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CUTTING IT/YOU ARE SAFE – ESSENTIAL FACTS
(Alice Smith, Silke Z.)
Besuch am
21. September 2018
(Premiere)
Man ist es allmählich leid, dieses ewige Bemühen der so genannten Freien Szene, alles anders zu machen. Die Künstlergruppen und Produktionshäuser haben längst ihren sozialen Status gefestigt, sind fest in den Fördertöpfen etabliert – hier soll nicht die Rede von den Vor- und Nachteilen sein – und sehen ihre Freiheit offenbar nur noch darin, möglichst unverständlich zu kommunizieren und jegliche Form von Professionalität zu vermeiden. Das ist kaum noch zeitgemäß und noch weniger geeignet, neue Publika zu erschließen.
Ein „schönes“ Beispiel dafür ist das dreitägige Festival Echt. Jetzt #3. Welch ein aussagekräftiger Titel für ein Festival. Eine eigene Netzseite gibt es dafür nicht. Aber wer sucht, findet heraus, dass der Veranstalter die Ehrenfeldstudios sind. Und da lernt man, dass es sich nicht um ein Festival handelt, sondern um „Performance-Tage“. Und sie stehen selbstverständlich auch nicht unter dem Motto „Alles wird gut.“, sondern heißen in der Unterzeile Alles. Wird. Gut. Immerhin darf man sich schon darüber freuen, dass die Verantwortlichen der deutschen Sprache mächtig sind, was ja längst nicht mehr selbstverständlich ist. Ohne den moralischen Zeigefinger zu heben, wofür ein Kulturmagazin nicht zuständig ist, darf aber an dieser Stelle die Frage erlaubt sein, ob die so genannte Freie Szene sich eigentlich ausreichend Gedanken gemacht hat, wie sie der rechtspopulistischen Sprachverwirrung entgegentreten will. Die Geringschätzung der deutschen Sprache scheint da eher kontraproduktiv. Bei Echt. Jetzt #3 gibt es außer einem Workshop und der Suppenküche – übrigens ein fabelhafter Titel, einladend und warmherzig – keine Aufführung, die eine deutsche Überschrift trägt.
Solche Wichtigtuerei steht einem völlig unprofessionellen Umgang mit den Aufführungen gegenüber. In der Ankündigung ist nicht die Rede davon, dass die Aufführungen des heutigen Abends gegen oder ungefähr um 20 Uhr beginnen, sondern da steht klipp und klar 20 Uhr. Das meint, dass um 20 Uhr Aufführungsbeginn ist. Und wenn der Einlass um viertel nach acht beginnt, darf man als Besucher eine Erklärung verlangen, weil Verspätung nichts mit Freiheit zu tun hat, sondern schlicht unhöflich ist. Die Erklärung gibt es selbstredend nicht.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
An diesem Abend ist zunächst die Aufführung eines Anfängers angekündigt. Bei Echt. Jetzt #3 heißt das natürlich newcomer. Und der Titel der Choreografie von Manuel J. Kisters ist echt nicht mehr übersetzbar: Fly by the seats of your pants. Braucht man auch nicht zu übersetzen. Denn nachdem die Besucher ihre Karten erworben und Platz genommen haben, erfahren sie, dass die Aufführung gar nicht stattfindet. Und jetzt versteht man auch, warum im Prospekt zum Festival, nein, zu den Performance-Tagen, ein Zettel eingelegt ist, der auf der Rückseite ohne weitere Erläuterung das Stück Cutting it ankündigt. Kisters sei erkrankt, erfahren die Besucher auf Englisch von Alice Smith, anstatt eine Änderung des Programms im Vorfeld auf Deutsch zu erfahren. Das grenzt schon an unseriöses Verhalten. Aber das Publikum ist nachsichtig. Schließlich sammelt die Engländerin Alice Smith in schwarzen Adidas-Hosen und pinkfarbenem Pullover von der ersten Sekunde ihres Auftritts Sympathien ein. Statt einer Nachwuchs-Choreografie zeigt sie Work-in-progress-Szenen ihrer eigenen Choreografie. Also Ausschnitte aus dem, was einmal ein Stück werden soll. Sprachprobleme sieht Smith nicht. „Wenn Sie kein Englisch verstehen, rufen Sie Ihren Nachbarn an, fragen Sie Ihre Sitznachbarn oder achten Sie auf meine Bewegungen“, löst sie das Problem im Handumdrehen – auf Englisch. Und das ist einfach. Wer wollte sich schon trauen aufzustehen und zu sagen: Entschuldigung, ich verstehe keine Fremdsprachen, ich brauche die auch in Köln nicht zu verstehen. Also kann Smith ihre Aufführung widerspruchsfrei fortsetzen. Bis zum fertigen Stück wird allerdings noch viel Zeit vergehen, auch wenn durchaus entzückende Momente aufscheinen.

Nach 20 Minuten ist die Improvisation vorbei. Selbstverständlich weitet sich die angekündigte Pause auf das Doppelte aus. Dann steht die Aufführung von You are safe – essential facts an. You are safe ist im Juni dieses Jahres als Uraufführung von Silke Z. resistdance und der Kompanie Die Metabolisten in der Alten Feuerwache Köln gezeigt worden. Eigentlich ist zwischenzeitlich ein neues Stück entstanden. Zwar sind die Grundideen übernommen, aber der Tänzerschar hat sich auf Lisa Kirsch, Abine Leão Ka, Florian Patschovsky, Caroline Simon und Alice Smith verdichtet. Das Werk gewinnt eindeutig. Noch immer sitzt André Zimmermann an den elektronischen Instrumenten und verfolgt taktgenau die begeisternden, weil ungewöhnlichen Schrittfolgen. Und auch Garlef Keßler ist wieder dabei. Er leuchtet sinnfällig mit Weißlicht ein. Das Stück packt jetzt mehr, auch die Umstellung und Verkürzung der Atemphasen auf Kirsch ist ein Gewinn. Bedauerlich ist, dass der Kostümwechsel entfällt – das wären die essentiellen Fakten gewesen. Aber schön auch der Ausgang der Choreografie von Silke Z., der in einem wehrhaften Haufen endet, der sich gegen Ende wieder auflöst, um friedvoll, stark und neugierig nach einer anderen Zukunft zu suchen. Das setzt ein Zeichen. Wer das Originalstück nicht kennt, wird auch mit dieser neuen Fassung mehr als zufrieden sein. Die ursprünglichen 70 Minuten werden damit auf rund 45 Minuten eingedampft. Das Publikum applaudiert dankbar und zufrieden, hier und da werden ein paar Jubelrufe laut.
Trotz aller Ungehobeltheiten lohnt es sich, sich mit dem Festival, das nennen wir jetzt einfach mal so, auseinanderzusetzen. Denn die Werke werden auch in den Ehrenfeldstudios und in der Brotfabrik Bonn noch einmal als Koproduktion gezeigt. Und wenn die Verantwortlichen, mithin die Künstlerische Leiterin Silke Z., sich aus den Blasen der so genannten Freien Szene hinausbegeben und sich den geänderten Herausforderungen sprachlicher und organisatorischer Herkunft einlassen, sich auf kommunikative Klärung verständigen, wird der vierte Durchgang ein Spaziergang werden. Dem Festival wäre es zu wünschen.
Michael S. Zerban