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Foto © O-Ton

Pures Gefühl

EXIL – KAMMERSZENEN
(Georg Beck)

Besuch am
23. Februar 2024
(Urauf­führung)

 

Alte Feuer­wache, Köln

Stell dir vor, Du fährst zur Alten Feuer­wache nach Köln, um eine Aufführung zu besuchen. Du nimmst eine kostenlose Parklücke unmit­telbar neben dem Eingang und gehst über den Hof zur Bühne. Kenner der Situation vor Ort werden dich spätestens jetzt fragen, wovon du nachts so träumst. Und doch ist es nach vielen Jahren zum ersten Mal passiert. Das muss ein beson­derer Abend werden. Und so ist es auch.

Die Künst­ler­initiative Dafne hat zur Bühne der Alten Feuer­wache in Köln einge­laden, um ein Stück über Maria Herz zu zeigen, einer Kölner Kompo­nistin, die ins Exil ging und damit das Schicksal der nach dem Zweiten Weltkrieg Verges­senen erlitt. Kein Einzelfall, sondern vielmehr exempla­risch für so viele, die vor dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime fliehen mussten und deren Werke nach dem vorzei­tigen Ende des „tausend­jäh­rigen Reichs“ kaum noch eine Chance bekamen, als hätten die Natio­nal­so­zia­listen mit ihrem Gerede über „entartete Kunst“ oder der Schmähung der Künstler Recht gehabt. Erst allmählich erfährt der eine oder andere Komponist posthume Genug­tuung, wenn so etwas möglich ist, indem seine Werke der Öffent­lichkeit – wieder – zugänglich gemacht werden. Als sei das Exil an sich nicht schon Strafe genug. Erst, wer der Heimat verwiesen wird, begreift, wie viel sie bedeutet. Eine Erfahrung, die in diesen Zeiten mehr Menschen machen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Die Sensi­bi­lität für das Thema ist entspre­chend hoch.

Foto © O‑Ton

Violetta von der Heydt hat sich für das folgende Kammer­spiel Exil – Kammer­szenen eine wunderbare Bühne einfallen lassen. Dazu verzichtet sie auf die Tribüne. Auf der Bühne stehen zwei Wände über Eck, in einer ist ein Durchlass und ein Fenster integriert. Davor liegt die eigent­liche Spiel­fläche. Gegenüber den Wänden sind Stuhl­reihen aufge­stellt, die heute Abend bis auf den letzten Platz besetzt sind. Was die Zuschauer nicht sehen können, sind die Aufbauten hinter den Wänden, die es später ermög­lichen, dass die Darsteller auch über die Wände hinweg spielen. Auf der Fläche sind ein paar Kästen, ein Tisch, ein Stuhl und ein Violin­kasten aufgebaut. Es entsteht ein sehr intimer Raum, der groß genug ist, um fünf Personen die gewünschten Bewegungs­räume zu ermög­lichen und in dem die Regis­seurin nun allerhand Einfälle ausleben lassen kann. Die reichen von Tanz, Vortrag über schrift­liche Notizen bis zu Gemälden. Eine am Rand aufge­stellte Kamera lässt „Live-Übertra­gungen“ der Darstel­lerin als Projektion auf die geschlossene Wand zu. Dafür sorgt Michael Pattmann, der zugleich für die Zuspie­lungen zuständig ist. Daniel Swoboda taucht den Raum in häufig, aber unauf­fällig wechselndes Licht, so dass hier zusätzlich eine unauf­dring­liche Dynamik entsteht.

Georg Beck hat auf einen Handlungs­strang verzichtet, statt­dessen Brief­zitate von Maria Herz und Charlotte Salomon zusam­men­ge­stellt und um eigene Zeilen ergänzt, die die Extrem­si­tuation des Exils verdeut­lichen. Das macht die Arbeit für Schau­spie­lerin Anna Magdalena Beetz nicht einfacher, die dafür umso leuch­tender glänzen kann, wenn sie rezitiert, singt, malt, schreibt oder tanzt. In den Moment­auf­nahmen können die Besucher sich ganz ihren Gefühlen hingeben. Sie berichtet von Alltags­szenen mit den Nachbarn, die eher skeptisch gegenüber den Zugereisten sind, schwelgt in Erinne­rungen, von denen sie ihrem Sohn Robert, den sie Bobby nennt, berichtet. Mit an die Wand gehef­teten Zetteln ergibt sich einer der Schlüs­sel­sätze des Abends: „Esse est percipi“ – Sein ist wahrge­nommen werden. Der wird George Berkeley zugeschrieben und gewinnt im Kontext des Exils noch einmal einen tieferen, vielleicht sogar bittere Sinn. Denn wenn du nicht gerade der Schrift­steller-Familie Mann angehörst, deren Ankunft in Amerika große Wirbel verur­sachte, heißt ins Exil zu gehen, in der Unsicht­barkeit zu verschwinden. Eine sehr schmerz­hafte Erfahrung für die Kölner Kompo­nistin, die gerade ihre größten Erfolge feierte, als die Natio­nal­so­zia­listen sie vertrieben. Beetz bemüht sich, Selbst­mitleid durch Sachlichkeit zu ersetzen, lebt aber die freudigen Erinne­rungen und Erleb­nisse umso emotio­naler aus. Das hat nicht nur zur Folge, dass das Stück nicht in Wehklagen zerfließt, sondern gerade die stillen Momente so richtig unter die Haut fahren. Und sei es auch nur, dass Beetz „Respekt“ an die Wand schreibt.

Foto © O‑Ton

Als wäre nicht allein die überra­gende Leistung von Beetz schon einen Theater­preis wert, bekommt sie Unter­stützung seitens des Streich­quar­tetts, das hier nicht nur Teile aus Robert Schumanns Arabeske spielt, an die Rundfunk­musik für acht Instru­mente von Maria Herz erinnert, sondern auch darstel­le­risch mitwirkt. Das funktio­niert großartig und unter­streicht die emotionale Stimmung des Abends noch einmal deutlich, obwohl die Geige­rinnen Gudrun Höbold und Katharina Wimmer, Bratschist Frederik Koos und Cellist Elio Herrera eigentlich schon mit ihren Instru­menten genug beschäftigt sind. Für die Zuspie­lungen, die entweder drama­tur­gisch gesetzt werden oder der Verknüpfung dienen, ist Jörg Ritzenhoff verantwortlich.

Es sind knappe anderthalb Stunden Musik­theater, die ohne jede Rührse­ligkeit das Publikum ergreifen. Das bringt auch Albert Herz, Enkel der Kompo­nistin, der eigens zur Urauf­führung angereist ist, bei seiner kurzen Ansprache nach dem Stück eindringlich zum Ausdruck, wenn er erzählt, dass er hier noch einmal seine Großmutter erlebt habe. Ein schöneres Kompliment kann es für die Künst­ler­initiative Dafne kaum geben.

Weitere Auffüh­rungen gibt es am 24. Februar abends und am 25. Februar mittags um 11.30 Uhr in der Alten Feuer­wache in Köln. Außerdem ist das Stück am 1. und 2. März im Kultur­bahnhof Eller in Düsseldorf zu erleben, wobei schon der Spielort einen Besuch wert ist.

Michael S. Zerban

Mehr über die Kompo­nistin Maria Herz und ihre Musik gibt es im Audiobeitrag.

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