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ESTER, KÖNIGIN VON PERSIEN
(Isaac Offenbach)
Besuch am
13. Dezember 2019
(Premiere)
Vor einigen Jahren sorgte die Rekonstruktion des Schauspiels mit Musik Die Kölner in Paris mit den wohl frühesten Liedern des Kölner Karnevals aus der Feder von Jakob alias Jacques Offenbachs erstem Cello-Lehrer Bernhard Breuer für berechtigtes Aufsehen. Das 1832 für den Kölner Männergesangverein konzipierte Stück läutete nicht nur die Tradition der bis heute überwältigend erfolgreichen Divertissementchen der Cäcilia Wolkenburg ein, sondern rückte die bis dahin kaum wahrgenommene Tatsache ins Bewusstsein, dass der seit 1823 mit dem ersten Rosenmontagszug dokumentierte Kölner Karneval den jungen Offenbach stärker beeinflusst haben muss als bis dahin angenommen.
Für das zu Ende gehende Offenbach-Jahr versprach die eigens für die Jubiläumssaison gegründete Kölner Offenbach-Gesellschaft mit der Erstaufführung eines Bühnenstücks von Offenbachs Vater Isaac eine kleine Sensation. Damit könnte sich der Blick auf die vielfältigen Einflüsse, die den kleinen Jakob in Köln geprägt haben, noch weiter verdichten. Auf das „Köbesche“, wie Jakob liebevoll genannt wurde, drängte eine kunterbunte musikalische Szenerie ein: Die Tradition der klassischen Meister, die Synagogalmusik, der Kölner Karneval und Bühnenstücke mit Musik und kritisch-humorvollem Anstrich.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dass auch Jacques Vater nicht nur als klassisch orientierter Musiklehrer und Synagogal-Kantor tätig war, sondern sich auch als Bühnenautor betätigte, ist eine faustdicke Überraschung. Ester, Königin von Persien, heißt das kurze Stück, das 1833 vermutlich im Familienkreis der Offenbachs aufgeführt wurde. Offenbachs jüngste Schwester Julie nahm es mit in die USA. Dort lagerte das komplette Werk lange Zeit unbeachtet in der Bibliothek des Hebrew Union Colleges Cincinatti, New York. Für die Kölner Offenbach-Gesellschaft hat die Bibliothek das gesamte Material online gestellt.
Gattungsmäßig ist es schwer zu fassen. Eigentlich ein kurzes Schauspiel mit ein paar musikalischen Einlagen. Gedacht offenbar als Beitrag zum Purimfest, an dem mit ausgelassener Freude an das Überleben des jüdischen Volkes im persischen Exil gedacht wird. Und als Retterin wird Esther gefeiert, die jüdische Königin des persischen Königs.
In 18 Szenen erinnert das Stück an die Rettungsaktion der schönen jüdischen Monarchin. Die Handlung in Kürze: Der persische König Ashaver verkauft das Leben der im babylonischen Exil befindlichen Juden an seinen Minister Haman, der sie allesamt vernichten will. Esther, die Gattin des Königs, ist selbst Jüdin, was sie bisher jedoch geheim gehalten hat. Als sie von den Mordplänen Hamans erfährt, gibt sie sich als Jüdin zu erkennen und bittet den Herrscher um das Leben ihres Volkes. Ashaver erfüllt die Bitte seiner geliebten Frau und lässt Haman aufhängen.
Eine Geschichte mit ernstem Hintergrund. Die Hasstiraden Hamans erinnern an Ausrottungsvisionen und reale Gräuel späterer Zeiten. Drei Lieder sind dokumentiert, die das Vertrauen auf Gott und die Hoffnung auf den Sieg des Guten stärken sollen. „Wer stets dem lieben Gott vertraut, der kommt beglückt ans Ziel“, heißt es im Lied der Ester. Und ein Narr dreht dem Verbrecher Haman eine Nase: „Er grub selbst sein eigens Grab. Und treibt der Bös‘ es noch so lang, er stürzt doch am End‘ hinab.“

Ausgelassene Freude kommt erst im Schlusslied auf mit dem Endlos-Refrain „So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, in der allerbesten Saufcompagnie“. Wie Isaac Offenbach das Stück 1833 aufgeführt hat, wissen wir nicht. Gewiss mit bescheidenem Aufwand, was die musikalische Begleitung auf der Gitarre als Hauptinstrument angeht. Als Purimspiel darf man davon ausgehen, dass das Stück eher spitzzüngig und leichtfüßig als pathetisch rezitiert wurde.
Diese Frage rückte das Kölner Produktionsteam allerdings in den Hintergrund. Der Schatten der Shoa wirkt so übermächtig, dass man offensichtlich einen unbefangenen Blick auf das Stück nicht wagen wollte. Mit dem Ergebnis, dass von den ironischen Pfeilspitzen selbst im Auftritt des Narren nichts zu spüren ist und sich auch die Purimfreude angesichts eines projizierten Atompilzes in Grenzen hält.
Aber bevor man überhaupt mit dem Werk in Berührung kommen konnte, waren Geduld und eine Menge Stehvermögen angesagt. Denn eine gewöhnliche Spielstätte könnte dem Ernst des Themas offenbar nicht gerecht werden. Schauplatz war der Atombunker in Köln Kalk, ein beeindruckendes Monument des Kalten Krieges aus den 1970-er Jahren, ein weitverzweigtes Labyrinth an Gängen und Räumen unter der Kalker U‑Bahn-Station, das etwa 2500 Menschen Schutz bieten könnte. Zunächst heißt es Warten im zugigen U‑Bahn-Tunnel, bis sich die schmale Tür zum Bunker öffnet. Die Besucher drängen sich in dem engen Eingangsbereich an der Wand und werden von strengen Wächterinnen und Wächtern mit etlichen Verhaltensregeln vertraut gemacht, die sich auf einen Satz reduzieren ließen: Verboten ist, außer Atmen und Stehen, so gut wie alles. In der Enge des Gangs muss man sich, so gut es geht, in einen weißen Schutzanzug zwängen, so dass die etwa 50-köpfige Besucherschar wie eine Horde Eisbären durch das Labyrinth trottet.
Räume gibt es viele in dem Atombunker, aber, nicht sehr überraschend, keine große Bühne. Und so zwängen sich Kleingruppen in teilweise winzige Räume. Dort schaltet ein Wächter ein Radio ein, und eine Stimme von „Radio Teheran“ beginnt den Text des Stücks zu rezitieren. So geht es auch weiter. Der Großteil des Textes tönt, auf mehrere Räume verteilt, aus dem Radio, so dass das Bühnenstück zu einem Hörspiel erstarrt. Daran ändert sich auch nichts, als man sich kurz vor Ende der etwa einstündigen Performance auf Feldbetten niederlassen darf und die Sopranistin Ute Eisenhut und der Bariton Marek Reichert die beiden Lieder der Ester und des Narren vortragen. Vom Schlusslied abgesehen, war damit der wesentliche musikalische Teil abgegolten. Trotz der Ergänzungen durch eine Sonate für Violine und Gitarre von Niccolò Paganini und einen Ländler von Franz Schubert, die einem das Dauerstehen versüßen sollen. Christine Moran, Violine, und Izhar Elias, Biedermeiergitarre, versuchen ihr Bestes.
Einen überzeugenden Eindruck vom Stück bekommt man nicht. Man erfährt mehr über den Bunker als über das Werk. Ein spezifischer Tonfall kann nicht geortet werden, da die bedrückende Atmosphäre jegliche Leichtigkeit, die man mit einer Satire aus dem Offenbach-Clan verbindet, unterdrückt. Nicht nur in den meist pathetisch deklamierten Monologen. Zum Schlusslied darf auch getanzt werden, mit gedämpfter Stimmung, die auch der kalauernde Refrain des Schlusslieds nicht richtig auf Touren bringen kann.
Schade: Gewiss steckt in der von Ulrike Neukamm geleiteten und von Thomas Höft inszenierten Produktion eine Menge an Arbeit und organisatorischen Details. Und die Vorstellung, in den Räumen im Ernstfall bis zu zwei Wochen ausharren zu müssen, ist für die Besucher gewiss ebenso bedrückend wie interessant. Doch über Isaac Offenbach und dessen Stück erfährt man an diesem Abend sehr wenig.
Kurzer Beifall, da man sich rasch aus der Schutzpelle schälen muss. Angesichts der Inflation an Produktionen seit einiger Zeit, bei denen mit Sitzgelegenheiten gegeizt wird, wäre in Zukunft ein Hinweis angebracht, ob man auf einen Stuhl hoffen kann oder sich auf eine besondere Belastung der Knie und Bandscheiben einstellen muss.
Pedro Obiera