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Das Potenzial der Oper

GATSBY
(Marc L. Vogler)

Besuch am
11. Oktober 2024
(Urauf­führung)

 

Hochschule für Musik und Tanz Köln, Konzertsaal

Verehrtes Einlass­per­sonal! Sie dürfen gern die Eintritts­karten kontrol­lieren, Sie dürfen uns gern bei der Platz­suche behilflich sein. Und Sie dürfen auch darauf achten, dass die Brand­schutz­vor­schriften einge­halten werden, indem Sie verhindern, dass die Besucher Mäntel und Rucksäcke mit in den Saal nehmen, um Fluchtwege freizu­halten und Stolper­fallen zu verhindern. Aber: Sie sind nicht die Modepo­lizei! Und Sie haben nicht zu entscheiden, ob die Jacke, die der Besucher trägt, dem Anlass angemessen ist. Wenn Sie es nicht glauben, fragen Sie Ihren Arbeit­geber – oder suchen Sie sich am besten gleich einen anderen Job. Es ist mindestens eine Unver­schämtheit, einem Besucher den Eintritt zu verweigern, weil er eine wärmere Jacke als ein Sommer-Sakko in der Aufführung tragen möchte.

Das gilt für alle Konzertsäle dieser Republik, ganz gewiss aber für den Konzertsaal der Hochschule für Musik und Tanz Köln, der entgegen der Lüge des Kontrol­leurs eben nicht auf 23 Grad Celsius aufge­heizt ist. Dort findet zum zweiten Mal seit Gründung der Litera­turoper Köln 2008 eine Aufführung statt, nachdem das Theater Urania nicht mehr zur Verfügung steht. Für den Leiter der Litera­turoper, Andreas Durban, eigentlich ein Glücksfall, denn das Platz­an­gebot und die Ressourcen unter­scheiden sich doch deutlich zu dem kleinen Theater im Stadtteil Ehrenfeld. Zum ersten Mal hat Durban in diesem Jahr den Roman eines ameri­ka­ni­schen Autors ausgewählt.

Foto © Christian Nielinger

1925 veröf­fent­lichte F. Scott Fitzgerald seinen erfolg­reichsten Roman The Great Gatsby, der bis heute zu den wichtigsten Publi­ka­tionen der ameri­ka­ni­schen Literatur zählt. Das Meisterwerk spielt 1922, also in den roaring twenties, auf Long Island. Fitzgerald behandelt darin Dekadenz, Ausschwei­fungen, Idealismus, Wider­stand gegen Verän­de­rungen, aber auch Doppel­moral und Verlo­genheit. In Durbans Libretto liest sich die Handlung so: Der Ich-Erzähler Nick Carraway kommt nach New York, um eine Stelle als Werbe­texter anzutreten. Er lernt den Milli­ardär Jay Gatsby und den Rechts­anwalt Tom Buchanan sowie dessen Frau Daisy kennen. Buchanan pflegt eine Affäre mit Myrtle, der Frau des Tankstel­len­be­sitzers George Wilson. Daisy ist die große Liebe von Gatsby, die er, nachdem er zu Geld gekommen ist, zurück­er­obern möchte. Während­dessen lernen sich die Marathon­läu­ferin Jordan Baker und Nick näher kennen, ohne dass sich daraus schluss­endlich mehr entwi­ckelt. Nach einem gemein­samen Ausflug fahren Daisy und Gatsby in dessen Auto nach Hause. Myrtle läuft ihnen vor den Kühler­grill und stirbt. Daisy begeht Fahrer­flucht, Gatsby ist bereit zu behaupten, er sei gefahren. Inzwi­schen erfährt der Tankstel­len­be­sitzer Wilson, dass es sich um das Auto des Milli­ardärs handelt und erschießt Gatsby. Das große Finale bleibt trotzdem nicht aus. Wenn Durban in Details die Roman­vorlage verlässt, erschließt sich nicht immer die Notwen­digkeit, aber die Geschichte funktio­niert, und damit ist es legitim.

Wie immer hat auch bei der aktuellen Litera­turoper Durban die Bühne entworfen. Der Hinter­grund ist Projek­tionen von Daniel Gronsfeld auf einer vollständig füllenden Leinwand vorbe­halten, die nicht immer erkennbar sind, aber Ortswechsel verständlich werden lassen. Die Spiel­fläche wird je nach Handlung mit Requi­siten bestückt. Rechts auf einem Podest sitzen vier Musiker. Vor der Bühne sind zwei große Konzert­flügel aufgebaut, vor denen der Dirigent sitzt. Die teils „realis­ti­schen“, teils überaus fanta­sie­vollen Kostüme hat Angela C. Schuett beigesteuert. Thomas Vervoorts hat sich mit viel Aufwand um das Licht gekümmert. Kleinere Pannen werden sich in den Folge­vor­stel­lungen sicher nicht wiederholen.

Foto © Christian Nielinger

Im Programmheft ist von einer Kammeroper die Rede. Der Perso­nal­aufwand kann damit kaum gemeint sein. Da es sich hier um eine studen­tische Aufführung handelt, wäre es ja auch eine Schande, wenn man nicht wenigstens vierzehn Akteure auf die ausrei­chend große Bühne bringt. Einer der wenigen Fälle, in denen nicht das Personal den höchsten Kosten­aufwand verur­sacht. Erfreulich, dass die Sänger mit einer durchweg hohen Qualität beein­drucken. Ganz vorn steht dabei Ich-Erzähler Nick, Josef Zetterberg-Pihl. Sein in jungen Jahren balsa­mi­scher Bass lässt aufhorchen. Hier steht ein großes Talent auf der Bühne. Aller­dings ist bei ihm wie bei den anderen beiden männlichen Haupt­rollen wenig Perso­nen­führung zu sehen. Das kennt man bei Regisseur Durban eigentlich gar nicht. Aber so oft, wie die drei mit ausge­brei­teten Armen an der Rampe stehen, ist die Fanta­sie­lo­sigkeit schon augen­fällig. Aber was heißt Regisseur? Müsste ein Regisseur die Aufgaben erfüllen, die Durban während der Produktion zufallen, hätte jeder andere vermutlich längst die Segel gestrichen. Da wäre eine Regie­as­sistenz vonnöten, die verstärkt auch auf die Bewegungs­ab­läufe achtet.

Tautvydas Slizauskas ist stimmlich der Rolle des Gatsby absolut gewachsen und bemüht sich, den jovialen Milli­ardär zu spielen. In Sachen Liebe, nämlich zu Daisy, wäre mehr möglich gewesen. Da überzeugt Leo Bögeholz-Gründer als fieser Tom Buchanan schon eher. Anastasiia Kyryr­chenko empfiehlt sich als Daisy, vor allem in ihrer Arie, die sie berückend darstellt. Als Jordan Baker gefällt Emelina Medina Martinez in ihrem natür­lichen Auftritt und überzeu­genden Humor mit makel­loser Stimme. Simge Çifte ist eine großartige Myrtle Wilson, die vor allem in ihrem Abschieds­gesang berührt. Und so setzt sich das bis in die kleinste Rolle fort. Spiel­freude aller­orten: Ein Vergnügen.

Marc L. Vogler hat die Musik zur Oper geschrieben und dirigiert sie auch. Was zu hören ist, ist großartig. Aber es ist wenig zu hören. Stimmlich gibt es Bass, Tenor, Bariton und Sopran. Die Mikrofone tragen nicht zur Verständ­lichkeit bei. Die Rezitative bleiben monoton. Hanyoung Hoo und Denis Ivanov an den Flügeln spielen wunderbare Passagen. Mit Kateryna Liash­chevka am Vibrafon, David Handke am Schlagwerk, Trompeter Tobias Reiter und David Zwetti am E‑Bass stehen hervor­ra­gende Musiker zur Verfügung. Und eigentlich hat Vogler wenig Respekt vor Oper, lässt Blues, Swing und auch einmal Rap erklingen. Da hätte man gern mehr gehört.

Am Ende des Abends weiß man, dass die Oper lebt und Potenzial hat. Das ist anders als bei der Traviata oder Aida oder im nächsten Stadt­theater. Die Kommi­li­tonen im gut besuchten Konzertsaal zeigen johlend Solida­rität, der Rest des Publikums schließt sich der Begeis­terung an. Zwei weitere Vorstel­lungen sind am Wochenende noch vorgesehen.

Michael S. Zerban

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