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INVASION
(Emanuele Soavi)
Besuch am
29. August 2019
(Premiere am 28. August 2019)
1875 schuf Jacques Offenbach die Opéra féerie La Voyage dans la Lune oder auf Deutsch Die Reise zum Mond. Das Libretto basiert auf dem Roman De la Terre à la Lune von Jules Verne. Das Stück bestach bei seiner Uraufführung neben der Musik Offenbachs vor allem mit allerlei spektakulären Bühneneffekten. Mag sein, das gerade der Fantasiereichtum des Werks Emanuele Soavi bewogen hat, den Auftrag der Kölner Offenbach-Gesellschaft anzunehmen und sich von dem Stück zu einer Tanz-Collage inspirieren zu lassen, die in dieser Form jetzt erstmalig in der Kölner Orangerie gezeigt wird.
Soavi war als Tänzer bei renommierten Compagnien beschäftigt, ehe er 2012 sein eigenes Label Emanuele Soavi Incompany mit Sitz in Köln gründete. Seither eilt der Choreograf von Erfolg zu Erfolg. Und auch Invasion hat das Zeug, über Kölns Grenzen hinaus Beachtung zu finden. Auch die zweite Vorstellung ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Tribüne ist abgebaut. Im Zentrum des Saals ist ein „Catwalk“ als weiße Fläche auf schwarzem Grund abgegrenzt. Die Stühle für die Zuschauer sind in zwei Reihen u‑förmig angeordnet. Hinten links ist die Technik untergebracht, hinten rechts sitzen die Musikerinnen. Die Doppelflügeltür am Kopfende wird zwischenzeitlich geöffnet, um die dahinterliegende Terrasse als zusätzliche Spielfläche zu nutzen. Für das Licht haben sich Hannes Grethe und Jan Wiesbrock einige wirkungsvolle Effekte einfallen lassen, die die Tänzer nicht unpassend im Dunkel stehen lassen. Überwiegend gibt es Weißtöne, aber für die Modenschau dürfen es auch mal pinkfarbene Leuchtstoffröhren sein. Heike Engelbert setzt mit ihren Kostümen auf hautenge, hautfarbene Trikots, denen sie bedarfsweise zusätzliche Kleidungsstücke überwirft. So treten die Herren zunächst in hellgrauen Anzügen, die Damen in schwarzen Kostümen, später schwarzen Röcken auf. Zur Modenschau gibt es dann noch einige Häkel-Accessoires. Und immer wieder kehrt der weiße Plastik-Rock mit seinen beiden Hängern in den Mittelpunkt zurück, der auch den Abend eröffnet.

Denn als erstes räumt Soavi mit der Vorstellung auf, dass hier ein Jacques-Offenbach-Abend zum Besten gegeben wird. Zitate gern und massenhaft, aber der Abend gehört der Emanuele Soavi Incompany. Als kleine Entschädigung gibt es zur Eröffnung eine einminütige, zeitgenössische Darstellung des CanCan als Solo. Da freuen sich viele noch auf einen amüsanten, wenn nicht operettenhaften Abend. Schon einige Zuckungen der Tänzerin reichen, um für herzhafte Lacher zu sorgen, zumal der Rhythmus von einem „singenden“ Tänzer vorgegeben wird.
Und dann geht es endlich los mit dem eigentlichen Abend. Dass die „Ouvertüre“ lediglich mit einem Schild angezeigt und nicht vertanzt wird, irritiert etwas. Im Mittelpunkt des Abends steht als Leitmotiv die milchige Plexiglas-Scheibe im Umfang von etwa zwei auf ein Meter. Sechs Stück davon, erhältlich im Baumarkt, kann man stellen, legen, schieben, ohne die Tänzer gänzlich verschwinden zu lassen. In Unschärfe wird da eingegrenzt, ausgegrenzt, können Invasionen mit Schutzschilden gestartet werden oder Allianzen geschmiedet werden. Abwechslung entsteht durch Pas de deux zweier Tänzer, verschiedene Soli, Ansätze bekannter Tänze aus der Operettenzeit – und die Modenschau. Über die Qualität von Bewegungssprache braucht man nicht zu streiten. Wenn allerdings Griffe überflüssig sind oder nur halbherzig erfolgen, darf man fragen, ob hier die Choreografie nicht zu Ende gedacht wurde oder ein tieferer Sinn dahintersteckt. Letzteres wird nicht erkennbar. So fehlt oft das Zupackende und damit das letzte Quäntchen, das auch den Kritiker überzeugen könnte.

Ein Manko der Choreografie, nicht der Tänzer. Sowohl Federico Casadei, Abine Leao Ka, Michele Nunziata auf der männlichen Seite als auch Lisa Kirsch, Mihyun Ko und Giulia Marino auf der weiblichen begeistern mit exzessivem Körpereinsatz und Akkuratesse. Und wenn das Abschlussbild der Modenschau steht, ist das so stark, dass die Besucher bereits vom Ende der Veranstaltung ausgehen und Applaus aufbrandet. Das allerdings ist auch einer Schwäche der Musik geschuldet, die hier keinen ordentlichen Übergang schafft.
Neben dem CanCan greift Soavi auch auf andere Stücke des begnadeten Cellisten und Komponisten Offenbach zurück, gesteht ihnen allerdings überwiegend die Rolle von Intermezzi zu. Katharina Apel-Hülshoff und Anja Schröder lösen ihre Aufgaben am Cello perfekt und schrecken auch nicht davor zurück, ihre Musik in die von Stefan Bohne verweben zu lassen. Der übernimmt den Löwenanteil der Musik und löst sie mit elektronischer Komposition. Das wirkt mitunter atmosphärisch dicht, bietet zwischendurch viel Konfektionsware und erlebt ihren Höhepunkt in der Untermalung der Modenschau.
Das führt letztlich zur Frage, ob eine Modenschau den Abend rettet. Nein, vielmehr hat Soavi hier einen dramaturgischen Höhepunkt geschaffen, der überzeugt. Ein tieferer Blick zeigt, dass das, was nach dem spektakulären Show-Effekt folgt, eigentlich den stärksten Teil des Werkes bildet.
Nach 80 Minuten tobt das Publikum. Keine Rede mehr von Offenbach-Schlagern oder ‑Imitationen. Soavi kann mit seiner Abstraktion überzeugen und lässt sich und sein Team ausgiebig feiern. Einmal mehr nicht auf den großen Bühnen, sondern in der Kölner Orangerie. Da muss sich die eine oder andere hochsubventionierte Bühne fragen, ob die Relationen noch stimmen.
Michael S. Zerban