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Frauenbild im Wandel der Zeit

FEM:ME
(Stephanie Felber, Nikos Konstantakis)

Besuch am
6. Juni 2024
(Urauf­führung)

 

Diphtong in der Alten Feuer­wache, Köln

Zwölf ausge­sprochen erfolg­reiche Pucki-Romane veröf­fent­lichte Magda Trott zwischen 1935 und 1941. Bereits zum Zeitpunkt ihres Erscheinens wurden sie als Trivi­al­li­te­ratur einge­stuft. Trott, bis dahin als Frauen­recht­lerin bekannt, vollzog mit diesen Geschichten einen Gesin­nungs­wechsel, der wohl am ehesten der Nazi-Ideologie geschuldet war. Sie schrieb ein Frauenbild fort und ideali­sierte es, obwohl die Frauen spätestens ab 1939 ganz andere Sorgen hatten. Die Bücher wurden nach dem Krieg der neuen Wirklichkeit angepasst, Ortsnamen geändert, Kapitel umgeschrieben, die Botschaft aber blieb die gleiche. Nach 1950 wurden insgesamt sieben Millionen Exemplare verkauft. Nur das Heile-Welt-Bild von der Ehefrau, die sich um Heim, Herd, Kinder und ein gepflegtes Äußeres kümmert, um dem Gatten das harte Erwerbs­leben zu erleichtern, ließ sich immer schwerer aufrecht­erhalten, nachdem die Frauen Deutschland aus den Kriegs­trümmern ziehen mussten. In den 1950-er Jahren versuchte die Gesell­schaft, wieder zu den alten Werten zurück­zu­kehren. Zahlreiche Werbe­spots aus dieser Zeit erzählen davon, die heute allen­falls noch für Belus­tigung bis Entsetzen taugen können. Inzwi­schen hat die Welt sich geändert.

Foto © Alessandro De Matteis

Von diesem Entwick­lungs­prozess wollen Stephanie Felber und Nikos Konstan­takis erzählen. Sie haben das Kollektiv Diphtong gegründet. Felber wirkt als freie Choreo­grafin, dokumen­tiert als Foto- und Video­grafin die so genannte Freie Szene. In Athen hat Konstan­takis Schau­spiel und Sozio­logie studiert, seinen Master in Köln im Studi­engang Tanzver­mittlung im zeitge­nös­si­schen Tanz erworben. Gemeinsam haben sie das Stück Fem:me – Schöpfung, Rezeption und Resonanz – eine politische Tanzper­for­mance entwi­ckelt, das heute Abend in der Halle der Alten Feuer­wache Köln zur Urauf­führung kommt. Eleonora Pedretti hat die geweißte Halle in eine Guckkas­ten­bühne verwandelt. Vor einer Tribüne erstreckt sich eine weiße Fläche, unter­brochen von einem weißen Faden­vorhang, der zwar durch­lässig ist, sich aber auch halbwegs als Projek­ti­ons­fläche eignet. Daniel Svoboda hat neben der Standard­de­cken­be­leuchtung auf der rechten Seite vier Schein­werfer aufge­stellt, die später für eindrucks­volle Schat­ten­ef­fekte beim Tanz sorgen werden. Die Kostüme hat Lilli Manz besorgt. Um die Videos und die Klang­kom­po­sition hat sich Lisa Reutelsherz gekümmert und verant­wortet damit das zweite Herzstück der Aufführung. Denn die mediale Darbietung nimmt so viel Raum ein, dass sie den Solo-Tanz mindestens gleich­rangig begleitet.

Für den Tanz haben die beiden Choreo­grafen Nataliia Bulatova verpflichtet. Eine glück­liche Entscheidung. Bulatova schloss ihr Studium am Fachbe­reich Choreo­grafie an der Kiewer Univer­sität für Kultur und Kunst ab. Seither arbeitet sie als Tänzerin, Choreo­grafin und Lehrerin. Der Körper ist muskel­ge­stählt, bewusst setzt sie ihren Gesichts­aus­druck mit ein, wenn sie mit immer wieder arretie­renden Bewegungen für eine ungewöhn­liche Bewegungs­sprache sorgt. Ohne zu übertreiben: Eine Entde­ckung. Zunächst mit einem karierten Kleidchen ausstaf­fiert, in dem sie zu den Klängen von Das bisschen Haushalt von Johanna von Koczian aus dem Jahr 1977 verschiedene Haushalts­tä­tig­keiten andeutet, gerät sie schnell in den Hinter­grund zugunsten von Werbe­spots, die auf dem Vorhang einge­blendet werden. Da gibt es unter anderem den Dr.-Oetker-Pudding-Werbespot, der selbst für Männer ziemlich peinlich ist. Und es wird der legendäre Frauengold-Spot gezeigt. Frauengold war ein frei verkäuf­liches Präparat, das ab 1953 als Heilmittel für alles Mögliche angeboten wurde. Herz-Kreislauf-Tonikum, gut gegen Menstrua­ti­ons­be­schwerden, Erschöp­fungs­zu­stände und Depres­sionen bestand es zum größten Teil aus Alkohol und löste damit den „Klosterfrau-Alkoho­lismus“ ab. So konnten sich die Frauen unter dem Mäntelchen der Gesund­heits­für­sorge ganz allein ruhig­stellen, ohne dass es weiter auffiel.

Foto © Alessandro De Matteis

Rebecca Jung und Hildegard Meier sprechen Litera­tur­zitate ein. Da tauchen dann auch Passagen aus den Pucki-Romanen auf, ehe Bulatova endgültig das Hausfrauen-Kleidchen abstreift, unter dem hautfarben ein Büsten­halter und eine Leggins zum Vorschein kommen. Damit wechselt auch die Qualität der Zitate, und die Heiterkeit schleicht sich von dannen. Annie Ernaux‘ autobio­gra­fi­scher Roman L’événement, zu Deutsch das Ereignis, schildert ihre Abtreibung, 1964 in Frank­reich streng verboten. Das Publikum in Köln bekommt die entschei­denden Passagen zu hören. Die Musik verändert sich mit der Kompo­sition Nachtuhr von Lisa Reutelsterz aus diesem Jahr und dem Haha-Song von Charlotte Adigéry und Bolis Pupul von 2021 ebenfalls.

Als Bulatova den grünen, übergroßen Pullover anzieht, den Ernaux bei ihrer Abtreibung trägt, wird auch dem letzten klar, dass die Zeiten­wende einge­setzt hat. Und zu den Klängen von Sometimes I Feel Like a Motherless Child findet der Übergang zur Gegenwart statt, auch wenn man den Text nicht so recht in den Kontext des Abends einzu­ordnen vermag. Die Botschaft der Aufführung jeden­falls wird nach 50 Minuten deutlich formu­liert: Seid mutig, der Kampf geht weiter, lautet die Quint­essenz. Schön, dass Felber und Konstan­takis hier keine deutschen Bilder konstru­ieren, sondern darauf hinweisen, dass es vor allem die Frauen in anderen Ländern sind, die weiter um ihre Grund­rechte kämpfen müssen.

Man geht, bei allem gelun­genen Unter­hal­tungswert, den das Publikum mit lautstarkem und ungewöhnlich langan­hal­tendem Applaus bekundet, ein wenig verwirrt aus dieser Aufführung. Ging es den Künstlern nicht um die Wirkmacht von Bildern? Und haben sie sie nicht gerade selbst konter­ka­riert, wenn sie Bilder zeigen, die sich selbst längst überlebt haben, weil sie der gesell­schaft­lichen Entwicklung nicht stand­hielten? Diesen Wider­spruch aufzu­lösen, kann man in den drei folgenden Tagen noch versuchen. Und vor allem eine heraus­ra­gende Nataliia Butalova erleben.

Michael S. Zerban

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