O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Lebenserfahrung gewinnt

DIVERSITY #4
(Silke Z., Angus McLean Balbernie, Lisa Thomas)

Besuch am
17. November 2023
(Urauf­führung)

 

Ehren­feld­studios, Köln

Mit 40 bist du raus“. Dieser Spruch galt profes­sio­nellen Tänzern in früheren Zeiten als eiserne Regel, egal, ob sie im Ballett oder im zeitge­nös­si­schen Tanz ihr Geld verdienten. Bis zu diesem Zeitpunkt musste man sich zum Choreo­grafen entwi­ckelt haben, am besten mit einer eigenen Kompagnie, sonst sah es düster aus. Seit einigen Jahren hat hier ein Umdenken einge­setzt. Großen Anteil daran trägt Silke Z., die mit ihrem Ensemble Die Metabo­listen nicht nur älteren Tänzern Mut macht, sondern sogar ältere Laien motiviert, sich am zeitge­nös­si­schen Tanz aktiv zu beteiligen.

Im vergan­genen Jahr rief Z. die Gastspiel­reihe Diversity ins Leben, bei der Gäste zu bestimmten Themen in die Kölner Ehren­feld­studios, die sie leitet, einge­laden werden. Bisher gab es drei Diversity-Themen: Inklusion und Teilhabe, Gender und Sexua­lität sowie Privi­legien, Wertschätzung und Rassismus. Der heutige Abend mit dem Titel Diversity #4 beschäftigt sich mit dem Thema Alter, Alltag und Sicht­barkeit, das auch in den nächsten Folgen wieder verstärkt in den Fokus rücken soll.

Lisa Thomas – Foto © O‑Ton

Die Ängste, Vorbe­halte und Ressen­ti­ments auf beiden Seiten, also Tänzern und Publikum, sind allgemein bekannt. Wer will noch „alte Körper“ auf der Bühne sehen? Besitzen ältere Menschen ausrei­chend Kondition und Beweg­lichkeit, um attrak­tiven Tanz zu zeigen? Kann man das überhaupt noch profes­sionell gestalten, oder wird so ein Auftritt eher zu einem lächer­lichen Schaulauf, der vom Publikum, sofern es überhaupt eines gibt, allen­falls wohlwollend mitleidig beklatscht wird? Genauso bekannt ist inzwi­schen aber auch, dass das alles Quatsch ist. Besonders gute Ergeb­nisse können aller­dings erzielt werden – dem gesunden Menschen­ver­stand klingt das eher nach Binsen­weisheit, was Z. in ihrer jahre­langen Erfahrung gelernt hat – wenn die Genera­tionen auf der Bühne zusam­men­treffen. Aber wird das den Bedürf­nissen der Älteren gerecht? Damit setzt sich der heutige Abend ausein­ander, bei dem die Bühne allein den Alten gehört. Die Akteure stellen sich dabei nicht die Frage, ob sie überhaupt schon alt sind, wann Alter beginnt und wie sich das auswirkt. In einer Gesell­schaft, in der die Alters­dis­kri­mi­nierung so rasch wie noch nie voran­schreitet, Menschen ab dem 50. Lebensjahr in der Unsicht­barkeit zu verschwinden scheinen, braucht man über solche Dinge nicht mehr zu disku­tieren, sondern kann allen­falls seine Lebens­er­fahrung in die Waagschale werfen. Dann aller­dings verschieben sich überra­schend schnell die Gewichte.

Zu den Gepflo­gen­heiten der Diversity-Reihe gehört, dass Silke Z. einen Prolog in Form einer eigenen kurzen Choreo­grafie zu einem der nachfol­genden Themen kreiert. Für diesen Abend hat sie sich gemeinsam mit Karel Varnĕk und Bettina Mucken­haupt für die Gast-Aufführung entschieden. Mucken­haupt ist Schau­spie­lerin und 68 Jahre alt, Varnĕk ein 65-jähriger Tänzer. Die drei sind ein einge­spieltes Team und prakti­zieren das, was inzwi­schen allmählich zum guten Ton gehört: Choreo­grafien werden nicht mehr von dem „Genie“ an der Spitze des Ensembles vorge­geben, sondern gemeinsam auf Augenhöhe erarbeitet. Die beiden Tänzer beginnen, sich auf der leeren Bühne neben­ein­ander in mehrla­gigen Kostümen zu bewegen. Sie scheren ausein­ander, Annähe­rungen bleiben Versuche, bis sie schließlich im Geflecht ihrer Haare zuein­an­der­finden. Das schöne alte russische Sprichwort „Wenn die Jugend wüsste, wenn das Alter könnte“ trifft hier sicher nur bedingt zu, denn das Alter kann sehr wohl. Dynamik und Einfalls­reichtum lassen hier jeden­falls keine Wünsche offen.

Einen anderen Zugang wählt Angus McLean Balbernie. Mit 69 Jahren inter­es­sieren ihn die wilden Exzesse junger Tänzer nicht mehr. Er hat sich mehr als ausgetobt in seinem Leben, hat getanzt, choreo­gra­fiert, impro­vi­siert und unter­richtet. Ihn inter­es­siert die Aufge­regtheit, mit der Themen heute durch die Gesell­schaft geprügelt werden, nicht mehr. I Like Crime Shows, Mountains and Maybe 3 People lautet konse­quent der Titel seines Impro­vi­sa­ti­ons­solos: Ich mag Krimi­serien, Berge und vielleicht drei Leute. Er betritt die Bühne mit einem Notebook, das kaum größer als ein Tablet ist, und einem Stuhl. Eigentlich hätte hier jetzt die ganz große Show statt­finden können, mit neun Tänzern oder so. Statt­dessen wolle er hier eine Präsen­tation zeigen, erzählt er. Aber wenn jemand aus dem Publikum zum Tanzen auf die Bühne kommen wolle, sei derjenige herzlich einge­laden. Während eine zweispra­chige Präsen­tation auf dem Notebook abläuft, das auf dem Stuhl seinen Platz gefunden hat, bewegt Balbernie sich durch den Raum. Es ist ein Erlebnis, ihm zuzuschauen, wenn er zwischen den Gängen in hauch­zarte Tanzposen verfällt, eben so angedeutet, um dann weiter zu parlieren. Wenn es irgend­eines Beweises bedurfte, dass sich zeitge­nös­si­scher Tanz nicht in HipHop oder Urban Dance erschöpft, liefert ihn Balbernie mit alters­phi­lo­so­phi­scher Weitsicht und tänze­ri­scher Grandezza zu unter­schied­lichsten Musik­rich­tungen – nicht ohne, die Zuschauer mit typisch briti­schem Humor zum Schmunzeln zu bringen. Hinter diesem Auftritt kann sich so mancher Hype verstecken.

Angus McLean Balbernie – Foto © O‑Ton

Aus Ludwigsburg hat Silke Z. die 63-jährige Tänzerin, Choreo­grafin und Pädagogin Lisa Thomas mit ihrem zweitei­ligen Programm Dance Your Skin – Tanze deine Haut – einge­laden. Im schwarzen Kostüm, unter dem sie ein hautfar­benes T‑Shirt trägt, und mit dickem, schwarzem Brillen­ge­stell empfängt sie die Besucher nach der Pause zu ihrer Ausstellung. Es gibt Fotos von ihr zu sehen, auf verschie­denen Monitoren laufen Videos. Da lässt sie in Hautfalten Perlen hin- und herlaufen, zeigt auf drei großflä­chigen Bildschirmen die flatternden Hautpartien während des Gebrauchs einer vibrie­renden Plattform. Ungewöhn­liche Sicht­weisen auf den Körper einer Tänzerin, die alsbald zu einem Vortrag anhebt über die Sicht­barkeit alternder Tänze­rinnen. Jung und nach Möglichkeit nackt ist nach ihrer Ansicht die Grund­vor­aus­setzung, um auf eine Bühne zu kommen. Ihre Schil­de­rungen zu den Verän­de­rungen des weiblichen Körpers im voran­schrei­tenden Alter sind köstlich. Da ist deutlich von Binde­gewebe und Schwer­kraft die Rede. Und dann wird die Brust unter dem T‑Shirt aus dem Blazer hervor­ge­zogen, was in einem Tanz beider Brüste unter massivem Handeinsatz mündet. Mit einer Demons­tration, welche Bewegungs­mög­lich­keiten der Bauch­ansatz unter dem Einsatz einer flackernden Taschen­lampe bietet, endet der erste Teil. Der zeigt vor allem, dass es zwischen Himmel und Erde mehr aufre­gende Körper­formen gibt als die Hühner­brüste von Ballet­teusen und heran­wach­senden Tänzerinnen.

Im zweiten Teil geht es in den Saal zurück, wo Thomas sich als Tanzdiva präsen­tiert, nicht ohne, die flatternde Haut der Oberschenkel noch einmal in aller Ausführ­lichkeit, aber auch ihre Gelen­kigkeit zu zeigen, wenn das Bein sich kerzen­gerade in die Höhe reckt. Wermuts­tropfen ist das Gegen­licht, in dem sie sich umkleidet. Eigentlich gemeint war wohl, ihre Silhouette während des Umziehens zu zeigen, aber mehr als eine massive Blendung des Publikums kommt dabei nicht heraus. Geschenkt. Das schwarze Kostüm, das den Bauch freilässt, ist ein Hingucker. Ästhetik ist ein wandel­barer Begriff. Thomas zeigt, dass man hier noch viel lernen kann.

Das Publikum bedankt sich lange und ausführlich. Was also ist aus diesem Abend mit viel Unter­hal­tungswert zu lernen? Wohl am ehesten, dass der Ansatz von Z. überzeugt, vielen Genera­tionen auf einer Bühne Platz zu bieten. Für den zeitge­nös­si­schen Tanz und damit für das Publikum bieten sich da noch viele Entwicklungsmöglichkeiten.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: