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Foto © Julia Franken

Aus der Zeit gefallen

OHNE TIME
(Emily Welther)

Besuch am
10. Dezember 2019
(Urauf­führung)

 

Kultur­bunker Köln-Mülheim

Wer Veran­stal­tungen der so genannten Freien Szene in Köln besucht, kommt viel rum. Heute geht es in den Kultur­bunker Köln-Mülheim. In den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkriegs von Zwangs­ar­beitern, Kriegs­ge­fan­genen und KZ-Häftlingen als Kirchen­bunker erbaut, bot das Gebäude im Alarmfall fast 3.000 Menschen Schutz. Dabei aller­dings war der Platz­bedarf pro Person mit 60 Quadrat­zen­ti­metern berechnet. Seit 1991 wird das Gebäude als Kultur­zentrum für den Stadtteil Mülheim betrieben, um die „Begegnung verschie­dener sozialer Schichten, Natio­na­li­täten und Alters­gruppen zu fördern“. Teilweise sind die alten Baustruk­turen noch erhalten wie zum Beispiel ein „Zellen­trakt“. Drei hinter­ein­ander gelegene Räume, in denen die früheren Eingänge zu den Zellen mit damals jeweils sechs Doppel­betten noch erkennbar sind. Die Zwischen­wände sind heraus­ge­schlagen, so dass sich drei längliche Räume ergeben, die durch schmale Durch­gänge mitein­ander verbunden sind.

Für Emily Welther offenbar die ideale Örtlichkeit, um ihre neueste Choreo­grafie urauf­zu­führen. Welther gehört zu den Kultur­schaf­fenden, die ohne Not die Verarmung der deutschen Sprache voran­treiben. Und so trägt nicht nur ihr Werk den unsin­nigen Titel OHNE time, sondern auch auf dem Abend­zettel sind die „credits“ ohne Not in Englisch aufge­führt, übrigens für drei deutsche Spiel­stätten, in denen das Stück bis kommenden März gezeigt wird. Macht aber doch nichts. Dafür hält man sich im Text ja auch nicht an die deutsche Recht­schreibung. Bei so viel Fantasie darf man auf die Aufführung gespannt sein.

Foto © Julia Franken

Schließlich will die Choreo­grafin sich mit dem Thema Zeitori­en­tierung in der heutigen Gesell­schaft ausein­an­der­setzen. Oder vielmehr deren Abwesenheit. Was nämlich wäre, wenn wir uns aus dem Korsett der Taktung befreiten, fragt sie. Und sieht den Zeitbe­griff dabei bipolar. Das klingt erst mal nach einem Abend voller Spiel­freude, entfes­selten Geistes und bewegungs­freu­diger Visionen. Noch dazu an einem Ort, an dem der Zeitbe­griff dereinst mit höchster Eile und Lebens­angst verbunden war. Das muss einen doch inspirieren.

Die Begrüßung im „Foyer“ im Erdge­schoss ist freundlich und erzählt schon mal einen ungefähren Ablauf des Abends, ohne allzu viel zu verraten. Dann wird die kleine Besucher­gruppe in den ersten Stock geführt. Hier gibt es keine Sitzge­le­gen­heiten. Der schmale Raum scheint bereits gefüllt mit Utensilien. Im ersten Drittel ist ein Stuhl mit einem abgesägten Bein in einem Erdhaufen aufge­stellt. Im letzten Drittel hat ein Musiker an einem kleinen Tisch Platz benommen und spielt Lochstreifen ab. Herzliche Grüße aus der Vergan­genheit des Computers. Dazwi­schen einige Kissen und ein kleiner Tisch. Die Zuschauer drängen an den Rand, um zu sehen, was die Tänzerin am schiefen Stuhl macht. Roboter­gleich steht sie auf und setzt sich wieder. Die Mimik starr. Als der Lochstreifen durch­ge­zogen ist, erlöschen auch die Stand-Projek­tionen an der Längswand, die zwei Stühle auf einem Feld zeigen, auf dem eine Person unterwegs ist. Barbara Schröer hat die Projek­tionen entwi­ckelt, die im zweiten Teil sehr viel lebhafter werden. Ebenso wie die Tänzerin. Welther hat nicht nur den Abend gestaltet, sondern tanzt ihn auch selbst. In grauem T‑Shirt, grauen Turnschuhen und grüner Stoffhose könnte sie kaum unspek­ta­ku­lärer daher­kommen. Sie hat sich für eine Art minimal dance entschieden. Sowas à la John Cage. Oder vielleicht eher Philip Glass. Margi­nales Bewegungs­ma­terial in ständiger Wieder­holung und sich steigernder Geschwin­digkeit. Dafür, dass das Ganze aus der Zeit gefallen ist, wirkt Welther sehr angestrengt und bemüht sich um größte Ernst­haf­tigkeit. Spätestens in dieser Gefühls­starre ist das Thema verschenkt. Immerhin wird die Bipola­rität verstanden, wenn sie im ersten Drittel des zweiten Raumes hin- und herrast, zwischen zwei Stühlen hin- und herläuft oder sich auf einer Papierlage entlang­rollt und dabei Linien von Anfang bis Ende zieht. Eindrucksvoll ist das Licht. Wolfgang Pütz zaubert mit geringsten Mitteln immer wieder kleine, gekonnte Effekte in den Raum. Das macht Spaß.

Ebenso wie die Musik, die von Daniel Brandl und Giuseppe Mautone beigesteuert wird. Mautone ist der, der sich unendlich geduldig durch den Lochstreifen gearbeitet hat. Danach kümmert er sich um die Perkussion. Brandl zeigt die vielen Spiel­arten eines Cellos von schräg gestri­chenen Tönen bis zum gezupften Instrument und kümmert sich um die elektro­ni­schen Zuspie­lungen. So entsteht ein Konzert, das die Absichten der Choreo­grafin unter­stützt und vielleicht noch ein wenig darüber hinausgeht.

Zum Abschluss finden sich die Akteure wieder im ersten Raum ein, nehmen vor dem zuvor schon proji­zierten, dreige­teilten Bild in aller Stille Platz und – ja, was? Meditieren vielleicht. Endlich verlischt das Licht. Vom Publikum gibt es freund­lichen Applaus. Der insis­tie­rende Fan, der mit durch­ge­hal­tenem Klatschen für einen erneuten „Vorhang“ sorgt, ist aller­dings so überflüssig wie ein Kropf. Emily Welther hatte eine hervor­ra­gende Idee, hat sie aber mit Gefühls­kälte, mangelnder Fantasie im Bewegungs­ma­terial und eindrucks­vollem Aufwand vertan.

Michael S. Zerban

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