O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Ganz schön unwirklich

POSTSCRIPTUM. REVIERHÜNDIN
(Kristóf Szabó)

Besuch am
5. Dezember 2024
(Urauf­führung)

 

F.A.C.E. Visual Performing Arts in der Wachs­fabrik, Köln

Das ist irgendwie surreal“: Ein Satz, den wohl jeder kennt. Meist dient er als Beschreibung eines Zustandes oder Geschehens, was einem irgendwie unwirklich vorkommt. Was hinter dem Surrea­lismus steckt, wissen schon sehr viel weniger Menschen. Dabei lohnt es sich durchaus, sich einmal näher mit dieser Bewegung zu beschäf­tigen. Surreal stammt aus dem Franzö­si­schen und bedeutet so viel wie „über der Wirklichkeit“. In den 1920-er Jahren bildete sich in Paris eine geistige Bewegung, deren Ziel es war, das Bewusstsein und die Wirklichkeit zu erweitern und alle geltenden Werte umzustürzen, um zu neuen Erkennt­nissen auf den Gebieten der Philo­sophie, der Kunst, der Literatur und des Films zu gelangen. Um das zu erreichen, unter­nahmen die Anhänger der Bewegung die unter­schied­lichsten Dinge. So sollte beispiels­weise das Bewusstsein durch Traum, Schlaf oder Rausch­mittel „abgeschaltet“ werden, um Unbewusstes in einem automa­ti­schen, nicht gesteu­erten Schaf­fens­prozess zum Vorschein zu bringen. Erfolge äußerten sich etwa in einer überge­nauen Malweise, Verfremdung oder Kombi­nation unmög­licher Dinge und Zustände, die die Wirklichkeit übersteigen. Seit 1921 führte der franzö­sische Schrift­steller und Kritiker André Breton die Bewegung an. Als Geburts­stunde des Surrea­lismus gilt aller­dings das Jahr 1924, in dem Breton sein erstes Manifeste du Surré­a­lisme veröf­fent­lichte. Mithin feiert der Surrea­lismus in diesem Jahr sein hundert­jäh­riges Bestehen.

Annika Hofgesang – Foto © Oliver Stroemer

Kristóf Szabó ist, das darf man wohl sagen, ein Anhänger des Surrea­lismus. 1999 bis 2000 war er Mitglied einer neosur­rea­lis­ti­schen Künst­ler­gruppe in Köln, hat sich mit dem Thema auch litera­risch ausein­an­der­ge­setzt, insbe­sondere die Schrift­stel­le­rinnen des Surrea­lismus haben es ihm angetan. So nimmt er das Jubiläum gern zum Anlass, seine eigene Arbeit daran auszu­richten und einen „Neuanfang“ zu wagen. Mit Revier­hündin, seinem neuesten Stück, das er für sein Ensemble F.A.C.E. Visual Performing Arts entwi­ckelt hat, beginnt er die Reihe Postscriptum. Dafür hat er zunächst einmal seine langjährige Wirkungs­stätte, das Orangerie-Theater in Köln, verlassen und ist an eine Spiel­stätte zurück­ge­kehrt, die er bestens kennt. Bei Barnes Crossing in der Wachs­fabrik im Kölner Stadtteil Roden­kirchen war er von 2011 bis 2018 künst­le­ri­scher Leiter des Inter­na­tio­nalen Solo-Duo-Tanzfes­tivals. Schon das Entrée mutet eher wie in einem Horrorfilm als bei einem Theater­besuch an. Der Wind treibt Sprüh­regen durch die Dunkelheit. Über eher unbefes­tigte Wege, auf denen sich riesige und tiefe Pfützen gebildet haben, geht es zum Theatersaal. Die Bewegungs­melder, die eigentlich für die abend­liche Beleuchtung sorgen sollen, funktio­nieren nur hin und wieder. Im Foyer des Theaters kämpft ein Ofen wenig erfolg­reich gegen die klamme Kälte an. Das kann man ruhig eine surreale Einstimmung auf das Folgende nennen.

Szabó hat es im Vorfeld angekündigt. Nicht um Licht, sondern um die Dunkelheit soll es in dem neuen Stück gehen. Und so ist es im Saal in der Tat recht duster, so dass sich das skurrile Sammel­surium auf der Bühne erst nach und nach erschließt. Bedeu­tungs­schwanger ist auf der rechten Seite ein Kreuz aufge­stellt. Dahinter hat Ulrich Krähling, der die Bühnen­ideen von Szabó umgesetzt hat, zwei schiefe Ebenen aufgebaut, die nach hinten von Holzgittern begrenzt sind, symbolhaft stehen sie für mensch­liche Behau­sungen. Daneben steht eine Wand aus weißen Würfeln. Die wird benötigt, weil Szabó die schon ein wenig zur Gewohnheit gewor­denen 360-Grad-Projek­tionen von Ivó Kóvacs diesmal durch seine Projek­tionen ersetzt, die auf die Wand beschränkt sind. Links davon im Vorder­grund schließen sich zwei Holzge­rüste an, auf dem einen spinnen­netz­artig ein Seil angebracht, der Fesse­lungs­künstler Krähling aka Boshi Nawa lässt grüßen, auf dem anderen Platz für kleinere Würfel. In der Mitte des Raums aus Würfeln und Stoff ein Felsen.

Maximilian von Mühlen – Foto © Oliver Stroemer

Während Maximilian von Mühlens Stimme erklingt, um aus Die Gesänge des Maldoror von Lautré­amont in einer Übersetzung von Ré Soupault den ersten Gesang vorzu­tragen, huscht ein energe­ti­scher Schatten durch den Raum, der sich später als die Tänzerin Annika Hofgesang entpuppen wird. Das Werk Lautré­a­monts, der gebürtig Isidore Lucien Ducasse hieß, wurde 1846 veröf­fent­licht, ist eines von zweien, die der bereits mit 24 Jahren verstorbene Dichter hinterließ und nahm großen Einfluss auf den Surrea­lismus. Warum, weiß von Mühlen mit balsa­mi­scher Stimme eindringlich und im Vortrag fehlerfrei zu verdeut­lichen. Die kraft­volle, poetische Sprache scheint nicht von dieser Welt. Kurz nach dem Beginn wird von Mühlen sichtbar, um sich hernach in den Hinter­grund zurück­zu­ziehen, während die Gescheh­nisse auf der Bühne ihren Lauf nehmen. Man vermag sich auf die Inhalte des Gesangs nicht recht zu konzen­trieren, aber schließlich will Szabó auch keine Lesung veran­stalten, sondern die Bühne emotio­na­li­sieren. Und das gelingt ihm – auch mit unter­legten Jazz-Klängen, Musik seines Favoriten Salvatore Sciarrino und anderen von der Festplatte – und seinem Team auf im doppelten Wortsinn fantas­tische Weise.

Großartige Bilder entstehen da im Rausch der nächsten knappen Stunde. Fast schon humorvoll die beiden „Beton­köpfe“, darge­stellt von Krähling und Ivan Zilli, die die Unver­bes­ser­lichkeit der Menschheit verkörpern, wenn sie allerlei Unfug treiben. Ines Langel gefällt mit kleiner Sprech­rolle und ihrem Mut zum Auftritt als gehäutete Prosti­tu­ierte, die auch schon mal zum Messer greift, um zu mastur­bieren. Ja, da hört man schon beim Hinsehen den Aufschrei der „woken“ Gemeinde, was dem „alten weißen Mann“ Szabó da wohl Sexis­ti­sches einge­fallen ist. Der hat aller­dings gute Gründe dafür, die eigen­be­stimmte Sexua­lität darzu­stellen, die der Prosti­tu­ierten ebenso wie jedem anderen zusteht, also Vorsicht vor allzu schneller Empörung. Eines der stärksten Bilder, wenn nicht das stärkste Bild des Abends liefert Tänzerin Lili Oksanen als Madonna.

Wenn Szabó zum Ende hin Schau­tafeln mit eigenen Zeich­nungen herein­tragen lässt, die an die surrea­lis­tische Formen­sprache erinnern, nutzt er sie, um den Kreis um Maldoror zu schließen. Damit geht ein ungewöhn­licher wie außer­or­dent­licher Abend zu Ende. Kaum jemand, der hier unberührt bleibt, seine offen­ge­blie­benen Fragen noch mit in die Premie­ren­feier hinein­tragen will. Von diesem Abend wird man sich eine Menge merken. Der Surrea­lismus lebt. Szabó gelingt es, einen Abend zu gestalten, der tatsächlich über der Wirklichkeit schwebt. Und es gibt das durch und durch überzeu­gende Ensemble, das mit seiner Hingabe das Publikum begeistert.

Der Besuch ist trotz der eher inkom­moden Anreise unbedingt empfeh­lenswert. Die Möglichkeit dazu gibt es noch am 6. Dezember um 19 Uhr und am 8. Dezember um 15 und 19 Uhr.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: