem Konzert zu verteilen, ist schwer zu sagen. Die Begeis­terung des Publikums beein­trächtigt die ungewöhn­liche Praxis jeden­falls nicht.

Das gleiche Programm wird das Gürzenich-Orchester in den nächsten zwei Wochen noch in München, Lyon, London und Hamburg vorstellen.

Pedro Obiera

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