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Foto © Ray Demski

Hauptsache jetzt

ON BODY
(Richard Siegal)

Besuch am
22. Februar 2018
(Urauf­führung)

 

Schau­spiel Köln, Depot 1

Der Choreograf Richard Siegal sammelt Auszeich­nungen und Ehren­titel wie andere Leute Kamelle beim Karne­valszug. Das weckt Misstrauen. Erst recht, wenn man weiß, dass er seine Compagnie Ballet of Diffe­rence erst im vorletzten Jahr gründete. Derzeit gibt es in Köln Gelegenheit, das Geheimnis des „Wunder­knaben“ zu erkunden. Im Schau­spiel Köln kommt die zweite Arbeit der Compagnie zur Urauf­führung. On Body ist eine Kopro­duktion von Schau­spiel Köln, Tanz Köln und Muffatwerk München.

Der dreiteilige Abend setzt sich aus zwei Neube­ar­bei­tungen früherer Arbeiten und der Urauf­führung von Mode for Walking zusammen. Bei BoD, dem ersten Stück, geht es um die künst­le­rische Vorstellung der Compagnie, UNITXT könnte man also so etwas wie das Erweckungs­stück Siegals begreifen. Alle drei Stücke haben eines gemeinsam: Sie zeigen eine vollkommen ungewöhn­liche, faszi­nie­rende Bewegungs­sprache zu zeitge­nös­si­scher Musik, die andere lieber schnell in die Schublade Techn­obeats stecken, und scheuen nicht vor Genre-Grenzen zurück. Das ist grell, schrill, banal bis virtuos, experi­men­tier­freudig bis rauschhaft.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

In BoD, einem Ballett für zehn Tänzer, stellt sich die Truppe vor. Auf einer nichts­sa­genden Bühne, deren Seiten offen sind, eröffnen die Tänze­rinnen und Tänzer das Bewegungs­re­per­toire. Und das ist allen Staunens wert. Von Corps-Auftritten, die mitunter an Saturday Night Fever erinnern, über zeitge­nös­sische Ideen bis hin zu Ballett­ein­lagen samt Spitzentanz und ungewöhn­lichen Figurinen findet sich hier eine Melange, die es so bislang noch nicht gab. Stacca­to­ähn­liche, bisweilen maschi­nen­hafte Bewegungen, die in weichen Biegungen enden, zeitigen überra­schende Effekte, auch wenn das Licht­design von Gilles Gentner da sicher noch einiges mehr hätte heraus­holen können. Die Kostüme von Becca McCharen erinnern an Thermopren-Anzüge mit aufblas­baren Elementen und unter­streichen den avant­gar­dis­ti­schen Eindruck, auch wenn sie an prakti­scher Bedeutung zweifeln lassen. So etwas Fantas­ti­sches im eigent­lichen Wortsinn hat zuletzt Jean-Paul Gauthier erreicht. Mit der Musik hat Siegal DJ Haram beauf­tragt. In eindrucks­voller Stereo­phonie mischen sich hier Klänge, die in jedem Konzertsaal Berech­tigung fänden.

Dem Prinzip der Polyrhythmik widmet sich das Stück Mode of Walking. Hierzu hat der Choreograf „kompo­si­to­rische Vorstudien“ von Lorenzo Bianchi Hoesch anfer­tigen lassen. Die klingen auch vor dem eigent­lichen Auftritt an, wenn ein Pult mit Notebook aufgebaut wird. Das Ganze ist reichlich mystisch, kaum nachvoll­ziehbar und scheint auch wenig notwendig. Denn der Auftritt des Quartetts in „Sackleinen“ und Stiefe­letten ist spekta­kulär genug. Nicht nur, dass die Musik von den Körpern der Tänzer erzeugt wird, bringt auch die Polyrhythmik eine Wirkung, die das Publikum in ihren Bann zieht. Im Mittel­punkt stehen auch hier wieder Claudia Ortiz Arraiza und Margarida Neto. Hinzu gesellt sich Courtney Henry, die mit einem überflüs­sigen und nichts­sa­genden Solo abschließt. Betrachtet man die beiden anderen Stücke, scheint es so zu sein, dass Erstauf­füh­rungen Siegals einer Überar­beitung bedürfen, also lediglich einen Zwischen­stand zeigen, ehe sie ihre ganze Überzeu­gungs­kraft entfalten.

Foto © Ray Demski

Den besten Beweis dafür liefert UNITXT in seiner Neube­ar­beitung. Grandios, was es hier zu den hämmernden Klängen von Carsten Nicolai, die ebenfalls zwischen Konzertsaal und Club changieren, zu schauen gibt. Die Tänzer treten weit hinter die Ausdrucks­kraft und den Einfalls­reichtum des Tanzes zurück. So möchten Mädchen, die nicht an Schwa­nensee und Nussknacker glauben, Ballett tanzen. Modern, kraftvoll, vital, ideen­reich. Spitzentanz und Pirou­etten finden hier ganz selbst­ver­ständlich statt – aber als Teil einer zukunfts­ge­rich­teten Bewegungsform, die nicht von ästhe­ti­schem Parfüm übergossen ist, sondern im Hier und Jetzt statt­findet. Dass Hebungen und einzelne Figuren noch ein wenig hölzern wirken, zeigt, dass hier Entwicklung statt­findet, Neues auspro­biert wird, das nach vorne weist. Siegal gelingt es, zeitge­nös­si­schen Tanz und Ballett so zu kombi­nieren, dass das Ergebnis rauschhaft, aber heutig erscheint.

Das Publikum braucht einen Moment, aus diesem Rausch zurück­zu­kehren in die Wirklichkeit. Wofür Siegal all seine Ehrungen erhalten hat, steht nunmehr außer Frage. Trotzdem gilt der Applaus mehr den Tänze­rinnen und Tänzern. Vielleicht braucht es auch hier etwas Zeit, um den Griff in die Zukunft des Balletts zu verstehen. Und wenn es den Organi­sa­toren gelingt, die zehnmi­nütige Verspätung zu Beginn auszu­merzen und die Pause von einer Dreivier­tel­stunde auf annehmbare 20 Minuten zu begrenzen, steht einem außer­or­dent­lichen Geschehen nichts mehr im Wege.

Neben zahlreichen Tour-Terminen ist das Werk in verkürzter Form noch einmal während der Tanzplattform am Musik­theater im Revier in Gelsen­kirchen zu erleben.

Michael S. Zerban

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