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PLI SELON PLI/JAGDEN UND FORMEN
(Pierre Boulez, Wolfgang Rihm)
Besuch am
9. März 2025 in Köln
29. März 2025 in Düsseldorf
(Einmalige Aufführungen)
Der rheinische Musikfreund mit dem offenen Herzen für das Neue in der Musik zehrt im angebrochenen Konzertfrühling von zwei Aufführungswundern. Deren Wirkung, in beiden Fällen, eine außerordentliche. Wie von Zauberhand findet man sich herausgehoben aus den Niederungen, in die einen die Moden, die Belanglosigkeiten, die kleinen und großen Hochstapeleien der Neuen-Musik-Szenen hinunterzuziehen trachten. Die eine Begebenheit datiert vor Wochenfrist in der Kölner Philharmonie, als ein WDR-Sinfonieorchester unter Jonathan Nott mit der Solistin Magali Simard-Galdès ein kompositorisches Vermächtnis exekutieren: Pli selon pli (Portrait de Mallarmé) für Sopran und Orchester, womit der 2016 verstorbene Pierre Boulez buchstäblich sein halbes Komponistenleben gerungen hatte. Die andere nicht weniger wichtige Begebenheit jetzt in der Tonhalle Düsseldorf, wo das Notabu-Ensemble unter seinem Gründungsdirigenten Mark-Andreas Schlingensiepen sich ebenfalls einem künstlerischen Vermächtnis widmet: Jagden und Formen für Orchester, das ab 1995 bis 2008, nach diversen Umbauten, Erweiterungsmaßnahmen, entstandene Hauptwerk von Wolfgang Rihm, dem Feuerkopf unter den Komponisten, der nun, leider Gottes, für viele überraschend, im letzten Jahr verstarb.

Beide Künstler operieren auf Augenhöhe. Beide Werke sind mit ihrer jeweils einstündigen Aufführungsdauer wahre Monumente der Neuen Musik. Und beide, das der entscheidende Punkt, sind nach ihrer Intention wie nach der Art, das Orchester anzufassen, es zum Leben zu erwecken, vergleichbar, was zunächst einmal ganz einfach damit zu tun hat, dass der Jüngere an der Arbeit des älteren Kollegen, davon kann man sich im Aufführungsvergleich hinreichend überzeugen, ganz offensichtlich Maß genommen hat. Das geht bis in die Äußerlichkeiten. Etwa, wenn Rihm sein Orchester damit startet, dass er es auf den Punkt in die Hände klatschen lässt, was in Pli selon pli dem eröffnenden Orchestertutti entspricht. Hier wie dort Wimpernschlagkürze. Hier wie dort ein Aufplatzen des Kollektivs in Vielheit. Der Urknall, sagt Boulez in Pli selon pli, ist passiert. Was danach passiert, und darin pflichtet ihm Rihm unbedingt bei, sind Interaktionen von Bestandteilen des aufgesplitteten Universums in kammermusikalische Inseln. Und zwar in einer Geschwindigkeit, die einem den Atem stocken lässt. Rechts Bläser, links Streicher, in der Mitte, keilförmig formatiert, fünf Harfen. An den Rändern positioniert Boulez eine Armada von Schlagwerk. Neun Perkussionisten haben unentwegt zu tun. Marimbafone, die auf Harfen antworten, das Material den Röhrenglocken zuspielen. Alles durchweg vor und nach den Schlagzeiten. Und wenn die große Trommel dann doch einmal auf der Eins kommt, wirkt das geradezu frappierend.
Spielen in, spielen mit den Formationen auch bei Rihm, wenn er aus dem Tutti-Klatscher zu Beginn einen Balztanz beider Violinen hervortreten lässt, bald die feierliche Linie des Kontrabasses daruntersetzt, ihn laut werden, Sprünge absolvieren lässt, stets in Gestalt der vom Komponisten so geliebten Sechzehntel-Triolen, was natürlich aufs Tempo drückt. Nach und nach werden andere Leuchtfarben, Leuchtpunkte eingeführt. Bratsche, Cello, Flöten, Klarinetten, erst nach einer gefühlten Ewigkeit Schlagwerk und Blech. So schwillt der Korpus an. Die Streicher mit repetitiven Pizzicati, ein verbissen sich aufspreizendes Englischhorn, dazu das Gehämmerte aus anderen Ecken des Orchesters, das mal in akzentuierten, dann in vermurmelten Enden mündet, was über weite Strecken erkennbare Lustgefühle im Orchester auslöst. So haben wir ja noch nie gespielt!

Rihms Orchestersatz ist wie der von Boulez ein rhythmisierter Orchestersatz, der keine Themen mehr kennt, die irgendwie verarbeitet würden, werden müssten, der ebenso wenig irgendwelchen Motiven hinterherhechelt, um sie durch die Orchestergruppen wandern zu lassen. Wie überhaupt das Orchester, bei Boulez wie bei Rihm, einer vollkommen neuen Idee unterworfen ist. Es gibt, vor allem bei Rihm, die herkömmlichen Gruppen, das Übereinanderschichten nicht mehr, was für sich natürlich keine Neuerung darstellt, nur, dass Rihm und Boulez bei aller losgelassenen Vielheit, dank subtiler Redundanzen, dank eines raffinierten Spiels mit Symmetrien und Asymmetrien, subkutane Formen kreieren, ohne dass die wiederum statuarische Gestalt annähmen. Nichts wird fixiert im Sinne von: So, liebe Leute, das ist jetzt das Ergebnis! Was es gibt, ist einzig permanentes Werden. Mit unsichtbarer Tinte steht über dem Bauplan: Keine falschen Versöhnungen, ohne Regressionen auskommen, aus dem Herzen sprechen. Es macht die Faszination von Pli selon pli wie von Jagden und Formen.
Im solistischen Orchester spiegelt sich die Musik unserer Zeit. Maximal zweifache Besetzung gestattet Rihm den Bläsern. Alles andere bleibt solistisch. Drei tiefe Streicher, Fagott und Kontrafagott, Basstuba und, auf der gegenüberliegenden Seite platziert, die Quellen für die aparten Farben eines perkussiv eingesetzten Klaviers, einer mal akkordisch, mal punktuell agierenden Harfe und einer Gitarre, die mit E‑Bass wechselt, was schöne, an die Rockmusik erinnernde, ploppig-pochende Soundeffekte hervorruft. Nur der ist ein Mensch, heißt es bei Schiller, der spielt, und zwar mit der Schönheit. So gehen sie vor. Boulez, wenn er die Silben des Mallarmé-Gesangstextes ornamentiert, bis die Worte aus dem Sinnverstehen austreten und sich der Imagination öffnen. Und nichts anderes macht Rihm, wenn er das Orchester nach seinem Plan, nach seiner Intuition sich dehnen, strecken lässt, es nach krachenden Spitzen in die Stille zurückführt, aus der an einer wirklich berückenden Stelle nur ein hoher Geigenton herausragt, die Spannung hält. Alles hängt jetzt am seidenen Faden. Die Tür bleibt offen. – Mark-Andreas Schlingensiepen hat mit seinem erweiterten Notabu-Ensemble ein Zeichen gesetzt. War die eine Stunde, die da so furios, so fasslich im Mendelssohn-Saal musiziert wurde zu lang? I wo. Genau richtig. Kurzweilig war’s.
Georg Beck