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Foto © O-Ton

In Plastikfolie getanzt

EXXPERIMENT
(Bibiana Jiménez)

Besuch am
30. Mai 2020
(Urauf­führung)

 

XX-Tanztheater im Theater Der Keller in der Tanzfaktur, Köln

Man sollte glauben, dass gerade die so genannte Freie Szene den Zeitpunkt der Wieder-Eröffnung ihrer Spiel­stätten nicht nur in Lippen­be­kennt­nissen „schmerzlich herbei­sehnt“, sondern sich vor allem in Zeiten des Shutdown intensiv darauf vorbe­reitet hat, um ab dem 30. Mai, wenn Veran­stal­tungen mit bis zu 100 Personen unter „strengen Auflagen“ wieder erlaubt sind, loszu­schlagen. Aber die Einla­dungsflut bleibt aus. Auch in den so genannten Sozialen Medien bleibt es seltsam still. Was ist denn bloß los mit der Kultur­szene? Genau eine Einladung erfolgt zum 30. Mai. Das XX-Tanz-Theater von Bibiana Jiménez ruft zur Urauf­führung in das Kölner Theater Der Keller, das vor einiger Zeit schon von der Südstadt nach Deutz in die Tanzfaktur gezogen ist.

Bei herrlichem Wetter und frühlings­haften Tempe­ra­turen haben die Organi­sa­toren vom Theater Der Keller den Empfang auf den Platz zwischen Tanzfaktur und Werks­halle vorverlegt. Erstaunlich viele Menschen finden den Weg zum Kultur­zentrum. Aber weniger die Neugier auf das neue Stück hat sie getrieben, so ist auf dem Platz immer wieder zu hören, sondern das Wieder­sehen mit ihrem Theater und den Menschen, die es besuchen. Und auch hier stehen die „strengen Auflagen“ im Vorder­grund, verdrängen die Vorfreude auf den Tanzabend. Begrüßung aus der Ferne, Melde­zettel ausfüllen, Maske überprüfen – die Wartezeit vergeht rasch, ehe Intendant Heinz Simon Keller die Gäste auffordert, ihm im Gänse­marsch mit reichlich Abstand und überge­stülpten Masken zu folgen. Einigen Menschen sieht man die Angst förmlich an, aber das Bedürfnis nach – kultu­reller oder sozialer – Nähe überwiegt. Und so zieht der Tross überge­horsam in das Keller­ge­schoss der Tanzfaktur.

Florencia Martina – Foto © O‑Ton

In dem großzü­gigen Kellerraum wird die Decke von sechs recht­eckig, in der Mitte angeord­neten Säulen gestützt. Diese Pfeiler sind übermannshoch mit Plastik­folie umwickelt, so dass zwei Kammern entstehen, die mögli­cher­weise Viren abhalten. Ein Tisch, dessen Platte durch die innere Plastik­folie geschoben ist, verbindet die beiden Räume. Jeweils an einem Tischende sitzt eine Tänzerin, die aus den Papier­stapeln, die vor ihnen liegen, Origami-Vögelchen bastelt. Endlich haben die Gäste Platz genommen und nach einem Hinweis Kellers die meisten auch ihre Masken abgelegt. Das Spiel kann beginnen.

Marta Räder­scheidt, geborene Hegemann, gehörte zu den Künstlern der verschol­lenen Generation. Das waren jene Künstler, die vor dem Zweiten Weltkrieg eine glänzende Laufbahn vor sich hatten, von der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Diktatur mit dem Prädikat „entartete Kunst“ belegt wurden und nach dem Krieg nie wieder richtig Fuß fassen konnten. Bibiana Jiménez gehört zu den bekann­testen Tänze­rinnen Kölns und arbeitet auch als Choreo­grafin mit ihrer Compagnie XX-Tanztheater. Als neuestes Werk präsen­tiert sie das etwa 75-minütige Stück Das Exxpe­riment, in dem sie das Leben Hegemanns vertanzen lässt. Um es vorweg­zu­nehmen: Das Stück gehört zum Besten, was in den letzten Jahren nicht nur in Köln zu sehen war.

Der hämmernde Rhythmus des Songs Venus­ko­lonie, eine Hommage an den Dadaismus, leitet das Tanztheater ein. Einfühlsam vertanzen die Tänze­rinnen Daniela Riebesam und Florencia Martina die seeli­schen Verfas­sungen der Künst­lerin an ihren Lebens­sta­tionen, wobei das Haupt­au­genmerk auf den 1920-er Jahren liegt, der Zeit ihrer größten Erfolge. Die einzelnen Zeitpunkte macht Jiménez mit der ausge­wählten Musik fest. Da gibt es in den Glanz­zeiten den Harlem Twist, Babyface vom Savoy Orchestra oder auch Kimmo Pohjonens Theater­mu­siken. Mit der Habanera La Paloma wird jener Sehnsuchts­zu­stand erfasst, der die Menschen seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert immer wieder ergreift. Schließlich flicht Jiménez noch die Vocalise von Sergej Rachma­ninow ein. Damit ist die ganze Bandbreite vom Tanz auf dem Vulkan bis zum Erlöschen seines Ausbruchs abgebildet.

Daniela Riebesam – Foto © O‑Ton

Mit Hilfe der beiden Tänze­rinnen drückt die Choreo­grafin nicht nur die Polarität in der Persön­lichkeit der Malerin, sondern auch ihrer Zeit aus. Riebesam, blond, trägt ein schwarzes Kleidchen über dem Slip, die dunkel­haarige Martina ein weißes, beide im Charleston-Stil. In der künst­le­risch produk­tivsten Schaf­fens­phase werden die beiden zu einer Einheit, indem sie die Bekleidung, die als Synonym für einen Lebens­rausch steht, gegen einen weißen Overall, in dem sie auch zum Stift greifen, um zu malen, um im Niedergang noch den eigenen Körper zu bemalen. In der Mitte des Stücks finden die beiden trotz trennender, durch­sich­tiger Folie zuein­ander, aber die Einheit hält nicht lange. Riebesam und Martina vertanzen ihre Aufgaben rückhaltlos, rauschhaft, expressiv. Werfen sich gegen die Folien, biedern ihre „Kunst­werke“, symbo­li­siert durch Postkarten, beim Publikum an, während sie ihre Gesichter gegen die Folie drücken und so verzerrte Gesichts­aus­drücke beim Publikum ankommen. Valerie Risis Stimme trägt parallel aus dem Off einen Text vor, der nicht nur Anekdoten und wichtige Lebens­sta­tionen der Malerin erzählt, sondern auch Fragen nach ihrer Emanzi­pation und Bewusst­werdung stellt. Das Licht bleibt weiß, nur die Quellen und die Hellig­keits­stufen wechseln je nach Lebens­ab­schnitt. So bleibt die Malerin immer im Licht der Öffent­lichkeit, auch wenn es mal nicht so hell strahlt. Ein grandioser Tanzabend eröffnet die „Saison der Lockerung“, und es ist ein Glück, dass das Theater Der Keller noch zwei Auffüh­rungen Mitte Juni anbietet. Eigentlich ist es viel zu schade, dieses Stück jungen, leben­digen Tanztheaters nur einmal zu sehen. Bibiana Jiménez wird Anfang Juli als Tänzerin in Fractura des Theater­kol­lektivs Wehr51, dann erstmals vor Live-Publikum in der Orangerie Köln gezeigt, zu erleben sein.

Michael S. Zerban

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