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Die Poesie des Geldes

MINT CONDITION
(Theresa Hupp)

Besuch am
23. Oktober 2019
(Urauf­führung)

 

Orangerie Köln

Geld ist die unwich­tigste Sache der Welt. Dass gerade die Angehö­rigen am Sterbebett genau etwas anderes entdecken, wenn der Verstorbene ohne Taschen daliegt, gehört zu den größten Missver­ständ­nissen unserer Welt. Gertrude Stein, Kunst­händ­lerin und Schrift­stel­lerin der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts, hat zu dem Thema Stellung bezogen. Aller­dings in einer Art und Weise, die Litera­tur­wis­sen­schaftlern bis heute Kopfschmerzen bereitet. Ohne Punkt und Komma hat sie sich in einer Art und Weise geäußert, die Menschen wie Theresa Hupp und Will Saunders mögen. Damit stehen sie vermutlich ziemlich allein.

Aber das konnte sie nicht beirren. Hupp hat man bislang eher als Tänzerin und hier als hidden champion wahrge­nommen. Ab heute möchte man sie eher als Künst­lerin bezeichnen. Was sie mit Mint Condition auf der Bühne der Kölner Orangerie zur Urauf­führung bringt, ist eher ein zauber­haftes, poeti­sches Gesamt­kunstwerk als bloß Musik­theater. Vielschichtig, berührend, verzau­bernd: Wenn man so etwas über ein Stück sagen kann, dass von Geld handelt, muss es schon etwas ganz Beson­deres sein. Dabei sind die Zutaten einfach. Sophia Schach hat auf der Bühne einen Museumsraum aufgebaut und künst­le­risch abstra­hiert. Ganz in schwarz sind dort ein paar Podeste zu sehen, ein paar Ausstel­lungs­stücke wie ein Platten­spieler, ein Verstärker, ein E‑Piano – alles so gut wie neuwertig, wie der Titel des Stücks sagt – und ein paar Sitzge­le­gen­heiten. Dazu kommen Tennis­bälle in ungeheurer Zahl, die von einer Ballwurf­ma­schine in den Museumssaal befördert werden und das Raumkonzept befremdlich stören. Für die Darsteller hat Schach Kostüme entwi­ckelt, die in ihrer Einfachheit gnadenlos raffi­niert sind. Über schwarz­glän­zenden Ganzkör­per­an­zügen tragen sie ein Kleidungs­stück, das sowohl als Wickelrock als auch als Jacke oder Mantel Verwendung finden kann. Vivien Kovar­basic als stummer Diener ist hingegen in grobes schwarzes Zeug gesteckt, trägt eine Baseball-Mütze und schwarze Gaze vor dem Gesicht.

Foto © Hans Diern­berger

Als die Zuschauer den Saal betreten, sitzt Will Saunders hinten links in der Ecke an einem Notebook, während Theresa Hupp vorne rechts die Ballwurf­ma­schine bedient. Zu Beginn des einstün­digen Stücks setzen sich die beiden vor das Publikum. Für einen kurzen Augen­blick ist Hupp noch das Lampen­fieber anzumerken, aber dann finden beide rasch in ihre Rollen. Ein seltsamer Dialog beginnt. Das Ganze wirkt etwas hakelig und spröde. Hinzu­kommt, dass Tim Borner das Licht in der Anfangs­phase schlecht setzt, so dass beide Darsteller ständig im Halbdunkel verschwinden und das Publikum geblendet wird. Aber wenn nach einigen Minuten die Syste­matik des Stücks klar wird, ist all das vergessen und man kann sich ganz dem Sprach­fluss und der seltsamen Diktion hingeben. Perse­ve­rierend wechseln die Sätze zwischen Deutsch und Englisch, werden also wohl Origi­nal­zitate ins Deutsche übersetzt, so dass auch für Fremd­spra­chen­muffel alles verständlich bleibt.

Inhaltlich dreht sich die Gedan­kenwelt darum, was Geld mit der eigenen Identität macht. Geben verur­sacht nach herkömm­lichem Verständnis eine Bring­schuld, Besitz ein Unrecht. Und schon verteilen die Protago­nisten Geschenke. Hupp einen Tanz, Saunders ein Lied. Ist damit ausglei­chende Gerech­tigkeit herge­stellt? Das bleibt offen. Wenn Hupp sich in ständigen Wieder­ho­lungen derselben Sätze ergeht, ist das ein Genuss, weil sie mit solcher Kunst­fer­tigkeit wechselnd fein akzen­tuiert, dass man gar nicht mehr aufhören möchte, ihr zuzuhören. Da dürfte manche Schau­spie­lerin vor Neid erblassen. Dass sie Zitate wiedergibt, die den meisten Zuschauern unbekannt sein dürften, verliert dabei jede Bedeutung, weil sie aus den Worten etwas vollkommen Neues und Eigen­stän­diges schafft. Wenn in diesem Stück etwas zu kurz kommt, ist es der Tanz. Aber wenn der einzeln als Geschenk vergeben wird, muss er sich vermutlich auch rarmachen.

Um eine adäquate musika­lische Kulisse zu schaffen, haben Saunders und Oxana Omelchuk Neues kompo­niert, das sich entweder nahtlos in das Geschehen einfügt oder als eigen­stän­diger Beitrag Bestandteil des Geschehens wird wie das von von beiden geschaffene Mundhar­monika-Stück Eating Bread and Honey: Counting is funny oder Saunders‘ Lied Call me Harry Thomasina.

Der überschwäng­liche Applaus, nachdem die Zuschauer sich aus ihrer Verzau­berung gelöst haben, ist allfällig und für Orangerie-Gepflo­genheit lang und laut. Einmal mehr hat Hupp bewiesen, dass intel­ligent gemachtes Musik­theater den Nerv des Zeitgeistes trifft und man dafür keineswegs den Rückgriff auf griechische Mythen­welten braucht. Nun wird es Zeit, dass die Künst­lerin ihre überra­genden Fähig­keiten auch in größeren Zusam­men­hängen beweist. Wer sich selbst von der Neuwer­tigkeit ihres Stückes Mint Condition überzeugen will, hat dazu während der vier Vorstel­lungen, die für das kommende Wochenende geplant sind, Gelegenheit.

Michael S. Zerban

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