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THE RAPE OF LUCRETIA
(Benjamin Britten)
Besuch am
22. Mai 2018
(Premiere am 17. Januar 2016)
Die weiten Räumlichkeiten der Kölner Interimsspielstätten im Staatenhaus bieten Platz für kreative Einfälle in Inszenierung und Bühnenbild. Und so wird bei der Wiederaufnahme von Benjamin Brittens Kammeroper The Rape of Lucretia unter der Leitung von Kai Anne Schuhmacher das Publikum in zwei Hälften aufgeteilt, getrennt durch das Orchester und um die rautenförmige Bühne verteilt, die nahtlos in den Zuschauerraum übergeht. Das führt zwar zum einen dazu, dass das Publikum nur die Hälfte der Darbietung tatsächlich genau verfolgen kann, umso unmittelbarer ist aber der Kontakt zum Zuschauer, wenn die Sänger sich an ihn wenden.
In der im Grunde klassischen Erzählung streiten sich die römischen Generäle Collatinus, Junius und der Etruskerprinz Tarquinius über die Treue der Frauen während des fortwährenden Feldzuges gegen die Griechen. Nur Lucretia, die Frau des Collatinus, blieb treu, weshalb sie von dessen Kameraden als Keuschheitsideal verehrt wird. Einer Intrige des Junius folgend, reist der Ursupatorsohn Tarquinius zu Lucretia. Sie verehrend und begehrend, versucht er sie zu verführen. Als das nicht gelingt, nimmt er sie mit Gewalt. Allem guten Zusprechen ihres Gatten zum Trotz kann Lucretia mit dieser Schande nicht leben und begeht Selbstmord.
Britten komponierte den männlichen und weiblichen Chor als Solosänger, die einem antiken Erzähler gleich durch die Handlung führen und teilweise auch die Dialoge der Charaktere fortführen. Doch in Schuhmachers Aufführung scheinen die Chöre auch zu versuchen, Einfluss auf die Handlung zu nehmen. So umgeben sie die handelnden Personen, leiten ihre Bewegungen, oder versuchen sie an Aktionen zu hindern. Insgesamt ergibt sich so der Eindruck, dass der tatsächliche Konflikt zwischen den beiden Chören stattfindet. Der männliche Chor hat dabei eine dominante Rolle inne, sein weiblicher Gegenpart ist verängstigt und devot. Lederzeug und Leine unterstützen das Verhältnis visuell.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
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Doch die Rollenverteilung kippt im Verlaufe der Handlung. Die namengebende Vergewaltigung erscheint als ein Wendepunkt, an dem der weibliche Chor, seiner Fesseln entledigt, selbstbewusst dem männlichen Chor entgegentritt, der entsetzt die von ihm heraufbeschworene Katastrophe zur Kenntnis nimmt. Gleichwohl konnte auch sie den Selbstmord nicht verhindern und fragt desillusioniert, ob das denn alles sei.
Die Vergewaltigung selbst versucht Schuhmacher uneindeutig zu halten. Lucretia scheint im Vorfeld dem Tarquinius nicht abgeneigt zu sein, was auch dem Libretto schon entnommen werden kann. Für den Akt selbst verschwinden die Akteure in einem weißen Zelt, in dem man ihre Schatten sieht, die verzweifelt gegen die Wände des Zeltes ankämpfen.
Wie auch immer Lucretias Einstellung zu Tarquinius zunächst war, hat er ihr offenkundig Schande zugefügt, so dass sie nur den Suizid als Lösung sieht. Obwohl die Premiere bereits über zwei Jahre zurückliegt, lässt sich das im Rahmen der #metoo-Debatte als Kommentar darauf verstehen, wie Männer ein „nein“ von Frauen nicht akzeptieren, besonders wenn sie das Gefühl hatten, die Frau sei interessiert gewesen.
Über die gesellschaftliche Komponente legt Schuhmacher in ihrer Inszenierung einen mysteriös-religiösen Nebel, der mit teilweise plakativer, aber auch subtiler Symbolik arbeitet. So ist zum Beispiel der eigentliche Orchideenkranz, den Lucretia am Ende des zweiten Aktes bindet, eine Dornenkrone geworden. Auch werden sämtliche Blumen nach der Vergewaltigung ihrer Blüten beraubt. Der Teich, der einen Großteil der Bühne einnimmt, ist so seicht, dass die Protagonisten mühelos hindurchgehen können und dabei so wirken, als würden sie über das Wasser laufen. Während das Wasser zu Beginn so ruhig und spiegelglatt ist, dass es gar nicht als solches wahrgenommen wird, werfen die Schauspieler im Laufe der Oper immer mehr Gegenstände hinein und verunreinigen es so.
Unausgewogen wirkt die Inszenierung hingegen, wenn die religiöse Note konterkariert wird. Während einer Anrufung an die Gottesmutter Maria setzt sich der männliche Chor ein Birett auf, entzündet Weihrauch in einer Konservendose und verbrennt lachend Liebesbriefe des Collatinus. Zu Beginn der Oper wird auch ein Teil von Jimmy Carters Grußbotschaft auf der Voyager Golden Record zitiert, ohne dass dieses Element konkret wieder aufgegriffen wird.

Dennoch ist die Aufführung insgesamt rund und stimmig, die Kostüme und die Bühne vermitteln ein der Wirklichkeit entrücktes Bild, dass sich zeitlich nicht einordnen lässt, aber durch einfache Mittel wie Licht und Nebel und die schiere Größe und Tiefe der Bühne sehr beeindruckt. Durch die Reduktion auf einen Teich mit einer Insel und einem Strand stechen die wenigen verwendeten Requisiten wirkungsvoll hervor. Die fehlende Abtrennung zwischen Bühne und Publikum lässt das Spiel der Charaktere sehr eindrucksvoll und ungefiltert wirken.
Die Sänger, von denen zwei Mitglieder des Opernstudios sind, zeichnen sich ausnahmslos durch eine hervorragende Leistung aus. Die in Rhythmus, Harmonik und Dynamik komplexen Gesangspartien sind passend besetzt und harmonieren untereinander. Obwohl die Sänger sich immer wieder zu der jeweils anderen Publikumshälfte drehen müssen, verliert sich der Gesang nicht oder wird unverständlich. Besonders Judith Thielsen als Lucretia bezaubert in Spiel sowie Gesang und bringt dem Zuhörer den völligen Absturz der stolzen Ehefrau greifbar nahe. Dino Lüthy und Ivana Rusko, die beiden Chöre, können durch ein starkes Mimikspiel und präzisen Gesang ihr stellenweise etwas zu plakatives Schauspiel ausgleichen, das aber wohl auch durch die Inszenierung bedingt ist.
Während Matthias Hoffmann einen rundum überzeugenden Collatinus gibt, fällt Wolfgang Schwaiger als Junius gesanglich minimal ab, ist aber gerade im Schauspiel sehr präsent und beeindruckend. Erst zum Ende schließt er auch im Gesang zu seinen Kollegen auf. Tarquinius wird gespielt von Insik Choi, der auch gesanglich zu überzeugen weiß und seiner Figur eine deutlich tiefgründigere Note verleiht. Der Prinz scheint stetig mit sich selbst zu ringen und flieht verstört über sein eigenes Handeln aus dem Haus von Collatinus und Lucretia. Als die heimlichen Stars der Aufführung entpuppen sich Helena Köhne als Bianca und Maria Kublashvili als Lucia, die beiden Dienerinnen der Lucretia. Mit einer tadellosen Gesangsleistung und tollem Spiel machen sie erst die Freude und den Verfall der Lucretia deutlich.
Auch das Kammerorchester unter der Leitung von Rainer Mühlbach scheint spielend mit der komplizierten Partitur fertig zu werden. Leider kommt die Musik durch die besondere Aufteilung stets nur von einer Seite, wodurch sie etwas von den Sängern entkoppelt wird. Gelungen hingegen ist die Idee, die Harfe im ersten Akt auf der Insel in der Mitte der Bühne zu platzieren, dadurch entsteht eine interessante Dynamik zwischen Bühne und Orchester. Durch Bildschirme an den Seiten der Bühne können die Sänger, aber leider auch das Publikum, den Dirigenten sehen und so stets im Takt bleiben.
Das Publikum wird in den knapp 100 Minuten gut unterhalten. Begeisterungsstürme bleiben allerdings aus, was wohl auch dem Umstand verschuldet ist, dass nur knapp die Hälfte der Sitze belegt ist.
Sebastian Heuckmann