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Foto © Stephanie Thiersch

Solo mit Tochter

BRUIXA
(Viviana Escalé)

Besuch am
18. April 2018
(Urauf­führung)

 

Mouvoir, Orangerie Köln

Ein lauer Sommer­abend im April. Im Kölner Volks­garten summt es wie in einem Bienenkorb. Die Kölner nutzen ihren Park für alle möglichen Freizeit­ak­ti­vi­täten, und an einem solchen Abend hält es kaum jemanden auf dem heimi­schen Sofa. Am Rande des Volks­gartens liegt die Orangerie, die seit dem Jahrtau­send­wechsel ganzjährig als Theater genutzt wird. Bewusst wurde hier auf einen festen Zuschau­erraum oder eine statische Bühne verzichtet, so dass jeder Künstler, der hier etwas insze­nieren will, sich zunächst einmal Gedanken über die Gestaltung des Raumes machen muss. Ideal für Stephanie Thiersch und Viviana Escalé, die den Raum für ihre Urauf­führung von Bruixa ausge­wählt haben. Sie unter­teilen den Raum in einen Vorraum mit Anmeldung und Bar und einen Bühnenraum, der damit ähnliche Ausmaße gewinnt wie die Bühne im Tanzhaus NRW. Das Tanzhaus tritt als Kopro­duzent auf. Dort finden Auffüh­rungen vom 7. bis zum 9. Juni statt.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Stühle für das Publikum sind kreis­förmig um die Tanzfläche herum angeordnet. Unter den Stühlen sind Requi­siten verstaut. Auf der einen Seite gibt es eine Lücke, in der ein Schlagzeug unter­ge­bracht ist. Die Technik ist zwischen Vorraum und Bühnenraum aufgebaut. Entspannt nehmen die Besucher Platz, schließlich braucht hier keiner zu versuchen, einen bevor­zugten Sitzplatz zu erreichen. Das Licht hat Ansgar Kluge einge­richtet. Regie und Bühne hat Stephanie Thiersch konzi­piert. Und Viviana Escalé hat ihr „Solo“ selbst choreografiert.

Zu den Klängen von Neptun aus der Orches­ter­suite Die Planeten von Gustav Holst, die über die Lautsprecher einge­spielt werden, tritt Escalé in Unter­wäsche und mit einem Pappmaché-Fantasie-Kopf auf. Zelebriert eine Boden-Perfor­mance, die irgend­etwas zwischen Tier und Pflanze darstellen mag. Nach rund sieben Minuten ist die Aufführung beendet. Das Licht geht an. Die Tänzerin steht auf, bedankt sich bei Thiersch für die schöne Choreo­grafie und erklärt damit ihre Karriere für beendet. Schließlich sei sie über 40 Jahre alt. Und damit sei das Leben einer Tänzerin verwirkt. Was ja nicht ganz wirklich­keits­fremd ist. Nur wenige Tänzer schaffen es, ihr Geburts­datum wahrhaftig anzugeben und jenseits des 40. Lebens­jahres noch zu arbeiten. Damit kann der grandiose Abgesang beginnen.

Viviana Escalé – Foto © Martin Rotten­kolber

Bruixa, also katala­nisch für Hexe, haben die beiden Choreo­gra­finnen ihr Werk genannt. Der Titel bleibt rätselhaft. Fetillera wäre mögli­cher­weise der passendere Titel gewesen. So nennt man in Katalanien eine Zauberin. Und was Escalé in der kommenden Stunde veran­staltet, ist wirklich zauberhaft. Es ist vergnüg­lichstes, szeni­sches Tanztheater, das auch nicht auf berüh­rende Momente verzichtet. Eigentlich als Tanzsolo verstanden, holt sich Escalé Unter­stützung aus der jungen Generation, die sie jetzt ablösen wird. Hier darge­stellt von Malu, der achtjäh­rigen Tochter von Stephanie Thiersch, die sich nicht nur am Schlagzeug übt, sondern auch in der Choreo­grafie mittanzt und die Szene bedient. Das macht sie ganz wunderbar.

Escalé absol­viert derweil die Stationen des Nieder­gangs. Dabei integriert sie das Publikum, ohne dass daraus Mitmach­theater der herkömm­lichen Art entsteht. Was macht ein Tänzer, wenn er die 40 überschritten hat? Probieren wir es mit dem Nichtstun. Das ist aber nicht so einfach, wie es sich anhört. Im Idealfall kreiert er eine neue Tanzform, in diesem Fall die Embracing-Technik, die er dann erfolg­reich unter­richten kann. Um die Technik zu demons­trieren, greift Escalé auf einen Song der Neuen Deutschen Welle zurück und begeistert das Publikum mit einer eigenen Version vom Eisbären. Da werden die Requi­siten unter den Stühlen hervor­geholt, Perücken vom Haken genommen und Tücher ausge­breitet, die wellen­förmig fließen. Hübsch anzusehen, wird daraus nichts. Also der Versuch, sich in einen anderen Kosmos empor­zu­schwingen. Scheitert ebenfalls, obwohl die Zuschauer kräftig mithelfen. Hilft mögli­cher­weise eine Trans­for­mation? Mittler­weile nimmt die Kostü­mierung groteske Formen an. Zu den kräftigen Klängen von Secondo Coro della Lavandale aus Roberto de Simones La gatte cenerentola – die Aschen­katze – tobt sich Escalé aus, um schließlich mit dem Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie nieder­zu­gehen, während Malu Blumen um den sterbenden Körper drapiert.

Am Ende des Tages fühlen sich die Zuschauer fantas­tisch unter­halten, Escalé und Malu haben sich zu hervor­ragend ausge­wählter Musik verausgabt – und die Frage bleibt. Was machen Tänzer über 40, die noch keine Choreo­grafen-Karriere angestrebt haben? Thiersch hat hier erneut eine hervor­ra­gende Arbeit vorgelegt, die gelungen den Finger in die Wunde legt, ohne die moralin­saure Keule zu schwingen. Vollkommen zu Recht greifen die Gäste nach kräftigem Applaus zu den Sektgläsern, um eine heraus­ra­gende Urauf­führung zu feiern.

Michael S. Zerban

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