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Vergewaltigung im Konzertsaal

THE RAPE OF LUCRETIA
(Benjamin Britten)

Besuch am
26. April 2019
(Premiere)

 

Hochschule für Musik und Tanz Köln, Konzertsaal

Wenn man etwas Positives an der Causa Siegfried Mauser sehen kann, dann ist es, dass andere Musik­hoch­schulen ihren Zeige­finger nicht nach München recken, sondern sich an die eigene Nase fassen und die eigenen Struk­turen überprüfen. Mauser musste als Präsident der Hochschule für Musik und Theater München 2014 seinen Hut nehmen, weil Vorwürfe wegen sexueller Nötigung laut geworden waren. Inzwi­schen ist der Musik­wis­sen­schaftler mehrfach rechts­kräftig verur­teilt. Die Hochschul­rek­to­ren­kon­ferenz hat Ende April vergan­genen Jahres eine Empfehlung „gegen sexua­li­sierte Diskri­mi­nierung und sexuelle Beläs­tigung an Hochschulen“ ausge­sprochen, die aller­dings an Allge­meinheit kaum zu überbieten ist. Einige Univer­si­täten wie Bielefeld, Greifswald oder Trier haben mittler­weile Richt­linien gegen sexua­li­sierte Diskri­mi­nierung und Gewalt erlassen. Das klingt alles nach dem allgemein üblichen Krisen-Aktio­nismus, fehlt nur noch der Ruf nach der Gründung einer Arbeits­gruppe. Aber das Thema ist an den Musik­hoch­schulen weiterhin virulent.

An der Hochschule für Musik und Tanz Köln hat man in diesem Jahr nicht nur die Opern­auf­führung diesem Thema gewidmet, sondern auch gleich noch ein ganzes Rahmen­pro­gramm in Form von Ausstel­lungen zusam­men­ge­stellt, das die Gleich­stel­lungs­be­auf­tragte der Stadt Köln finan­ziell unter­stützt. Die an der Oper teilneh­menden Studenten haben neben den ohnehin anstren­genden Proben auf ihren Facebook-Seiten noch mit zusätz­lichen Videos auf die Insze­nierung aufmerksam gemacht. Erfolg ist der Lohn der Mühen. Der Konzertsaal der Hochschule ist bei der Premiere bis auf den letzten Platz besetzt.

Gabriele Rech, Regis­seurin und Profes­sorin für szeni­schen Unter­richt und Projekt­ko­or­di­nation am Aachener Standort der Kölner Musik­hoch­schule, hat sich für Benjamin Brittens The Rape of Lucretia – die Schändung der Lucretia – entschieden. Brittens erste Kammeroper, das Libretto verfasste Ronald Duncan, wurde ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Glynde­bourne urauf­ge­führt. Gerade mal dreizehn Musiker sind notwendig, um die Geschichte um Macht­miss­brauch und eine Verge­wal­tigung zu erzählen. Stephan E. Wehr, Prodekan für den Fachbe­reich Musika­lische Leitung Musik­theater, hat ein formi­dables Ensemble zusam­men­ge­stellt, dazu später mehr.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Während Rech mit Finger­spit­zen­gefühl an das Thema heran­gehen muss und auf die emotio­nalen Erkennt­nisse ihrer Studenten während der Proben intensiv eingeht, kümmert sich Tobias Flemming um Bühne und Kostüme. Die Vorgabe, die histo­rische Handlung so ins Bild zu nehmen, dass die Paral­lelen zur Gegenwart deutlich werden, setzt er brillant und mit Blick für Größe um. Die Seiten­flügel des Konzert­saals sind mit riesigen Planen abgehängt, die das Leitmotiv der Insze­nierung zeigen: die malträ­tierte Hand, die für das Leid Christi steht und auch auf den Plakaten zu sehen ist. In den Planen zwei Ausgucke, von denen aus die Erzähler einen Teil ihrer Aufgaben wahrnehmen. In der Bühnen­mitte ist das Orchester um den Flügel herum gruppiert und breitet sich mit Kontrabass und Harfe auf der einen Seite, mit umfang­reichem Schlagwerk zur anderen Seite aus. Davor und dahinter sind Messing­betten aufge­stellt. Letztere stehen schräg auf der Tribüne, die zum Hinter­grund führt, einer Nische, die mit einem Gaze-Vorhang abgetrennt werden kann. Auf dem Vorhang sind zwischen­zeitlich assoziative Projek­tionen zu sehen, die aller­dings kaum erkennbar werden. Das Bühnen­ge­schehen sorgt außerdem dafür, dass man das Interesse an den verwa­schenen Bildern schnell verliert.

Foto © Christian Nielinger

Die Kostüme hat das Theater Krefeld Mönchen­gladbach zur Verfügung gestellt. Auch hier steht neben der fanta­sie­vollen Ausstattung die Zeitlo­sigkeit im Vorder­grund. Zwar dürfen die Krieger im martia­li­schen Leder auftreten, für Lucretia gibt es das obligate Seiden­nachthemd, ansonsten aber unter­bleiben typische Bezüge. Und wenn Tarquinius zur Verge­wal­tigung schreitet, trägt er schwarzes Hemd und schwarze Hose, wie es etliche Berufs­gruppen der Gegenwart bevor­zugen. Thomas Vervoorts setzt das Geschehen in überwiegend passendes Licht.

Rech kümmert sich derweil darum, dass die Studenten den drama­ti­schen Spannungs­bogen weiter aufbauen. Alle Akteure bleiben während der gesamten zwei Stunden Spielzeit auf der Bühne. So entstehen schöne tableaux vivants. Die Erzähler mischen sich in die Handlung ein, großartig. Und zum Schluss gibt es noch eine gelungene Überra­schung. Dass sich dabei alles im züchtigen Rahmen bewegt, darf man bei dieser Thematik schon disku­tieren. Keiner will nackte Studenten über die Bühne hüpfen oder gar kopulieren sehen. Aber zwischen exzessiv und brav gibt es eine breite Palette an Möglich­keiten, die Rech nicht mal beim Ableben von Lucretia ins Auge fasst. Das ist dann angesichts der drama­ti­schen Thematik und der Bedeutung, die für die Hochschule beschworen wird, doch ein bisschen arg zahm.

Foto © Christian Nielinger

Dabei sind die Studenten ja zum Äußersten entschlossen. Man muss schon wissen, dass es Lernende sind, die hier den Abend gestalten. Tatsächlich gibt es die Kleinig­keiten, die sie zu den Profis unter­scheiden. Hier herrschen Unbefan­genheit und Taten­drang vor. Der Held des Abends ist, wenn auch mit knappem Abstand, der Tenor Taejun Sun, der als Erzähler auftritt. Fein nuanciert in der Stimme und mit schau­spie­le­ri­schem Talent, aber auch mimisch deutlich, treibt er die Handlung voran. Stets großartig sekun­diert von Sopra­nistin Anna Graf, die sich zudem noch sehr empathisch zeigt. Maximilian Haschemi geht mit der undank­baren Rolle des Collan­tinus souverän um und überzeugt mit einem angenehm klingenden Bass, den man künftig auch gern in anderen Rollen hören möchte. Tarquinius wird sehr überzeugend vom Bariton Daegyun Jeong gegeben. Bei ihm verschmelzen Gesang und Rolle zu einer Einheit. Sandra Gerlach übernimmt die Lucretia. Es ist keine Lucia di Lammermoor, aber im Rahmen der Rolle überzeugt auch die Mezzo­so­pra­nistin, die hier gelungen das Altis­tinnen-Fach übernimmt. Benjamin Hewat-Craw zeigt einen martia­li­schen Junius, der als Bariton gefällt. Auch Tong Zhang als Bianca und Rosha Fitzhowle bringen sich adäquat in das Geschehen ein.

Werth dirigiert nicht nur – und zwar ganz bewusst auch die Sänger – sondern spielt auch die Klavier-Passagen ein. Das kann er, weil er über hervor­ra­gende Nachwuchs­mu­siker verfügt, die mit einer unglaub­lichen Souve­rä­nität überzeugen. Wenn hin und wieder die Sänger überdeckt werden, liegt das eher am Dirigenten als an den Musikern. Die Solisten jeden­falls begeistern. Da ist kein Unter­schied mehr zu den Menschen zu hören, die im Berufs­leben stehen. Großes Kompliment auch hier.

Für die Überti­telung hat man Josephine Winters von der Oper Köln gewinnen können. Da hätte es die Mühe gelohnt, auch mal von den oberen Rängen aus den Monitor zu kontrol­lieren. Der ist nämlich hier von den Schein­werfern verdeckt. So darf man sich dann freuen, dass Martin Lindsay sich um die Englisch-Kennt­nisse der Sänger gekümmert hat.

Das Publikum besteht dankenswert aus zahlreichen Kommi­li­tonen und natürlich auch vielen Famili­en­mit­gliedern. So fällt der Applaus tosend aus, Bravo-Rufe einge­schlossen. Nach einem solch gelun­genen Abend aller­dings ist der Beifall mehr als gerecht­fertigt. Das Engagement aller Betei­ligten, also auch der Verant­wort­lichen für das Begleit­pro­gramm, hat sich gelohnt. Bleibt zu hoffen, dass die Auffüh­rungen am kommenden Wochenende genauso gut besucht sind. Verdient haben die Studenten es allemal. Sternchen gibt es hier übrigens allen­falls für die großar­tigen Leistungen und nicht für Geschlechter.

Michael S. Zerban

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