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Foto © O-Ton

Nähe in der Stadt

PARAPROXIMITY
(Jenniger Döring, Philine Herrlein)

Besuch am
4. September 2019
(Urauf­führung)

 

Chlod­wig­platz, Köln

Ich seh mich noch mit dem Damenrad und der Nietenhose an der Theke vom Büdchen auf dem Chlod­wig­platz“, das waren die Worte, mit denen Wolfgang Niedecken einem der bis heute schönsten oder urwüch­sigsten Plätze Kölns 2011 auf dem Album Halv su wild ein Denkmal setzte. Niedecken ist der, der mit seiner Band BAP abseits des Karnevals der Stadt Köln eine eigene Musik gab. Seit Niedecken war in Köln irgendwie alles Tradition. Wer aller­dings heute mit dem Auto nach Köln muss, wird die Stadt nicht wieder­erkennen. Was die Stadt­planer hier veran­stalten, ist der Alptraum, der vielen Städten noch bevor­steht. Kollaps statt Konzept. Für Radfahrer scheint es keine Verkehrs­regeln mehr zu geben, für die Autofahrer an jeder Ecke Kameras, die das Geld für die unsinnige und lebens­ge­fähr­liche Straßen­nutzung der Fahrrad­fahrer einsammeln. Wer nach einem Besuch der Kölner Innen­stadt noch die Kennzeich­nungs­pflicht von Fahrrädern anzweifelt, um sekünd­liche Verstöße anzeigen zu können, sollte sich einer psych­ia­tri­schen Unter­su­chung unter­ziehen. Die Schizo­phrenie geht an den Ringen so weit, dass es hier gleich zwei Fahrrad­spuren in einer Fahrrichtung gibt, die so angelegt sind, dass Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer gleicher­maßen gefährdet sind. Am Chlod­wig­platz einen Parkplatz zu finden, ist Illusion. Es ist schon möglich, dass die nachfol­genden Genera­tionen auf das Fahrrad zurück­greifen, weil sie sich von der Technik eines Automobils überfordert fühlen. Ob das aller­dings recht­fertigt, in die Welt des Neander­talers zurück­zu­gehen, darüber mögen sie selbst entscheiden. Bis dahin ist von einem Besuch der Kölner Innen­stadt dringend abzuraten.

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Es sei denn, Jennifer Döring und Philine Herrlein laden dazu ein, Tanztheater im öffent­lichen Raum zu erleben. Dann sollte man alles daran­setzen, zum Chlod­wig­platz zu finden. Denn dort findet Nebennähe statt. Parapro­ximity nennen die beiden Tänze­rinnen ihr neuestes Stück, das bewusst im und für den öffent­lichen Raum angelegt ist. Und schon vor der eigent­lichen Urauf­führung sind die Erfah­rungen bei den Proben außer­or­dentlich erfreulich, erzählt Herrlein. Der Platz mit dem Severinstor am Kopf- und dem Kreis­verkehr am Fußende ist ein lebhaft besuchter Ort. Zahlreiche Kneipen, eine Drogerie, eine Bäckerei und andere Geschäfte umsäumen den Platz, auf dem sich Fahrräder stapeln wie auf einer Schrott­de­ponie. In der Mitte gibt es eine Freifläche, auf der in den vergan­genen Tagen bei schönstem Sommer­wetter Erstaun­liches passierte. Da probten zwei Tänze­rinnen ihr neues Stück, eroberten mit ihren Kunst­ob­jekten – trans­pa­rente Luftpolster, die aus so genannten Air Lounges entstanden – den gesamten Raum. Passanten hielten inne, schauten zu, suchten das Gespräch, mischten sich ein und wirkten mit. Schöner kann eine Aufführung im öffent­lichen Raum gar nicht sein.

Und jetzt also die Urauf­führung. Am Nachmittag bewölkt sich der Himmel, Windböen verfangen sich im Häuser­kessel, gegen Abend kommt Regen auf. Döring, Herrlein und ihr Team lassen sich davon nicht beirren. Die luftigen Plastik­kissen werden mit Sandsäcken beschwert. Die Veran­staltung findet statt.

Foto © O‑Ton

Unter dem Severin­stor­bogen sammeln sich die Besucher und erhalten Kopfhörer, während Passanten nun nur noch vereinzelt stehen­bleiben, statt­dessen lieber über den Platz hasten, um ins Trockene zu kommen. Komponist Axel Pulgar findet ebenfalls Unter­schlupf unter dem Torbogen und sendet von seinem Notebook aus sphäri­sches Knistern, in das er immer wieder Geräusche mischt, auf die Kopfhörer. So kann der Besucher sich alsbald aus der Wirklichkeit in die Aufführung entfernen. Die Tänze­rinnen vermessen läufe­risch den Platz, suchen die Nähe zu den Fußgängern, um ihnen wie zufällig ein Stück weit zu folgen, eben Nebennähe zu erzeugen. Sie verkriechen sich in den Luftpolstern und schaffen so eine eigene Intimität in der Öffent­lichkeit. Scheitern immer wieder bei ihren gegen­sei­tigen Dialog­ver­suchen. In regen­nasser Kleidung winden sie sich auf dem Kopfstein­pflaster, erkunden so die Nähe des Körpers zum öffent­lichen Raum, erden sich, ohne eine emotionale Mimik zu zeigen.

Dank des Wetters hat sich unter dem Torbogen eine Stehtribüne gebildet, während nur wenige Menschen die übrigen Ränder des Platzes säumen. So wird aus der Eroberung des Raums eher eine Entfernung vom Publikum. Herrlein und Döring müssen impro­vi­sieren. Das gelingt ihnen hervor­ragend. Eine Stunde lang können sie das Publikum, wie in der so genannten Freien Szene üblich eher spärlich erschienen, fesseln, auch wenn die Drama­turgie, gerade nach hinten raus, keinen Höhepunkt, keine Pointe findet. Schließlich entschwinden die beiden hinter dem Tor und entziehen sich so dem wohlver­dienten Applaus. Die verlö­schende Musik zeigt das Ende der Aufführung an. Dabei hätte man gerne den beiden Beifall gezollt, allein schon dafür, dass sie dem Wetter getrotzt haben, aber in erster Linie dafür, dass es ihnen gelungen ist, das Thema Nähe im städti­schen Raum so assoziativ gekonnt umzusetzen.

Zwei weitere Auffüh­rungen sind vorge­sehen. Die werden dann hoffentlich an warmen, regen­freien Abenden statt­finden, um bei freiem Eintritt den Zauber der Bezie­hungs­suche noch zu intensivieren.

Michael S. Zerban

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