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Lassen Sie uns über Kommunikation sprechen. Eine ziemlich abfällige Meinung dazu äußert Richard Siegal in seinem neuen Stück Roughhouse. Und er findet Unterstützung beim Systemtheoretiker Niklas Luhmann. Dazu später mehr. Roughhouse ist ein mehrdeutiger Begriff, der im Deutschen einerseits Misshandeln und andererseits ein raues Spiel zwischen Erwachsenen und Kindern meint. Lustig ist an roughhouse jedenfalls nichts. Ursprünglich sollte das neueste Werk des Choreografen Crossover heißen, weil er gerne Schauspieler und Tänzer zusammenbringen wollte. Als ihm das gelang, war dem Choreografen die Grundidee nicht mehr ausreichend. Und so wird es rau.
„Es beschreibt eine Art zu spielen, die normalerweise zwischen Kindern oder zwischen Erwachsenen und Kindern stattfindet, wobei der Spaß darin besteht, sehr aggressiv zu sein, natürlich unter der Bedingung, dass niemand verletzt wird“, erklärt Siegal den Begriff und damit das Konzept seines ersten selbstgeschriebenen Theaterstücks. Ein Werk, in dem man die Handlung vergebens sucht, sich ganz auf die eigene assoziative Kraft verlassen muss – und kann. Sprache, von der es hier reichlich gibt, die von albernen TV-Talks bis zur Orestie reicht, führt nicht weiter. Wabert zwischen politischer Korrektheit und Poesie, zwischen Kampfgebrüll und Irreführung des Publikums. Luhmann negiert gar die Wirksamkeit von Kommunikation außerhalb eines konkreten situativen Rahmens. Siegal versucht, das zu belegen, indem er Interessengruppen in unterschiedlichen Themengebieten aufeinanderprallen lässt. Beiden fehlt die Glaubwürdigkeit, weil sie Kommunikation lediglich als Äußerung, aber nicht als Auseinandersetzung verstehen. Auch wenn Siegal die scheinbare Bestätigung in einem amerikanischen Präsidenten findet, der nahezu täglich sprachliche Tabus bricht, wird es dadurch eher falsch als richtig oder konstruktiv. Aber immerhin bringt er damit vielleicht eines der größten Missverständnisse unserer Tage aufs Tapet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Gemeinsam mit Jens Kilian hat Siegal eine Bühne entwickelt, auf der sich Schauspieler und Tänzer nach Herzenslust austoben können. Am rechten Bühnenrand ist die Technik inklusive Kameras und die Soufflage eingerichtet. Im Hintergrund und am linken Bühnenrand sind Papierwände aufgestellt, die sowohl Videoprojektionen als auch knalligen Effekten dienen, wenn die Akteure Wände durchbrechen. In der Bühnenmitte sind dicke Turnmatten ausgelegt, die nach Bedarf in ihrer Lage verändert werden. Flora Miranda hat fantasievolle Kostüme anfertigen lassen, die sich den jeweiligen Situationen und Befindlichkeiten anpassen. Beim Licht hätte Gilles Gentner sich gern mehr einfallen lassen dürfen, was sich angesichts zahlreicher Koproduktionspartner aber wohl eher verbietet. Verfolgt man die Trends der vergangenen Jahre, wird hier wohl in Zukunft ohnehin weniger zu erwarten sein. Schließlich muss inzwischen nahezu jede Aufführung auf eine Vielzahl von Bühnen mit unterschiedlichster Technik passen – und da hilft ja immer der kleinste gemeinsame Nenner. Auch Lea Heutelbeck hält sich mit der Videotechnik eher zurück. Ein paar Hintergründe auf der Papierwand, zwei Monitore, die bespielt, aber weniger beachtet werden, weil glücklicherweise das Geschehen auf der Bühne die Zuschauer in seinen Bann zieht.

Und hier gibt es eine Menge zu sehen. Das pralle Leben bricht sich Bahn. Aktivistengruppen treffen auf Fernsehlieblinge, Angreifer werden zu Besiegten, im Film versagt die Crew angesichts der Vorstellungen eines Regisseurs. Die einzelnen Szenen haben keine Bedeutung, aber sie werden überzeugend und engagiert gespielt, getanzt, gesprochen und dargestellt. In der Besetzungsliste wird bewusst die Ausbildung beiseitegelassen. Aber natürlich identifiziert man eine Claudia Ortiz Arraiza, die sich in die Opferrolle begibt, oder eine Courtney Henry, die sich immer wieder mit dem Rassismus beschäftigt, als Tänzerin. Eindrucksvoll eine Margarida de Abreu Neto, die sich mit schmaler Figur gekonnt in Szene setzt. Marlene Goksch zeigt sich ebenso extrovertiert wie Nicola Gründel. Die Damen drängen nach vorn, ohne die Herren zurückzulassen. Yuri Englert, Stefko Hanushevsky, Sean McDonagh und Diego Tortelli mischen sich immer wieder lustvoll, aber vergebens in die Szenerie ein. Am Ende des weit über eine Stunde hinausreichenden Abends bleibt ein buntes Kaleidoskop, das nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass wir die Kommunikation nicht leichterdings über Bord werfen dürfen. Weder so genannte Soziale Medien noch politische Parteien noch Regisseure haben das Recht, die Kommunikation auf Äußerungen zu reduzieren.
Daran ändert auch nicht die begleitende, mitunter effektvolle Musik, die Lorenzo Bianchi Hoesch zum Stück erfunden hat, nichts.
Die zweiflerischen Stimmen, die am Ende im Publikum aufkommen, sind nicht ganz ungerechtfertigt, wenn man das Stück auf eine konkrete Botschaft hin untersucht. Lässt man sich allerdings auf die assoziative Arbeit des Regisseurs und Choreografen ein, wird man mit dem Stück viel Spaß haben und sich anschließend die Diskussion wünschen, die dem Stück folgen muss.
Das Publikum applaudiert brav und die Diskussionen halten im Hinausgehen an. Was kann sich ein Theatermensch mehr wünschen?
Michael S. Zerban