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Geld ist die unwichtigste Sache der Welt. Dass gerade die Angehörigen am Sterbebett genau etwas anderes entdecken, wenn der Verstorbene ohne Taschen daliegt, gehört zu den größten Missverständnissen unserer Welt. Gertrude Stein, Kunsthändlerin und Schriftstellerin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat zu dem Thema Stellung bezogen. Allerdings in einer Art und Weise, die Literaturwissenschaftlern bis heute Kopfschmerzen bereitet. Ohne Punkt und Komma hat sie sich in einer Art und Weise geäußert, die Menschen wie Theresa Hupp und Will Saunders mögen. Damit stehen sie vermutlich ziemlich allein.
Aber das konnte sie nicht beirren. Hupp hat man bislang eher als Tänzerin und hier als hidden champion wahrgenommen. Ab heute möchte man sie eher als Künstlerin bezeichnen. Was sie mit Mint Condition auf der Bühne der Kölner Orangerie zur Uraufführung bringt, ist eher ein zauberhaftes, poetisches Gesamtkunstwerk als bloß Musiktheater. Vielschichtig, berührend, verzaubernd: Wenn man so etwas über ein Stück sagen kann, dass von Geld handelt, muss es schon etwas ganz Besonderes sein. Dabei sind die Zutaten einfach. Sophia Schach hat auf der Bühne einen Museumsraum aufgebaut und künstlerisch abstrahiert. Ganz in schwarz sind dort ein paar Podeste zu sehen, ein paar Ausstellungsstücke wie ein Plattenspieler, ein Verstärker, ein E‑Piano – alles so gut wie neuwertig, wie der Titel des Stücks sagt – und ein paar Sitzgelegenheiten. Dazu kommen Tennisbälle in ungeheurer Zahl, die von einer Ballwurfmaschine in den Museumssaal befördert werden und das Raumkonzept befremdlich stören. Für die Darsteller hat Schach Kostüme entwickelt, die in ihrer Einfachheit gnadenlos raffiniert sind. Über schwarzglänzenden Ganzkörperanzügen tragen sie ein Kleidungsstück, das sowohl als Wickelrock als auch als Jacke oder Mantel Verwendung finden kann. Vivien Kovarbasic als stummer Diener ist hingegen in grobes schwarzes Zeug gesteckt, trägt eine Baseball-Mütze und schwarze Gaze vor dem Gesicht.

Als die Zuschauer den Saal betreten, sitzt Will Saunders hinten links in der Ecke an einem Notebook, während Theresa Hupp vorne rechts die Ballwurfmaschine bedient. Zu Beginn des einstündigen Stücks setzen sich die beiden vor das Publikum. Für einen kurzen Augenblick ist Hupp noch das Lampenfieber anzumerken, aber dann finden beide rasch in ihre Rollen. Ein seltsamer Dialog beginnt. Das Ganze wirkt etwas hakelig und spröde. Hinzukommt, dass Tim Borner das Licht in der Anfangsphase schlecht setzt, so dass beide Darsteller ständig im Halbdunkel verschwinden und das Publikum geblendet wird. Aber wenn nach einigen Minuten die Systematik des Stücks klar wird, ist all das vergessen und man kann sich ganz dem Sprachfluss und der seltsamen Diktion hingeben. Perseverierend wechseln die Sätze zwischen Deutsch und Englisch, werden also wohl Originalzitate ins Deutsche übersetzt, so dass auch für Fremdsprachenmuffel alles verständlich bleibt.
Inhaltlich dreht sich die Gedankenwelt darum, was Geld mit der eigenen Identität macht. Geben verursacht nach herkömmlichem Verständnis eine Bringschuld, Besitz ein Unrecht. Und schon verteilen die Protagonisten Geschenke. Hupp einen Tanz, Saunders ein Lied. Ist damit ausgleichende Gerechtigkeit hergestellt? Das bleibt offen. Wenn Hupp sich in ständigen Wiederholungen derselben Sätze ergeht, ist das ein Genuss, weil sie mit solcher Kunstfertigkeit wechselnd fein akzentuiert, dass man gar nicht mehr aufhören möchte, ihr zuzuhören. Da dürfte manche Schauspielerin vor Neid erblassen. Dass sie Zitate wiedergibt, die den meisten Zuschauern unbekannt sein dürften, verliert dabei jede Bedeutung, weil sie aus den Worten etwas vollkommen Neues und Eigenständiges schafft. Wenn in diesem Stück etwas zu kurz kommt, ist es der Tanz. Aber wenn der einzeln als Geschenk vergeben wird, muss er sich vermutlich auch rarmachen.
Um eine adäquate musikalische Kulisse zu schaffen, haben Saunders und Oxana Omelchuk Neues komponiert, das sich entweder nahtlos in das Geschehen einfügt oder als eigenständiger Beitrag Bestandteil des Geschehens wird wie das von von beiden geschaffene Mundharmonika-Stück Eating Bread and Honey: Counting is funny oder Saunders‘ Lied Call me Harry Thomasina.
Der überschwängliche Applaus, nachdem die Zuschauer sich aus ihrer Verzauberung gelöst haben, ist allfällig und für Orangerie-Gepflogenheit lang und laut. Einmal mehr hat Hupp bewiesen, dass intelligent gemachtes Musiktheater den Nerv des Zeitgeistes trifft und man dafür keineswegs den Rückgriff auf griechische Mythenwelten braucht. Nun wird es Zeit, dass die Künstlerin ihre überragenden Fähigkeiten auch in größeren Zusammenhängen beweist. Wer sich selbst von der Neuwertigkeit ihres Stückes Mint Condition überzeugen will, hat dazu während der vier Vorstellungen, die für das kommende Wochenende geplant sind, Gelegenheit.
Michael S. Zerban