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Wer Veranstaltungen der so genannten Freien Szene in Köln besucht, kommt viel rum. Heute geht es in den Kulturbunker Köln-Mülheim. In den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkriegs von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen als Kirchenbunker erbaut, bot das Gebäude im Alarmfall fast 3.000 Menschen Schutz. Dabei allerdings war der Platzbedarf pro Person mit 60 Quadratzentimetern berechnet. Seit 1991 wird das Gebäude als Kulturzentrum für den Stadtteil Mülheim betrieben, um die „Begegnung verschiedener sozialer Schichten, Nationalitäten und Altersgruppen zu fördern“. Teilweise sind die alten Baustrukturen noch erhalten wie zum Beispiel ein „Zellentrakt“. Drei hintereinander gelegene Räume, in denen die früheren Eingänge zu den Zellen mit damals jeweils sechs Doppelbetten noch erkennbar sind. Die Zwischenwände sind herausgeschlagen, so dass sich drei längliche Räume ergeben, die durch schmale Durchgänge miteinander verbunden sind.
Für Emily Welther offenbar die ideale Örtlichkeit, um ihre neueste Choreografie uraufzuführen. Welther gehört zu den Kulturschaffenden, die ohne Not die Verarmung der deutschen Sprache vorantreiben. Und so trägt nicht nur ihr Werk den unsinnigen Titel OHNE time, sondern auch auf dem Abendzettel sind die „credits“ ohne Not in Englisch aufgeführt, übrigens für drei deutsche Spielstätten, in denen das Stück bis kommenden März gezeigt wird. Macht aber doch nichts. Dafür hält man sich im Text ja auch nicht an die deutsche Rechtschreibung. Bei so viel Fantasie darf man auf die Aufführung gespannt sein.

Schließlich will die Choreografin sich mit dem Thema Zeitorientierung in der heutigen Gesellschaft auseinandersetzen. Oder vielmehr deren Abwesenheit. Was nämlich wäre, wenn wir uns aus dem Korsett der Taktung befreiten, fragt sie. Und sieht den Zeitbegriff dabei bipolar. Das klingt erst mal nach einem Abend voller Spielfreude, entfesselten Geistes und bewegungsfreudiger Visionen. Noch dazu an einem Ort, an dem der Zeitbegriff dereinst mit höchster Eile und Lebensangst verbunden war. Das muss einen doch inspirieren.
Die Begrüßung im „Foyer“ im Erdgeschoss ist freundlich und erzählt schon mal einen ungefähren Ablauf des Abends, ohne allzu viel zu verraten. Dann wird die kleine Besuchergruppe in den ersten Stock geführt. Hier gibt es keine Sitzgelegenheiten. Der schmale Raum scheint bereits gefüllt mit Utensilien. Im ersten Drittel ist ein Stuhl mit einem abgesägten Bein in einem Erdhaufen aufgestellt. Im letzten Drittel hat ein Musiker an einem kleinen Tisch Platz benommen und spielt Lochstreifen ab. Herzliche Grüße aus der Vergangenheit des Computers. Dazwischen einige Kissen und ein kleiner Tisch. Die Zuschauer drängen an den Rand, um zu sehen, was die Tänzerin am schiefen Stuhl macht. Robotergleich steht sie auf und setzt sich wieder. Die Mimik starr. Als der Lochstreifen durchgezogen ist, erlöschen auch die Stand-Projektionen an der Längswand, die zwei Stühle auf einem Feld zeigen, auf dem eine Person unterwegs ist. Barbara Schröer hat die Projektionen entwickelt, die im zweiten Teil sehr viel lebhafter werden. Ebenso wie die Tänzerin. Welther hat nicht nur den Abend gestaltet, sondern tanzt ihn auch selbst. In grauem T‑Shirt, grauen Turnschuhen und grüner Stoffhose könnte sie kaum unspektakulärer daherkommen. Sie hat sich für eine Art minimal dance entschieden. Sowas à la John Cage. Oder vielleicht eher Philip Glass. Marginales Bewegungsmaterial in ständiger Wiederholung und sich steigernder Geschwindigkeit. Dafür, dass das Ganze aus der Zeit gefallen ist, wirkt Welther sehr angestrengt und bemüht sich um größte Ernsthaftigkeit. Spätestens in dieser Gefühlsstarre ist das Thema verschenkt. Immerhin wird die Bipolarität verstanden, wenn sie im ersten Drittel des zweiten Raumes hin- und herrast, zwischen zwei Stühlen hin- und herläuft oder sich auf einer Papierlage entlangrollt und dabei Linien von Anfang bis Ende zieht. Eindrucksvoll ist das Licht. Wolfgang Pütz zaubert mit geringsten Mitteln immer wieder kleine, gekonnte Effekte in den Raum. Das macht Spaß.
Ebenso wie die Musik, die von Daniel Brandl und Giuseppe Mautone beigesteuert wird. Mautone ist der, der sich unendlich geduldig durch den Lochstreifen gearbeitet hat. Danach kümmert er sich um die Perkussion. Brandl zeigt die vielen Spielarten eines Cellos von schräg gestrichenen Tönen bis zum gezupften Instrument und kümmert sich um die elektronischen Zuspielungen. So entsteht ein Konzert, das die Absichten der Choreografin unterstützt und vielleicht noch ein wenig darüber hinausgeht.
Zum Abschluss finden sich die Akteure wieder im ersten Raum ein, nehmen vor dem zuvor schon projizierten, dreigeteilten Bild in aller Stille Platz und – ja, was? Meditieren vielleicht. Endlich verlischt das Licht. Vom Publikum gibt es freundlichen Applaus. Der insistierende Fan, der mit durchgehaltenem Klatschen für einen erneuten „Vorhang“ sorgt, ist allerdings so überflüssig wie ein Kropf. Emily Welther hatte eine hervorragende Idee, hat sie aber mit Gefühlskälte, mangelnder Fantasie im Bewegungsmaterial und eindrucksvollem Aufwand vertan.
Michael S. Zerban