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Foto © O-Ton

Ma troppo

MĂCELARU DIRIGIERT DVOŘÁK
(Diverse Komponisten)

Besuch am
15. Februar 2020
(Premiere am 14. Februar 2020)

 

Kölner Philhar­monie

Im Kölner Karneval muss man mit allem rechnen. Aber manchmal wird es doch unheimlich. Dabei ist der Kölner Geisterzug gar nicht so gruselig. Seit 1860 gibt es diesen Umzug. Im Ersten Weltkrieg wurde er verboten, 1991 wieder­belebt. Es ist ein alter­na­tiver Karne­vals­brauch, der eigentlich am Karne­vals­samstag statt­findet. In diesem Jahr wurde er einfach mal eine Woche vorverlegt. Macht ja nichts. Wenn die Stadt Köln in der Lage wäre, damit logis­tisch umzugehen. Danach sieht es aller­dings nicht aus. Nach dem Motto „Scheis­sejal, is Karneval“ wird kurzerhand die Altstadt abgesperrt. Und damit wird auch die Zufahrt zur Philhar­monie abgeriegelt, wo an diesem Abend eine Veran­staltung des WDR-Sinfo­nie­or­chesters statt­findet. Und weil ja jeder Kölner weiß, was in Köln vorgeht, braucht es auch keinen Hinweis zum Beispiel auf der Homepage der Kölner Philhar­monie. Auswärtige werden im Kölner Brauchtum ohnehin nur geduldet, und so muss jeder sehen, wie er trotz blaulicht­strot­zender Absper­rungen in die Kölner Philhar­monie findet. Nicht allen gelingt das, und so bleiben an diesem Abend viele Plätze in dem Konzertsaal frei, obwohl der Beginn des Konzerts um eine Viertel­stunde nach hinten verschoben wird.

Im Januar 1946 gründete der Nordwest­deutsche Rundfunk in der Nachfolge des 1926 ins Leben gerufenen Orchesters des Reichs­senders Köln das Kammer­or­chester des NWDR Köln. Ein Jahr später fand der erste Auftritt des neuen Orchesters statt. Mit der Aufteilung des NWDR 1956 in NDR und WDR bekam auch der Klang­körper einen neuen Namen und hieß fortan Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester. In den 1990-er Jahren wurde es schließlich in WDR-Sinfo­nie­or­chester umbenannt. Seine musika­li­schen Schwer­punkte sieht es im klassisch-roman­ti­schen Bereich und in der Musik des 20. Jahrhun­derts. Trotzdem es auf große Verdienste zurück­blicken kann, wird das Orchester in seiner Wertigkeit nicht so wahrge­nommen wie vergleichbare Klang­körper. Das zu ändern, hat sich der Musiker Cristian Măcelaru vorge­nommen, der seit der aktuellen Spielzeit Chefdi­rigent ist und Jukka-Pekka Saraste abgelöst hat. Versuche, das Orchester inter­na­tional sicht­barer zu machen, hat es auch in der Vergan­genheit schon gegeben, sei es durch Erstauf­füh­rungen oder CD-Einspie­lungen. Aller­dings ist und bleibt es ein Orchester „für das Sendegebiet“.

Dass Măcelaru, der Geige studierte und erst mit 28 Jahren zum Dirigieren kam, trotzdem einiges zu ändern vermag, zeigt er an diesem Abend in der Kölner Philhar­monie. Auf dem Programm Măcelaru dirigiert Dvořák stehen Avner Dorman, Johannes Brahms und Antonín Dvořák. Noch bevor der erste Ton erklingt, fällt die gelöste, entspannte Atmosphäre auf, die die Musiker ausstrahlen.

Foto © O‑Ton

Wie inzwi­schen recht üblich, gibt es zu Beginn ein Häppchen zeitge­nös­si­scher Musik. In knapp zehn Minuten werden mit After Brahms drei Inter­mezzi für Orchester aus dem Jahr 2014 darge­boten. Avner Dorman sieht seine Kompo­sition sowohl als Hommage als auch als Ausein­an­der­setzung mit Johannes Brahms. Und so gibt es zahlreiche Zitate zu hören, denen Dorman seine eigene Sicht­weise annähert oder gegen­über­stellt. Măcelarus Heran­ge­hens­weise wirkt leiden­schaftlich, ohne das Gefühl zu vermitteln, hier dirigiere einer „für die Galerie“.

Beim nachfol­genden Violin­konzert in D‑Dur opus 77 von Johannes Brahms wird der Stilwandel noch deutlicher. Zum „guten Stil“ altge­dienter Dirigenten scheint es ja zu gehören, Solisten nach Möglich­keiten zu ignorieren. Und damit hätte ein Virtuose wie Augustin Hadelich sicher auch kein Problem, wie er im großen Solo des zweiten Satzes eindrucksvoll beweist. Aber Măcelaru sucht die Zusam­men­arbeit mit ihm genauso wie mit seinen Musikern. Am besten könnte man seine Philo­sophie vielleicht so beschreiben: Jeder Musiker ist für seinen Part eigen­ver­ant­wortlich, und dabei helfe ich gern. Dementspre­chend aufmerksam verfolgt er unter vollem Körper­einsatz die Partitur.

Hadelich, der sich bei der zweiten Aufführung des Programms im Kreise des Orchesters sichtlich wohl fühlt, erfreut das Publikum, das ihm zujubelt, mit einer Solo-Zugabe. Recuerdos de la Alhambra von Francisco Tárrega trägt er so erfri­schend wie virtuos vor.

Lebhaft geht es auch beim Haupt­thema des Abends weiter. Mit viel Esprit wird die achte Sinfonie von Antonín Dvořák angegangen, ein inzwi­schen wieder durchaus beliebtes Werk in deutschen Konzert­sälen. Mit bunten Farben, schil­lernden Figuren und großem Engagement wird die Sinfonie nachgerade zelebriert. Im dritten Satz – Allegro man non troppo – weist der Komponist das Orchester an, gutge­launt, aber nicht überschäumend zu agieren. Da aller­dings mögen die Musiker eher den Anwei­sungen des Dirigenten statt des Kompo­nisten zu folgen. Und zünden ein wahres Feuerwerk. Dem Publikum gefällt die Ignoranz des Orchesters und seines Dirigenten.

Der überbor­dende Applaus zeigt: Dieser Abend war ein Erfolg. Und wenn die Kölner einmal mehr bewiesen haben, dass sie von Straßen­verkehr keine Ahnung haben, in der Auswahl des neuen Chefdi­ri­genten hat der dort ansässige Rundfunk­sender wohl in die Vollen getroffen. Cristian Măcelaru wird nicht nur in Köln, so der erste Eindruck, noch einiges bewegen.

Michael S. Zerban

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