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Verlorene Jugend

IS DEUTSCHE RÄUBER IM DSCHIHAD
(Andrea Bleikamp, Rosi Ulrich)

Besuch am
27. November 2019
(Urauf­führung)

 

Wehr 51, Freihan­delszone, St.-Gertrud-Kirche, Köln

Die deutsche Gesell­schaft durchlebt gerade ihre schwerste Krise seit dem Deutschen Herbst 1977. Verun­si­cherung breiter Gesell­schafts­schichten, erodie­rende Werte und die Jugend frönt der neuen Religion des Klima­wandels, wenn sie nicht gerade in den Krieg zieht. Und die Medien treiben mit ihrem Erregungs­jour­na­lismus die Krise weiter voran. Jugend­liche aus Deutschland, die nach Syrien reisen, um den IS zu unter­stützen: Da steht für deutsche Medien blitz­schnell fest, dass der böse IS die Jugend­lichen über das Internet verführt. Und weil die Erklärung so schön einfach ist, nimmt die Bevöl­kerung sie gerne an.

Andrea Bleikamp und Rosi Ulrich geben sich damit nicht zufrieden. Vor der Blaupause von Friedrich Schillers Räubern erhebt sich wohl eher die Frage, was die Jugend antreibt, sich freiwillig in den Krieg zu begeben. Aus eigenem Entschluss, allen­falls unter­stützt von den Machen­schaften des IS. Um den Unter­schied zu verdeut­lichen, findet der erste Teil des Abends in der Freihan­delszone statt, einem Laden­lokal, in dem verschiedene Gruppen der so genannten Freien Szene in Köln ihr Unter­kommen finden. Hier gibt es eine Instal­lation, die aus mit Tarnlaub abgehängten Zellen besteht, in denen man sich auf Monitoren über die Geschichte der Räuber infor­mieren kann, vermischt mit Filmchen zu aktuellen Bezügen in Syrien und Myanmar. Eine Viertel­stunde gibt es Gelegenheit, sich an den Bildschirmen zu infor­mieren, dann werden die Zuschauer über die Verhal­tens­weisen in der zweiten Station im Militärton infor­miert. Wer die auf dem Plan markierten Flächen betritt, fliegt sofort aus der Kirche. Denn in die werden die Zuschauer anschließend geführt.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



St. Gertrud zeichnet sich als Wasch­beton-Küche aus. Eine höchst unkon­ven­tio­nelle Archi­tektur, die großartige Spiel­flächen bietet. Die alle bespielt werden wollen, befinden Bleikamp und Ulrich. Das Stück setzt auf die komplette Isolation des Zuschauers. Und so erhält am Eingang jeder seinen eigenen Kopfhörer, darf sich jeder Gast anschließend auf einen Stuhl im Kirchen­schiff setzen, ohne in Kontakt mit anderen Zuschauern zu geraten. Neben weißen Plastik­fi­guren ist nur jeweils ein Platz frei. Die Isolation dient zweierlei Zwecken. Zum einen verweist sie auf die Situation der IS-Söldner, die sich vor ihrer Entscheidung, nach Syrien zu gehen, ziemlich allein fühlten. Zum anderen bekommt das Publikum so ausrei­chend Bewegungs­freiheit, um alle Spiel­flächen wahrzunehmen.

Schon zu Beginn fällt Tänzerin Katharina Sim auf, die sich in einem Glaskasten räkelt, später durch den gesamten Kirchenraum bewegen wird. Sie verkörpert die Suchende oder auch den Zustand, in dem sich die künftigen Syrien-Reisenden bewegen, eine innere Zerris­senheit treibt sie um. Die drei Schau­spieler, die sich demnächst durch den Raum bewegen werden, sind vollständig in Schwarz gekleidet. Claus Stump hat die Kostüme besorgt. Und findet, dass Erotik in der Gemengelage nicht notwendig ist. Bleikamp und Ulrich erzählen im Folgenden die Geschichte von Clara und Franzi, einem weiblichen Geschwis­terpaar, das sich kaum verlocken lässt, sondern anhand von pro und contra entscheidet, nach Syrien zu gehen. Nicht der IS kann, obwohl er sich auf die modernsten Methoden der Kommu­ni­kation versteht, Jugend­liche verführen. Dazu sind sie zu selbst­be­wusst. Sondern sie entscheiden sich bewusst für eine andere Weltordnung. Dass dann alles ganz anders kommt, als sie es sich erwarten, ist eine andere Geschichte, die auch erzählt wird.

Foto © Alessandro De Matteis

Das Buch von Rosi Ulrich, einge­teilt in fünf Akte, kommt nicht ohne Stereotype aus, die aber gut verpackt werden und sich insbe­sondere dann, wenn das Kalifat als Diktatur entlarvt wird, zu starken Dialogen entwi­ckeln. Regis­seurin Bleikamp sieht den Raum als Bühne, was dazu führt, dass man als Zuschauer die Handlung immer mal wieder aus dem Blick verliert. Wenige Requi­siten wie Kopfbe­de­ckungen ergänzen adäquat das Spiel. Jens Standke steuert wände­fül­lende Projek­tionen und Live-Einspie­lungen bei. Das sieht sicher „hip“ aus, lässt den Zuschauer aber auch schon mal im Zweifel, worauf sich seine Aufmerk­samkeit eigentlich nun richten soll. Jan Wiesbrock hat mit einfachsten, ja, origi­nellen Mitteln das Licht einge­richtet, das die Drama­turgie eindrucksvoll unterstützt.

Die Darsteller Asta Nechajute, Luica Schulz und Fabian Kuhn glänzen mit Spiel­freude und Überzeu­gungs­kraft in unter­schied­lichsten Rollen, auch wenn Kuhn noch an der Textsi­cherheit arbeiten muss.

Sergej Maingardt unterlegt die Dialoge mit einem durch­ge­henden Klang­teppich, der den einen oder anderen Zuschauer an die Grenze der Belast­barkeit bringt. Das passt gut zum Thema, und da die Lautstärke indivi­duell am Kopfhörer einstellbar ist, geht das in Ordnung.

Bleikamp und ihr Team zeigen hochak­tu­elles, politi­sches Theater in unter­halt­samer Form, ohne das Publikum zu entpflichten, über den Abend hinaus­ge­hende Gedanken mitzu­nehmen. Sehr gelungen! Das finden auch die Zuschauer, die sich mit langan­hal­tendem Applaus bei allen Betei­ligten bedanken. Drei weitere Auffüh­rungen werden sich anschließen, eine Wieder­auf­nahme ist im kommenden April vorgesehen.

Michael S. Zerban

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