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Foto © O-Ton

Schweißspuren auf Glas

ROCKABY
(Andrea Bleikamp)

Besuch am
25. Februar 2019
(Premiere am 16. Januar 2015)

 

Wehrt­heater im Labor Projekt­ga­lerie in der Ebert­platz­passage, Köln

In den 1980-er Jahren war der Ebert­platz bedeutsam. Wenn man ihn erreicht hatte, wusste man, dass man rechts abbiegen musste, um auf den Hansaring zu kommen. Denn dort befand sich der wichtigste Platten­ver­käufer der Welt. Ein riesiger Laden, in dem man Schall­platten zu großar­tigen Preisen bekam. Inzwi­schen längst zur Kette mutiert, gibt es dort heute alles, was mit Strom läuft. Aber die Faszi­nation von damals ist längst dahin. So wie auch die vom Ebert­platz. Früher ein Hafen, später Adolf-Hitler-Platz, dann Opfer einer verun­glückten Stadt­planung. 1977 wurde der Platz in seiner heutigen Form geschaffen. Abgesenkt, um ihn vorm Verkehrslärm zu schützen, mit einem Spiel­platz und einer unter­ir­di­schen Passage versehen. Wie es der Archi­tektur jener Zeit entspricht, herrscht Sicht­beton vor. Ein Spring­brunnen war lange Zeit ebenso still­gelegt wie die Rolltreppen. Alkohol­ab­hängige Menschen und Drogen­dealer beherrschten das Bild des einst so ambitio­nierten Platzes. Zwischen­zeitlich fiel den Kölnern nichts Besseres ein, als den Platz zuzube­to­nieren. Daraus wurde nichts.

Ein Kinder­spiel­platz wurde einge­richtet, um die Anlage zu beleben, die so genannte Freie Szene versucht gemeinsam mit Kunst­ga­lerien, den Platz zu einem künst­le­ri­schen Ort zu entwi­ckeln. So richtig funktio­niert das alles nicht. Man braucht viel Glück, um einen Parkplatz zu finden. Der Weg führt den Besucher in eine unwirk­liche Welt. Über tote Rolltreppen geht es in die unter­ir­dische Ebert­platz­passage mit ihren zwei Galerien und dem Labor Projekt­ga­lerie. Letzt­ge­nanntes ist ein ehema­liges von sieben Laden­lo­kalen. Vor dem Laden wird die Szene in unwirk­liches Neonlicht getaucht, zwei Großplakate schmücken die Wände.

Nein, hier geht man nicht freiwillig hin. Allen­falls schnell durch die Passage hindurch, um ein anderes Ziel zu erreichen. Die Archi­tektur ist brutal, menschen­feindlich und bunkerhaft. Für diesen Ort Kunst zu erfinden, heißt, die Hoffnungs­lo­sigkeit der Welt zu akzeptieren.

Hier führt Andrea Bleikamp ihr Stück Rockaby auf, das am 16. Januar 2015 im Kunst­salon in Köln Urauf­führung feierte. Grundlage des Werks ist ein Text von Samuel Beckett, den er 1980 für die State University of New York schrieb. Ein Einakter, in dem eine Frau regungslos im Schau­kel­stuhl ihrer verstor­benen Mutter sitzt, dessen wippende Bewegung immer dann wie von Geisterhand angestoßen einsetzt, wenn sie nach mehr verlangt. Am Schluss des Stücks kommt das Schaukeln allmählich zum Still­stand, während die Frau stirbt. Bleikamp will den Text vertanzt sehen, um trotz scheinbar alles beherr­schender Technik die Ausweg­lo­sigkeit eines Lebens aufzu­zeigen. Die Choreo­grafie entwi­ckelt sie zusammen mit der Tänzerin Bibiana Jimenez, für die Ausstattung sorgt Claus Stump.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Das Labor Projekt­ga­lerie ist mit Stühlen vollge­stellt, die zur Scheibe hin ausge­richtet sind. Hinten links hat Timo Reuber seine Musik­anlage aufgebaut. Der Raum ist überfüllt. Es gibt längst nicht für alle Sitzplätze. Im Raum, aber auch vor dem Laden­lokal sind Lautsprecher aufge­stellt, die den Ort mit einer ausrei­chenden Beschallung versorgen.

Bibiana Jimenez – Foto © Frank Erler

Von rechts taucht Jimenez vor der Scheibe auf. Sie trägt ein silber­far­benes Lamett­akleid mit neongrünen Schul­ter­trägern, über das sie eine Plastik­nop­pen­folie gewickelt hat. Ihre feinen Gesichtszüge scheinen wie versteinert. Aber das ist erst der Anfang. Die Tänzerin nimmt mit der Scheibe Kontakt auf, den sie in den folgenden 40 Minuten inten­si­vieren wird. Sie wird ihr Gefühls­leben auf einer Glasscheibe unter­bringen – und dort wird es als Schweiß­spuren zurückbleiben.

Während sich Jimenez überzeugend bis zur schein­baren Ekstase verausgabt, reicht die Musik von zarten Tönen bis zu harten Rockbeats, Textauszüge werden von Anja Laïs ebenfalls aus der Konserve perse­ve­riert. Trotz der sehr inten­siven Atmosphäre will die Konzen­tration nicht so recht gelingen. Denn vor der Scheibe kommen Zuschauer hinzu, die fotogra­fieren und filmen, nicht wissend, was sie da gerade erleben. Aber den meisten scheint zu gefallen, was sie sehen. Eine Tänzerin vor einem Laden­lokal, in dem sie eine Unmenge Zuschauer anstarren. Einige gehen weiter, vielen verharren vor dieser absurd erschei­nenden Szenerie. Das Publikum als Kulisse. Davor alte Männer, die da etwas ganz anderes als Kunst sehen. Dazwi­schen der attraktive Körper der Tänzerin, die ihre Lippen, Augen, Hände und Füße bis zur Unkennt­lichkeit an die Glasscheibe presst. Hier scheinen sämtliche Reali­täts­ebenen zu verschwimmen.

Bibiana Jimenez schreitet nach einer eindring­lichen Darbietung langsam von dannen. Ob sie dem Tod entge­gengeht oder in die Unend­lichkeit entschwindet, in der es mögli­cher­weise doch noch Hoffnung gibt, bleibt offen. Und während sich die Zuschauer vor dem Laden­lokal unauf­fällig davon­stehlen, gibt es drinnen einen kurzen wie herzlichen Applaus. Auf dem Rückweg steigt ein junger Mann die still­ge­legte Rolltreppe hinab. „Verkaufen Sie Gras?“, fragt er.

Michael S. Zerban

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