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Foto © O-Ton

Solo für Gender

DEFINING IDENTITY
(Saskia Rudat)

Besuch am
7. Dezember 2019
(Premiere am 7. November 2019)

 

Barnes Crossing, Alte Wachs­fabrik, Köln

Saskia Rudat hat in den so genannten sozialen Medien ihre poten­zi­ellen Besucher vorge­warnt. Vor der Aufführung ihres Stückes bei Barnes Crossing findet auf dem Grund­stück der Alten Wachs­fabrik Köln ein Weihnachts­markt statt. Aber die daraus resul­tie­renden Parkplatz­ein­schrän­kungen sind sinnvoll gelöst. Und so kann man ganz entspannt über den Weihnachts­markt schlendern, der sich aus Wagen, Buden und Laden­lo­kalen zusam­men­setzt. Von der angren­zenden Kinder­ta­ges­stätte schallt Weihnachts­musik über das Gelände. In Buden und Lokalen gibt es ungewöhn­liche Angebote. Eine schöne Angele­genheit, die ihr Ende um 19 Uhr findet. Erst eine Stunde später ist Rudats Aufführung angesetzt, und dass sie deshalb um 20 Uhr beginnt, ist ja nur theore­tisch gemeint.

Einen Monat zuvor fand die Urauf­führung von Defining Identity statt, dem neuesten Werk von Rudat, in dem sie sich mit in unseren Köpfen festge­fügten Rollen­bildern ausein­an­der­setzt. Ein Monat ist eine lange Zeit. Dafür ist die jetzige Aufführung sehr gut besucht. Und weil die Gäste auf sich warten lassen, beginnt die Veran­staltung eben verspätet. Kann man drüber nachdenken. Fast schon sympa­thisch die Anmerkung der Einlas­serin, dass sie noch eben die Gäste aus der Kneipe nebenan abholen muss, bevor es anfangen kann.

Foto © O‑Ton

Angekündigt ist das Werk mit den Mitwir­kenden Simon und Saskia Rudat. Im Hinter­grund der Bühne ist ein großer Wandschirm aufgebaut. Rechts davon ein Verstärker, eine E‑Gitarre. Links von hinten nach vorn ein Leuchtband, auf einem Tuch drapierte Textilien, davor ein Stuhl, der mit Klamotten vollge­hängt ist. Und während das Leuchtband rot den „Auftritt des Helden“ signa­li­siert, betritt Simon Rudat die Bühne in T‑Shirt und Jeans. Er tritt zum Stuhl und entkleidet sich. Die Brust ist mit braunem Heftpflaster verklebt, die körper­liche Gestalt schmal und eher weiblich. Es beginnt ein steter Kostüm­wechsel mit Posing, in dem Simon sich ganz offenbar in verschiedene Rollen­bilder einzu­fügen versucht. Die sind bewusst überzeichnet und damit durchaus komisch. Aus dem Off erklingt derweil eine weibliche Erzäh­ler­stimme und von Saskia Rudat und Jakob Lorenz kompo­nierte Instru­men­tal­musik. Die Kostüme, bei deren Auswahl und Entwicklung Dorothea Mines mitge­wirkt hat, sind durch­dacht und unter­streichen das Geschehen mehr als wirkungsvoll. Trotz aller Versuche gelingt es Simon nicht, in eine ausrei­chend identi­fi­ka­ti­ons­stif­tende Rolle zu finden und so bleibt ihm nichts anderes, als sich zu verpuppen, um aus dem Kokon in Form eines Nylon-Ganzkör­per­kondoms in einer völlig neuen Rolle zu entschlüpfen. Das von Jan Widmer ansonsten spannungs­reich gesetzte Licht muss hier weichen und die Kokon-Szene säuft im Dunkeln ab.

Anschließend darf das Publikum erleben, wie eine neue Figur entsteht. Die letzten Fetzen des Kokons fallen ab und Saskia Rudat tritt auf. Sie nimmt auf dem Stuhl Platz und schminkt sich um. Was bis hierhin spannungs­ge­laden, fanta­sievoll und komisch daher­kommt, verwandelt sich jetzt in einen Monolog über Gender­ge­rech­tigkeit. Ausge­sprochen eloquent vorge­tragen, sorgen die Inhalte doch für Unmut. Nach einer Einführung, in der die anato­mi­schen Gegeben­heiten der weiblichen Genitale darge­stellt werden, werden allzu bekannte Bilder bemüht wie das des alten, weißen Mannes oder auch längst überholte Rollen wie die der Hausfrau, die wohl die Urgroß­eltern zum letzten Mal erlebt haben. Undif­fe­ren­zierte Äußerungen zur „Gender­sprache“ schließen den kabaret­tis­ti­schen Teil ab, der allzu belehrend wirkt. Hier hat Constantin Hochkeppel als „outside eye“, also als derjenige, der von außen als „Unbetei­ligter“ auf das Stück schaut, eindeutig gepatzt.

Anschließend gibt Rudat zwei Musik­ein­lagen auf Englisch zum Besten, ehe sie sich, jetzt wieder in Jeans und T‑Shirt, vorstellt, während sie die Pflaster ohne Schmer­zens­miene scheinbar beiläufig vom Brustkorb entfernt. Eine letzte darstel­le­rische Glanz­leistung. Von denen gab es in den vergan­genen anderthalb Stunden in Hülle und Fülle. Die Gesamt­leistung weiß auch das Publikum zu schätzen, das die Darstel­lerin ausgiebig feiert und damit zu einem versöhn­lichen Ende des Abends kommt. Im Januar wird das Stück noch in Düsseldorf und Berlin gezeigt.

Michael S. Zerban

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