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IN-VISIBLE
(Bibiana Jiménez, Annabelle Dvir)
Besuch am
10. Oktober 2024
(Uraufführung)
Annabelle Dvir ist eine israelisch-georgische Choreografin, Stimmkünstlerin und Komponistin, die in Jerusalem lebt. Als sie vor drei Jahren mit ihrem Ensemble Women of Sounds zu einem Gastspiel in Köln eingeladen war, saß im Publikum auch eine Kollegin. Man darf Bibiana Jiménez wohl ohne Übertreibung als die Grande Dame unter den Kölner Choreografen bezeichnen. Und wenn sie einlädt, sich ihre neueste Arbeit anzuschauen, bleibt die Zuschauertribüne garantiert nicht leer. Beide Tänzerinnen haben eines gemeinsam: Sie beschäftigen sich in ihren Arbeiten mit der Frau. Und weil die Chemie zwischen den beiden von Anfang an stimmte, beschlossen sie, ein gemeinsames Stück zu erarbeiten. Das war leichter gesagt als getan. Da galt es, Entfernungen zu überbrücken, die verschiedenen Arbeitsweisen von Jiménez‘ XXTanztheater und Dvirs Women of Sounds in Einklang zu bringen und nicht zuletzt die Finanzierung zu erstellen.

Am 30. September vergangenen Jahres war es so weit geschafft. Das Gerüst stand, die Förderanträge waren gestellt, dann kam der Nahost-Konflikt dazwischen. Man weiß heute nicht, was man mehr bewundern darf, die Beharrlichkeit, drei Jahre an einem Stück zu arbeiten und festzuhalten oder das Stück selbst. Die Entscheidung bleibt den Besuchern in der Kölner Tanzfaktur überlassen, die an diesem Abend mit mehr als viertelstündiger Verspätung in den großen Saal eingelassen werden. In-visible: A Cliché of Historiography lautet der etwas schwerfällige Titel der Tanzaufführung, also etwa die Un-Sichtbarkeit: Ein Klischee der Geschichtsschreibung. So wenig eingängig der Titel, so schwierig ist das Gedankenkonvolut zu verstehen, das über dem Stück wabert.
„Der Widerstand der Frauen in der Vergangenheit“, Jiménez und Dvir lassen im Dunkeln, um welchen Widerstand es sich handelt, „hinterlässt bis heute seine Spuren in unserem Leben, aber kaum in der Geschichtsschreibung“. Das klingt mysteriös, ruft aber Widerspruch hervor. Die Pionierleistungen von klugen Frauen gegen den Widerstand einer männerdominierten Wissenschaft, die Sufragetten, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind detailliert dokumentiert. Und wer den Dokumentarfilm als moderne Form der Geschichtsschreibung versteht, kann sich ohne Schwierigkeiten über die Freiheitsbestrebungen iranischer Frauen in der Gegenwart informieren. Geht es also eher um persönliche Erfahrungen, wenn zu lesen ist: Das Stück „geht auf traumatische Kindheitserinnerungen zurück, denkt über Mutterschaft und ihre Rolle bei der Selbstfindung einer jungen Frau nach und sucht nach Teilen der Vergangenheit in der Verkörperung von heute“. Die Fragen werden in der künstlerischen Umsetzung unbeantwortet bleiben.

Ein hochfrequenter Ton liegt über der Bühne und verursacht Unwohlsein. Für Musik und Gesang, teils live auf der Bühne praktiziert, sind Dvir und die Musikerin und Schauspielerin Yael Schreiber verantwortlich, die sich unter das Ensemble mischt. Im Lichtdesign von Christoph Wedi und Yair Segal scheint alles möglich, was die Technik hergibt. Das reicht von nahezu vollständiger Dunkelheit über blutrote Szenen bis zur grellen Blendung des Publikums. Die Spielfläche ist eingangs leer bis auf eine Leiter im Hintergrund, vor der eine unbekleidete Puppe liegt. Eine Person kriecht auf allen Vieren auf die Bühne, auf ihrem Rücken reitet eine zweite, eine dritte Person führt sie an der Leine. Allmählich betreten weitere Personen das Spielfeld. Sie stellen sich vor die Wände und murmeln. Der Eindruck einer Klagemauer drängt sich auf. Felicia Nilsson, Bettina Nampé und Noa Shaveh, später wird sich zunehmend Layil Goren in den Vordergrund schieben, zeigen eine Tanzform, die als Slam bekannt ist und wohl eine künstlerische Weiterentwicklung des Pogo-Tanzes darstellt. Dabei bewegen sich die Akteure auf der Tanzfläche unabhängig voneinander, treffen aber immer wieder in verschiedenen Konstellationen aufeinander. Das sieht nicht immer unbedingt nach einem Austausch von Zärtlichkeiten aus, wenn etwa Goren auf den halbentblößten Oberkörper ihrer Partnerin einschlägt. Vieles erinnert eher an Kampf als an Tanz, die Übergänge wie immer fließend. Für Irritation sorgt ein Tanz der Huren. Es überwiegt der Eindruck der Dystopie, als dessen Verkörperung man die Rolle von Goren verstehen kann. Aber die Choreografinnen lassen das Publikum nicht hoffnungslos zurück. Goren scheitert an der Leiter – vielleicht als Symbol des Aufstiegs – und wird unter ihr begraben, während die übrigen Tänzerinnen doch noch zu gemeinsamem, verbindendem Tanz finden.
Es gelingt den beiden Choreografinnen, die Spannung über eine Stunde aufrechtzuerhalten, und dazu bedarf es nicht einmal der Erotik, selbst wenn Jiménez mit ihren wechselnden Kostümen mitunter viel Haut aufblitzen lässt. Das Publikum ist hellauf begeistert, und so lange hört man bei Tanzaufführungen selten den Applaus wie an diesem Abend.
Bibiana Jiménez kann man übrigens als Tänzerin am 8. und 9. November noch einmal in dem Stück Rockaby von Wehr 51 erleben, dieses Mal im neugebauten Foyer des Kölner Orangerie-Theaters. Sehr empfehlenswert.
Michael S. Zerban