O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Seit 1998 gibt es das Wehrtheater in Köln, das Andrea Bleikamp leitet und möglicherweise Strukturen vorwegnimmt, die die Zukunft des privat geführten Theaters bestimmen werden. Es gibt keine feste Spielstätte, es gibt kein Ensemble. Produktionen werden erst in Angriff genommen, wenn ausreichend Gelder, zum Beispiel durch staatliche Förderung oder auch zunehmend durch Crowdfunding, eingesammelt wurden. Fehlende Ensembles werden ersetzt durch Netzwerke, aus denen heraus die Produktionen punktgenau besetzt werden. Das klingt erst mal vor allem für die so genannte Freie Szene hochinteressant. Als Regelfall wird ein solches Modell versagen, weil Schauspieler sich kaum mehr profilieren können, die Identifikation des Publikums mit „seinem Theater“ kurzerhand entfällt. Die Tendenz zum Unterhaltungstheater wird verstärkt. Das postdramatische Theater unterstützt die Entwicklung. Das Theater gerät als Kulturinstitution in die Vorhölle.
| Musik | ![]() |
| Schauspiel | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Wie man sich eine solche Vorhölle vorzustellen hat, zeigt Bleikamp schon einmal in der Kölner Orangerie mit ihrem neuen Stück Heroes, also Helden. Ein großer, schmuckloser Raum mit einer vergleichsweisen Zuschauertribüne und einer großen Spielfläche, auf der zwei quer zueinander stehende Stege aufgebaut sind. Der hintere ist auf der einen Seite begrenzt von einem Keyboard, auf der anderen Seite von Palletten, auf denen eine Unmenge von Flaschen aufgebaut sind, deren Etiketten alkoholische Inhalte verraten. Hinter dem Steg schließt ein weißer Vorhang den Raum nach hinten ab und gibt Fläche für Videos, die Jens Standke ausgewählt hat. Am rechten Rand sind vier Trockenhauben mit Stühlen davor aufgebaut, links steht eine Tiefkühltruhe. Ein hermetisch abgeschlossener Raum, in dem Amy Winehouse seit fünf Jahren gefangen ist. Als Lemmy Kilmister und anschließend Prince respektive David Bowie dazustoßen, wird Amy nervös, weil die Alkohol-Vorräte nicht unendlich verfügbar erscheinen. Es beginnt eine Revue, die an Sartres „Die Hölle, das sind die anderen“ erinnert. Versteht man das postdramatische Theater als Gegenstück zum Sprechtheater, ist hier eine gelungene Aufführung zu sehen – wenn etwas zu sehen ist, denn mit Theaternebel wird wahrlich nicht gespart. Sinnvolle Sätze sind kaum zu vernehmen, allenfalls Zitate tauchen als Erinnerungsfetzen auf, untermalt von den Videos. Beständig sind vier Schauspieler in Aktion, imitieren typische Bühnenauftritte, die – aus der Zeit gefallen – eher komisch wirken. Sie wirken wie Anachronismen ihrer selbst, blutleer und entkräftet beschwören sie vergangene Zeiten herauf, die nicht mehr faszinieren können. Bis ins Detail beleuchtet Peter Behle das mit Weißlichtabstufungen bis hin zu witzigen, kleinen Einfällen. Nur die Poesie bleibt ebenso wie das Drama auf der Strecke.

Stattdessen konzentrieren sich die Darsteller darauf, in Aktion zu bleiben und morbide Heiterkeit zu verströmen. Bibiana Jimenez hat nicht nur die Choreografien entworfen, sondern gibt auch eine kongeniale Amy Winehouse. Besser kann man die alkoholgetränkte Langeweile nicht darstellen. Ein drogenverseuchtes Hirn unter skurril aufgesetzter Beehive-Frisur zeigt letzte Zuckungen. Das Kostüm hat Ausstatter Claus Stump vermutlich direkt aus dem Kleiderschrank der Sängerin und Songschreiberin entwendet, die mit nur zwei Alben zu Weltruhm gelang, der sie so zielsicher ins dröhnende Nichts schickte. Torsten-Peter Schnick gefällt sich als Prince, der auch in der Vorhölle nicht aus seiner Welt herauskann und andere Welten nicht an sich heranlässt. Ähnlich einem David Bowie, der ja schon zu Lebzeiten nicht von dieser Welt schien. Fabian Ringel zeigt ihn als gehetzten, in sich selbst verliebten Menschen, der vergeblich immer wieder versucht, seiner Situation zu entkommen. Auch Tomasso Tessitori gelingt es als Lemmy Kilmister kaum, das Publikum für eine Zeit zu begeistern, die ihm viel Geld und Achtung einbrachte und ein für alle Mal vergangen ist. Bloßgelegt, seziert münden die einstigen Helden ganzer Generationen in einer Pseudo-Feier.
Anklänge an das Kasperle-Theater – „Seid ihr alle da? Jetzt buht mal alle“ – sind überflüssig wie ein Kropf. Und dass Frauen aus dem Publikum dann zum Schluss auf die Tanzfläche müssen, während Schnapsgläser auf die Tribüne gereicht werden, will vielleicht die Fraternisierung vorantreiben, wirkt aber eher aufgesetzt und peinlich, hat jedenfalls nichts mit dem Stück zu tun, für das Julia Klomfass die Musik mehr oder minder gut bearbeitet hat. Hier wäre mehr möglich gewesen als Marius Müller-Westernhagen in Köln zu zitieren.
Erleichtert, der Vorhölle und vor allem dem dichten Nebel entronnen zu sein, applaudiert das Publikum nachhaltig, das sich köstlich amüsiert hat. De mortuis nil nisi bene – an diesem Abend bleibt diese Form des Respekts auf der Strecke. Was aber durchaus zu einem Theater passt, das eine stilisierte Maschinenpistole im Logo trägt.
Michael S. Zerban