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LA GRAND-DUCHESSE DE GÉROLSTEIN
(Jacques Offenbach)
Besuch am
9. Juni 2019
(Premiere)
Sie gehört zu den aufwändigsten Projekten im Mammutprogramm des Kölner Offenbach-Jahres: Die Neuinszenierung von Jaques Offenbachs Opéra bouffe La Grande-Duchesse de Gérolstein der Oper Köln im Deutzer Staatenhaus. Um französischen Esprit zu sichern und sich aus der oft platten deutschen Offenbach-Rezeption lösen zu können, legte man die Leitung in französische Hände. Insgesamt mit enttäuschendem Erfolg. Das Regie- und Ausstattungs-Tandem Renaud Doucet und André Barbe lässt es zwar recht munter krachen und man geizt auch nicht mit unterhaltsamen Balletteinlagen, wie es sich für ein Pariser Musiktheater gehört. Letztlich gehen beide jedoch nicht feinfühliger mit dem Stück um als die meisten ihrer deutschen Kollegen. Und schlimmer noch. Der scharfzüngige, gleichwohl mit leichtem Florett ausgetragene Spott auf die leichtfertige Politik Napoleons III. plätschert harmlos wie ein Divertissementchen zur Karnevalszeit über die breite Bühne des Staatenhauses.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der einzige, der mit sicherem Gespür alles hören und spüren lässt, was Offenbach an Pepp, Sensibilität und kompositorischem Raffinement zu bieten hat, ist Generalmusikdirektor François-Xavier Roth am Pult des vorzüglich aufspielenden Gürzenich-Orchesters. Mit einem duftigen, oft Mozart nicht nachstehenden, delikaten Orchesterklang und frischem, federndem, nie forciertem drive liefert er eine ideale Vorlage für eine angemessene Offenbach-Produktion. Eine Steilvorlage, die freilich nicht genutzt wird.
Auch nicht von dem Gesangsensemble, aus dem neben einigen kleineren Rollen einzig das junge Liebespaar Fritz und Wanda mit Dino Lüthy und Emily Hindrichs vollauf überzeugen können. Jennifer Larmore strahlt zwar immer noch eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz aus, stimmlich zeigte sie sich der Titelrolle zumindest in der Premiere nur bedingt gewachsen. Und Vincent Le Texier als General Boum mit seiner brüchigen Stimme wirkt eher wie die Karikatur eines Sängers. Immerhin sorgt der Chor der Kölner Oper für manchen effektvollen Höhepunkt.
Erstaunlich, dass die Regisseure das Entstehungsdatum 1867 im Programmheft als völlig irrelevant abtun und keinen Bezug zur Handlung sehen. Immerhin rechnet hier Offenbach mit der leichtfertigen Politik Napoleons III. ab, die auf einen aussichtslosen Krieg mit Preußen zusteuerte, der Frankreich drei Jahre später auch eine katastrophale und folgenschwere Niederlage bescheren sollte. Und um was anderes geht es in dem Stück, wenn die Politiker des fiktiven Staates Gérolstein ihrer Großherzogin einen Krieg aufschwatzen, damit sie nicht aus reiner Langeweile auf die Idee kommen könnte, sich ins politische Tagesgeschäft einzumischen?

Es scheint, dass die französischen Gäste eher deutsche Erwartungshaltungen befriedigen wollten als ihren französischen Traditionen zu vertrauen. Kurzum verlegte man das Kriegs-Szenario in die heutigen Konflikte um den Hambacher Forst, ins „Hambi“, was das Thema deutlich verharmlost und immer wieder in Konflikt mit dem Libretto bringt. Die Großherzogin als Kapitalistin möchte sich einen ökologischen Anstrich geben und ziert ihr Unternehmen mit einem „Frosch“. Soldaten werden hier zu Demonstranten, Kriegstreiber zu RWE-Bossen. Ein Konzept, das hinkt und auch nicht durchgehalten werden kann. Im zweiten und dritten Akt befindet man sich bereits in Dekor des zweiten Kaiserreichs und der ökologische Impuls beschränkt sich nur noch auf eine repräsentative goldene Frosch-Statue.
Die Nebenhandlungen inszeniert das Team durchaus fantasievoll, der Chor ist immer in Bewegung, die zahlreichen Balletteinlagen sorgen für Abwechslung, aber auch, wie die deutsch gesprochenen, mit lokalen Anspielungen durchsetzten Dialoge, für eine Aufführungsdauer von fast vier Stunden. Eine Distanz, die nicht einmal Offenbachs Musik und Roths grandioses Dirigat ohne Spannungseinbrüche überstehen können.
Insgesamt eine äußerlich aufwändige, aber stilistisch harmlose Offenbach-Produktion, die die Versäumnisse im Umgang mit dem Komponisten nicht ausräumen kann. Einzig François-Xavier Roth zeigt sich Offenbach ebenbürtig. Das Publikum reagiert mit heftigem, aber kurzem Beifall auf die lange Premiere, in den sich vereinzelte Buh-Rufe gegen das szenische Team verirren.
Pedro Obiera