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CELLAR AND SECRETS – INSIGHTS
(Jordi Cortés Molina, Gerda König)
Besuch am
11. Oktober 2019
(Uraufführung am 10. Oktober 2019)
Abseits der körperlichen Ausdrucksform hat sich der Tanz, insbesondere in Deutschland, immer schwer mit der Sprache getan. Und das ändert sich auch nicht angesichts eines neu entdeckten Beschäftigungsfeldes – der Inklusion, also der Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen an der Gesellschaft. Früher haben wir von geistig und körperlich Behinderten gesprochen. Das ist heute weder gesellschaftlich noch beim Tanz opportun. Und so ringen alle um die richtigen Begriffe. Also um solche, die niemanden zurücksetzen und möglichst alle Menschen in die Gesellschaft integrieren. Was an sich löblich und zu begrüßen ist. Die englischsprachigen Menschen haben da viel Fantasie entwickelt und sprechen heute vom Mixed-Abled-Dance, also vom Tanz mit unterschiedlichen Befähigungen. Weil Fantasie aber etwas ist, was den Deutschen zunehmend abhandenkommt, die sich zudem so gern als weltgewandt zeigen wollen, haben die deutschen Tänzer diesen Begriff kurzerhand übernommen, ohne Rücksicht darauf, ob der Begriff in der Bevölkerung selbsterklärend angenommen werden kann.
Die Arbeit mit unterschiedlich befähigten Tänzern ist für die DIN A13 tanzcompany von Gerda König kein neuer Trend, sondern Selbstzweck der Compagnie seit ihrer Gründung 1995. Im vergangenen Jahr begann mit dem herausragenden Stück Cellar and secrets die gleichnamige Trilogie, in der die Künstler das Thema Keller und Geheimnisse aus verschiedenen Blickwinkeln heraus beleuchten wollen. Für diesen ersten Teil, der in der Kölner Tanzfaktur uraufgeführt wurde, hatte König die Choreografie um ein Duo, das mit Fundstücken im Keller umgeht, selbst übernommen. Jetzt erscheint also der zweite Teil der Trilogie mit dem Untertitel Insights, also etwa Einsichten, Innenansichten oder Einblicke. Wie geplant, wird dieses gut einstündige Stück in der Hauptsache von Jordi Cortés Molina choreografiert. Der wechselt kräftig die Handschrift. Und die Betrachtung der Außenwelt wird zu einer Reise in die Befindlichkeiten der Akteure.

Also wechselt auch die Bühnenlandschaft. Statt eines Kellers mit einer Vielzahl an Requisiten, den Jürgen Gronert Ende vergangenen Jahres liebevoll und detailreich ausgestattet hatte, tritt nun bei Barnes Crossing in der Kölner Wachsfabrik der Seelenraum von Lea Dietrich. Leergeräumt, ein paar Standlautsprecher dienen als Bespielgegenstände auf dem weißen Boden, der nur von einem schwarzen, kreisrunden Fleck bedeckt ist. Im Hintergrund die Projektionsfläche für die Einspielungen von Jürgen Salzmann. Frank Schulte steuert akustische Eindrücke bei. In dieser Umgebung finden die vier Akteure, die von Thomas Wien-Pegelow zeitlos-bequem eingekleidet wurden, ausreichend Spiel‑, Tanz‑, Bewegungs- und Rückzugsfläche.
Gehört es zum menschlichen Wesen, seelische Verletztheiten nach Möglichkeit zu verbergen, versucht Cortés, sie nach außen zu tragen, zu visualisieren. Dazu beginnt er mit dem Psycho-Schrecken schlechthin, wenn er in einem schmalen Lichtspalt die Akteure auftreten lässt, die in der Projektion von Käfern im Scherenschnitt überlaufen werden. Aber der Choreograf verlässt diesen, inzwischen etwas überbemühten Ansatz schnell wieder und lässt die Körper der Aufführenden wirken. Als Verbindungsglied zwischen erstem und zweitem Teil der Trilogie tanzt Charlotte Virgile, die in ihrer Intensität im Vergleich zum ersten Stück zurücktreten muss. Sie tritt immer wieder in Verbindung mit den Lautsprechern auf der Bühne. Míriam Aguilera zeigt, dass sich Traumata nicht nur in Traurigkeit, sondern oft in gespielter Fröhlichkeit äußern. Später spielt sie offensiv mit ihrer Beinprothese, nimmt sie ab und tritt über den Stumpf in Kontakt mit den Mitspielern. An den Rollstuhl gebunden, zeigt sich Rita Noutel im körperbetonten Oberteil. Während die Gesten ihrer Oberarme oft ein wenig gekünstelt wirken, wird sie in der Auseinandersetzung mit den Lautsprechern und ihrem Spiel der gefühllosen Beine stark. Ashraf Albesh verlor in Syrien seinen Fuß und tänzelt eher unmotiviert in die Gruppe.

Journalisten oder Rezensenten müssen – im Gegensatz zur DIN A13 tanzcompany in der Auseinandersetzung – erst noch lernen, wie sie über einen solchen Tanzabend berichten. Die Tänzer machen es nur scheinbar leicht, über sie zu erzählen. Was steht im Vordergrund der Leistungen? Das Akrobatische, die Anmut, eine ganz andere Form der Darstellung? Oder sind die körperlichen Besonderheiten zu ignorieren? Eigentlich soll doch im Fokus des Abends die Gefühlswelt, die Seelenhaftigkeit stehen. Hier erfährt man allerdings wenig. Und freut sich stattdessen über den offenen Umgang der Akteure mit ihren Beeinträchtigungen. Egal, was der Choreograf beabsichtigte. Es bleibt momentan nichts als der persönliche Eindruck. Noutel bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück, was sowohl die akrobatischen, als auch die emotionalen Leistungen angeht. Auch Albesh zeigt zu wenig. Und was Aguilera angeht, gehört der emotionale Ausbruch überdrehten Lachens zu den stärkeren Seiten des Abends. Das Spiel mit dem Stumpf wirkt im Zusammenhang eher unerklärlich. Am Ende des Abends bleibt der Zwiespalt zwischen dem Bericht über die Beeinträchtigung und die künstlerische Leistung.
Halten wir uns also an die künstlerische Zielsetzung. Da beeindruckt eben Virgile am ehesten. Spätestens bei ihrem Tanz auf dem schwarzen Fleck, der sich in einer Öl-ähnlichen Substanz auflöst, werden die Abgründe am ehesten sichtbar. Für Oktober kommenden Jahres ist der dritte Teil der Trilogie geplant. Bis dahin muss sich Cortés entscheiden, ob er die Beeinträchtigungen der Tänzer oder einen neuen Aspekt des Dreiteilers zeigen will.
Das Publikum scheint ähnlich unentschlossen. Lahmer, aber langanhaltender Applaus beschließt den Abend. Kann es möglich sein, dass der Choreograf auch noch keine rechte Auffassung zum Umgang mit den Beeinträchtigungen gefunden hat? Ende kommenden Jahres wird Cortès die Möglichkeit bekommen, dazu Stellung zu beziehen. Dann wird der dritte Teil der Trilogie aufgeführt.
Michael S. Zerban