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Foto © Claudia Grüning

Ringelpiez mit Anfassen

FETTE KETTE
(Barbara Fuchs)

Besuch am
13. Dezember 2020
(Vorschau)

 

Ehren­feld­studios, Köln

Wenn eine Produktion fertig ist – egal, ob Tanz, Theater oder Konzert­pro­gramm – muss sie auf die Bühne. Sonst fühlt es sich nicht richtig an. Es ist keine Seltenheit, dass ein Choreograf von Beginn der Recherche bis zur Premiere zwei Jahre seines Lebens in eine Tanzpro­duktion inves­tiert. Da sagt man nach der General­probe nicht einfach: Prima, Leute, das war’s, dann packen wir es jetzt in die Schublade.

Also gibt es in den Kölner Ehren­feld­studios eine „Premiere“ – mit vier Gästen. Alle vier sind aus beruf­lichen Gründen da, es ist also kein echtes Publikum, aber es sitzt immerhin jemand in den Stuhl­reihen des großen Saals, der eher wie ein Hochsi­cher­heits­trakt anmutet. Die Zuschauer werden eigens mit Spezi­al­masken versorgt, zwei Entkei­mungs­geräte sorgen dafür, dass sich keine Aeroso­lan­samm­lungen bilden können und so weiter und so fort. Immerhin hat sich bei allen Betei­ligten so etwas wie Routine einge­stellt, so dass diese Maßnahmen nicht mehr im Vorder­grund stehen.

Vielmehr geht es um Fette Kette. Das ist die neueste Produktion von Barbara Fuchs. 2003 hat die Choreo­grafin ihr Label Tanzfuchs Produktion gegründet, sich seit 2009 auf junges Publikum kapri­ziert und sieht ihre Arbeit heute als verbin­dendes Glied zwischen den Genera­tionen und Kulturen. Genre-Grenzen mag die Choreo­grafin nicht so gern. Wenn Tanz nur mit Musik funktio­niert, muss eben welche her. Und ein Gespür für ungewöhnlich gewöhn­liche Requi­siten wie Papier oder Eimer hat sich schon in der Vergan­genheit zu fanta­sie­vollen Produk­tionen entwi­ckelt. Hinter dem schönen Titel Fette Kette verbirgt sich die Ausein­an­der­setzung mit dem, wie Fuchs sagt, ältesten Kulturgut des Abend­landes: dem Reigen. Und so lautet der Unter­titel auch „ein Tanzreigen für alle ab fünf Jahren“.

Foto © Claudia Grüning

Auf der Bühne ist viel Platz. Ein paar Boxen sind links und rechts aufgebaut. Nach vorne begrenzt wird die Fläche von ein paar glänzenden Kapuzen­anoraks, unter denen sich, wie sich später heraus­stellen wird, Zithern befinden. Für die Kostüme zeichnet Stefanie Bold verant­wortlich. Aber auch hier wieder wenig Origi­na­lität, wenn man vom Einfall mit den Jacken und den Flip-Flops absieht. Kostüm­bildner in der so genannten Freien Tanzszene scheinen entweder der Norma­lität verpflichtet oder frei von Fantasie. Eine weitere Zither ist am vorderen rechten Bühnenrand auf einem kleinen Tisch platziert und wird ebenfalls erst später zum Einsatz kommen. Odile Foehl, Katharina Sim, Alina Feske, Arthur Schopa, Michael Zier und Philine Herrlein haben sich im Hinter­grund im Kreis aufge­stellt. Es wird der Ausgangs­punkt einer aufre­genden Reise.

Denn Fuchs, die selbst die Technik bedient, hat sich durch so ziemlich alle erdenk­lichen Formen des Reigens durch­ge­ar­beitet, die so im Laufe der Jahrhun­derte entstanden sind. Eine solche Choreo­grafie zu erarbeiten, ist allein schon preis­ver­dächtig. Aber was die Darsteller leisten, übersteigt den Einfalls­reichtum noch einmal in der körper­lichen Leistung. Hier folgt eine Bewegung in Abhän­gigkeit von der anderen. Egal, ob die Gruppe sich in der Kette bewegt, verbunden durch verschiedene Handkon­takte, in Kreisen Figuren herstellt oder Drehungen und Tanzschritte beginnt, die so manche Tanzschule gern für ihre Tanzschüler aufgriffe: Es muss jeder Handgriff, jede Bewegung sitzen, weil sonst die Kette durch­ein­ander geriete. 40 Minuten Griff für Griff, Schritt für Schritt, Wendung für Wendung zu verin­ner­lichen ist etwas anderes, als in einer „freien“ Aufführung mal eben schnell zu impro­vi­sieren, weil man einen schlechten Tag oder so was hat. Und hier zeigt sich, dass der Premie­ren­zu­stand erreicht ist. Kleinere Ungenau­ig­keiten können ausge­glichen werden, und so entsteht ein Gesamt­ein­druck von Perfektion, der eindrucksvoll ist.

Foto © Claudia Grüning

Das macht sich auch in der Klang­ku­lisse bemerkbar. Wie üblich, setzt Fuchs hier wieder auf die bewährte Zusam­men­arbeit mit dem Kölner Kompo­nisten Jörg Ritzenhoff. Und der wechselt beständig zwischen den Klängen, die auf der Bühne erzeugt werden – man weiß nicht, was einem besser gefällt: der Klang der Zithern oder die Geräusche, die die Darsteller mit ihren Körpern auf der Bühne erzeugen – und einfachen, aber eindrucks­vollen Rhythmus-Geräu­schen, die von der Festplatte einge­spielt werden. Nach 40 Minuten gibt es unter den Gästen kaum einen, der sich nicht davon hat mitreißen lassen.

Der Reigen als wieder­zu­ent­de­ckende Tanzform: Da könnte Barbara Fuchs mit ihrem neuen Stück bei entspre­chender Öffent­lichkeit glatt Maßstäbe setzen, auch wenn die Tanzschulen im Lande das immer mal wieder als sinnstif­tende Gemein­schafts­aufgabe in ihren Kursen, wenn auch in wesentlich verein­fachter Form, anbieten. Derzeit gibt es diese Öffent­lichkeit nicht. Und die ambitio­nierten Termin­pläne der Choreo­grafin, im Februar mit einer Premiere auch ein breiteres Publikum zu erreichen, scheinen angesichts der aktuellen Lage eher Wunsch als Plan. Immerhin freuen die Darsteller sich, an diesem Nachmittag Anspiel­partner gehabt zu haben. Das ist ihnen anzusehen. Mit dem Gedanken, dass es schön sein könnte, mal wieder selbst einen Reigen mitzu­tanzen, mischt sich ein bisschen Wehmut in den Abschied von den Ehren­feld­studios für dieses Jahr.

Michael S. Zerban

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