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Operette muss saftig sein, spaßig, satirisch, ja, lasziv, erotisch – aber niemals trivial oder gar ordinär. Eine Operette zu inszenieren, von der jedes Stadttheater glaubt, es habe dazu die nötigen Mittel, und die dementsprechend oft aufgeführt wird, ist möglicherweise die höchste Kunst des Regietheaters. Deshalb greifen große Häuser gern auf erfahrene Operetten-Regisseure zurück, wenn es zu Silvester dann doch mal wieder die Fledermaus sein muss.
Die Oper Köln vertraut das komplexe Werk der Regisseurin Petra Luisa Meyer an, die bereits etliche Inszenierungen im Theater und erste Schritte in der Opern-Regie vorweisen kann. „Egal, ob man für Oper oder Schauspiel inszeniert: Das Wichtigste ist, dass es das Publikum berührt“, ist die Auffassung der Regisseurin. Und sie irrt. Berührung allein ist zu wenig. Das beweist sie im Staatenhaus, der Ausweichspielstätte der Kölner Oper. Die Premiere ist überwältigend gut besucht. Stefan Brandtmayr baut eine große Bühne für eine dreieinhalbstündige Aufführung. Im Zentrum hängt ein Vorhang, vor dem eine Couchlandschaft mit einem Cocktail-Tisch aufgebaut ist. Der Vorhang dient als Raumteiler du für ein, zwei ziemlich überflüssige Projektionen, die dazu noch kaum erkennbar unscharf sichtbar werden. Rechts davon im Vordergrund ein Tisch, auf dem ein Modell von irgendwas platziert wird. Links ein Kühlschrank mit einer gläsernen Tür, der eine zentrale Rolle spielen wird. Davor ein ausgestopfter Fuchs. Hinter dem Vorhang zunächst eine Art Bügelzimmer. Im Bühnenhintergrund fünf höhenfüllende Kuben. Später wird der Vorhang fallen, die Kuben verschiedene Formen und Funktionen übernehmen. Immer und überall Flaschen. Alkohol in verschiedensten Ausführungen. Wenn die Bühne zum Souper geräumt wird, fährt ein raumfüllender Wagen ein, auf dem zwei Lampen stehen, aus denen im Gefängnisakt Käfige werden. Rechts von der Bühne hat das Orchester Platz genommen. Der Dirigent steht mit dem Rücken zur Bühne.
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Die Kostüme von Cornelia Kraske sind durchweg farbenfroh und gewollt skurril. Sie müssen sich auch nicht immer am Text des Librettos orientieren, sondern mehr an der Vorstellung der Regisseurin. Und die weicht mitunter deutlich ab. Das alles erscheint im Licht von Andreas Grüter, der sich bis zum Schluss der Party mit großen Effekten zurückhält.
Bis hierhin ist alles mehr oder minder in Ordnung. Die Regie-Einfälle orientieren sich in diesem Rahmen allerdings an Albernheiten, abgelutschten Tricks aus dem Komödienstadl. Die hinzuerfundene Rolle des Ivan trifft sich mit dem Tunten-Ballett. Eine unsägliche Aneinanderreihung von trivialen Darstellungen gipfelt darin, dass die weiblichen Ballett-Mitglieder ihre Handtaschen aufessen müssen. Warum sich immer wieder Personen im Kühlschrank aufhalten müssen, erschließt sich nicht. Ein schlecht gemachtes Handtuch-Ballett ist geklaut und funktioniert nicht – das Original war großartig. Die Kotz-Szene am Ende rundet dann das Gesamtbild einer völlig verfehlten Inszenierung ab. Und bis dahin könnte man noch annehmen, dass hier die RTL-2-Zielgruppe angesprochen werden soll. Die Mediengruppe hat ja gleich nebenan ihr Hauptquartier. Wenn allerdings lautstarke Bühnenumbauten während eines Terzetts erfolgen, muss man sich fragen, wie ernst Meyer die Rolle des Gesangs nimmt. Und ob bei solch fundamentalen Fehlern nicht die Dramaturgie hätte eingreifen können. Aber der Gesang bekommt an diesem Abend ohnehin nur eine untergeordnete Rolle.
Ivana Rusko bleibt als Rosalinde blass und über weite Strecken textunverständlich. Immerhin kann man ihren russischen Akzent in den Sprechpartien als Hinweis auf die ungarische Gräfin deuten. Die Rolle des Gabriel von Eisenstein ist mit einem Bariton besetzt. Man kann den Gesang von Miljenko Turk nur als Parodie auf einen Tenor deuten. Da allerdings klingt er, wenn man sich gewöhnt hat, ganz in Ordnung. Ohne Wolfgang Stefan Schwaiger als Dr. Falke etwas Böses zu wollen, er macht seine Sache gut, ist er rein figürlich eine glatte Fehlbesetzung.
Schauspielerisch geben ohnehin alle ihr Bestes. Und in den meisten Fällen reicht das auch. Hin und wieder ist bei allen eine gewisse Distanz zur Rolle zu bemerken, was nur allzu verständlich ist. Tenor Marco Jentzsch imponiert auch dann, wenn er im roséfarbenen Morgenmantel antreten muss. Claudia Rohrbach ist anerkannt als Meisterin ihres Fachs und bereitet auch viel Freude als Adele. Dass sich dennoch Ungenauigkeiten einschleichen, liegt vermutlich am Premierenfieber. Enttäuschend ist Countertenor Kangmin Justin Kim als Prinz Orlofsky als Sänger; als Darsteller gibt er sich viel Mühe, veralbert durch Regie-Tanz-Einfälle. Oliver Zwarg gibt den Gefängnisdirektor rollengerecht, bis zum Kotzen. Schön, dass er sich beim Schlussapplaus bei Schwaiger entschuldigt. Denn das möchte das Publikum am liebsten auch.

Der große Auftritt kommt immer nach der Pause. Und für den ist Jochen Busse vorgesehen. Man verortet den Entertainer, der längst in einem Alter angekommen ist, in dem man eigentlich am Lago di Maggiore in sich selbst ruhend auf einen schönen Sonnenuntergang blickt, eigentlich eher in anderen Fächern, als Buchautor oder spätentdeckten Maler. Da ist die Skepsis groß. Und dann ist er plötzlich der Lichtblick des Abends. Hat er sich noch mit einer dämlichen Bemerkung zu Düsseldorf eingeführt – man mag diese überflüssigen Sprüche nicht mehr hören, mit denen zwanghaft die Köln-Düsseldorf-Zwistigkeit beschworen werden – brilliert er, als Frosch in den Mittelpunkt tretend, mit einem großartigen Monolog über die Kölner, der feinsinnig und endlich humoristisch die Mentalität der Kölner erkundet und vielfach auf den Punkt bringt. Großes Kompliment an einen Künstler, der auch in der Operette das Publikum fesseln und begeistern kann. Umso schlimmer, dass der Gefängnisdirektor sich dann noch für die „politische Aktualität“ des Librettos hergeben muss und nicht mehr als ein paar blöde Sprüche zur gegenwärtigen Regierungsfindung übrig hat.
Enttäuschend ist auch der Umgang mit dem Chor, der zugunsten des Tunten-Balletts völlig in den Hintergrund gedrängt wird. Von Sierd Quarrè gut einstudiert, kommt er über die Statistenrolle kaum hinaus.
Das Gürzenich-Orchester Köln ist der Gewinner des Abends. Unter Leitung von Marcus Bosch, der sich mitunter nur mehr als nachlässig um seinen Klangkörper kümmern kann, weil er sich gerade einmal wieder akrobatisch nach den Sängern umsehen muss, um ihnen die Einsätze zu liefern, wird hier die wunderschöne Operettenmusik geliefert, die man sich von einer Fledermaus erhofft. Wienerisch luftig und leicht erklingt sie, die Walzer reißen mit. So wünscht man sich Strauss. Bosch konzentriert sich auf Akzente, freut sich selbst an der Leistung des Orchesters und zeigt schon mal einen aufgerichteten Daumen für besonders gelungene Einsätze. So funktioniert das heutzutage zwischen Dirigent und Orchester. Kein Dirigat für die Ränge, sondern kollegiale Zusammenarbeit.
Die Jungs von der Fraktion „Ich lasse meinen Bart und die Kopffrisur im Barber-Shop stylen, weil mir nichts anders einfällt, als hipp zu sein“ sind in der Pause begeistert von dem Trash, der ihnen bis dahin serviert wurde. „So bunt und immer Bewegung auf der Bühne“. Währenddessen ziehen scharenweise Leute an ihnen vorbei zum Parkhaus, um sich den Rest zu ersparen. Unglücklicherweise verpassen die Jochen Busse. Am Ende gibt es lauten und kurzen Applaus, der nur dadurch verlängert wird, weil Bosch mit seinem Orchester zum Klatschmarsch animiert. Vermutlich wird man das morgen wieder als „fantastischen Premierenapplaus“ in den so genannten Sozialen Medien als Kurzvideo anschauen können. Alle die, die nicht auf die Propaganda hereinfallen, werden hoffentlich schnellstmöglich vergessen können, was ihnen an diesem Abend angetan wurde.
Michael S. Zerban