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KOMM NÄHER, NOCH NÄHER
(Diverse Komponisten)
Besuch am
9. Juni 2024
(Premiere)
Weit ausgreifen, Nähe herstellen: Das ist die Regieidee eines Debütkonzerts, mit dem eine schimmernde Kölner Neue-Musik-Szene eine solitäre Klangfarbe hinzugewonnen hat. Dorrit Bauerecker und Christoph Stöber, zwei Exponenten der Szene, sind sich einig geworden. Als Klavierduo Bauerecker Stöber, gegründet im vergangenen Jahr, betreten die beiden den auch mit Erwartungen gut gefüllten Konzertsaal der Rochus-Musikschule. Vorn, prominent platziert, gut ausgeleuchtet, ein Yamaha-Flügel, eine Klavierbank. Das wird reichen für den Premierenabend. Stammplätze sind nicht vergeben. Im Verlauf der folgenden neunzig Minuten werden fliegende Seitenwechsel zu erleben sein. Schablonen bleiben außen vor. Botschaft: Bass und Diskant, das sind Rollen. In die kann jeder schlüpfen. Und den Fuß auf dem rechten Pedal zu haben, ist kein Privileg, sondern, wie alles andere, eine Frage der Absprache. Worum es einzig geht, das macht das Duo auch in seinen Wortbeiträgen deutlich, ist das Zusammenspiel von vier Händen auf einer Klaviatur. Mehr Tuchfühlung, so viel ist klar, geht nicht in der Musik.

Ein Thema, das den beiden die Idee für die Choreografie ihres Abends an die Hand gegeben hat. Ein in den Klavierfarben gehaltenes, insofern doch wenig lesefreundliches Programmblatt lockt mit einem verführerischen „Komm näher, noch näher …“ Wer da adressiert ist? Das Publikum? Nun, als Hörer sind wir zwar da, aber eben doch vor allem mit den Ohren dabei, was, nebenbei bemerkt, zu durchaus beträchtlicher Nähe führen kann. So gesehen spricht einiges dafür, im titelgebenden Lockruf eine Sprechblase der Ausführenden zu erkennen, einen inneren Dialog, den das Klavierduo Bauerecker Stöber untereinander führt. Eine Annahme, die sich am Ende des ersten Teils mit der Uraufführung des Abends sehr sinnfällig bestätigt. Bei der jungen Komponistin Georgia Koumará haben die beiden eine Komposition in Auftrag gegeben. Herausgekommen ist eine Komposition, die mit der verblüffenden Idee aufwartet, die Zwiesprache des übenden Klavierduos Bauerecker Stöber ins Werk zu integrieren und während der Ausführung über in Griffweite positionierte Handys jüngster Bauart zuzuspielen. Ein Moment der ironischen Brechung, klar. Freilich kein Fall aus allzu großer Höhe. Was die Komponistin in fühlst du dich voll wohl da oben? for 4 hands and tape, abgesehen vom auskomponierten Gag, im Schilde führt, wird nicht recht klar. Gerade in der von wunderbarer Zeitökonomie bestimmten Umgebung der ersten Konzerthälfte wirkt die Arbeit, sobald sie ihr Ironie-Pulver verschossen hat, wie ein Stück auf der verzweifelten Suche nach sich selbst.

Ein Eindruck, der freilich auch mit der programmierten Nachbarschaft zu zwei, drei Monumenten abendländischer Kunstmusik zu tun hat. Dass die hier Eingang gefunden haben, ist absolut bemerkenswert. Bach vielleicht, aber Mozart und Schubert sind in Neue-Musik-Konzerten oder in Konzerten mit zur Neuen Musik affinen Ausführenden ganz und gar unüblich. Der Mut, den so was braucht, nötigt Respekt ab. Es steckt darin wohl auch die Ahnung, dass es, wie Hermann Scherchen das gern sagte, die „Einheit der Musik“ ist, auf die es ankommt. Heißt konkret: Nach der Eröffnung mit Mozarts B‑Dur-Sonate schürfen Bauerecker und Stöber noch tiefer im Fruchtland, indem sie Bach-Choralbearbeitungen des auf diesem Gebiet gut bewanderten Reinhard Febel vortragen: Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ und Nun komm der Heiden Heiland. Auch wenn zumal bei Letzterem leichte Tempoverschleppungen auffällig sind – auch in der Rochus-Pfarrgemeinde werden Choräle kaum in Zeitlupe gesungen werden – der Rahmen könnte kaum edler ausfallen. Insbesondere die beiden Bach-Adaptionen wirken in der Konzert-Dramaturgie wie zwei Baldachine für das mittig platzierte George-Crumb-Stück Alpha Centauri aus den Celestical Mechanics, eine mit rockigen Riffs gespickte Rhythmus-Komposition, in der Bauerecker und Stöber hörbar bei sich selber ankommen.
Was sich nach der Pause mit Half-Remembered City des japanischen Komponisten Day Fujikura wiederholt. „Rhythm is it!“ Allerdings: In dieser Zuschreibung geht das Duo nicht auf. Im Gegenteil. Mit dem Eröffnungsstück des zweiten Konzertteils betreten die beiden eine Welt, in der von allem Abschied genommen wird, auch und gerade von der „Nähe“. Nah ist in dem Stück, in Schuberts f‑moll-Fantasie, einzig der Tod. 1828, im Sterbejahr entstanden, spricht aus der Komposition zu vier Händen allein die Verzweiflung, die Liebe, die gesucht wurde, nicht gefunden zu haben. Ein bewegender Moment, wenn Bauerecker im Diskant die Wehmuts-Punktierungen setzt und Stöber mit unbeirrt schreitenden Achteln dagegenhält. Das geht jetzt aus der Welt heraus. Der musikalische Höhepunkt des Abends endet mit der Erkenntnis, dass Nähe in der Musik Schein ist. Durch nichts, auch nicht – eine Versuchung, der das Duo zuweilen nachgibt – durch Klangballung lässt sie sich herbeizwingen. Bei Schubert ist es anders. Und den spielt das Duo auch ganz anders. So, dass sich Berührtsein einstellt. Von einer Musik, die aus der Ferne spricht. Und uns, deswegen, nah kommt.
Was ersichtlich etwas anderes ist als die Botschaft einer vom Duo ins Debüt-Programm integrierten promovierten Psychologin von der Kölner Sporthochschule. Auftritt von Lisa Musculus, die uns allen Ernstes die „Herzraten“ des Klavierduos Bauerecker Stöber einblendet. Sie hatte das Duo bei einem Probenbesuch verkabelt, EKG-Kurven generiert, um so, messerscharf, die praktizierte „Nähe“ der Ausführenden zu demonstrieren. Es gibt Wissenschaften, an die muss man glauben. Kunst muss man hören.
Georg Beck