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Foto © Jana Ludwig

Dichtertod im Kaufhaus

DAS SCHIFF
(Ulbe Produktion)

Besuch am
30. November 2017
(Urauf­führung)

 

Ulbe Produktion, Basis­lager, Köln

Wenn Menschen mit beson­deren Fähig­keiten besonders früh aus dem Leben scheiden, neigen die Hinter­blie­benen zu Glori­fi­zierung und Legen­den­bildung. Ein schönes Beispiel dafür ist Thomas Chatterton. Als Sohn eines Küsters wurde er 1752 in Bristol geboren. Nach dem Besuch einer Armen­schule nahm er mit vierzehn Jahren eine Anstellung als Schreiber bei einem Rechts­anwalt an. Kurz darauf legte er Gedichte vor, von denen er behauptete, sie stammten aus dem 15. Jahrhundert von einem Mönch namens Rowley. 1770 wurde der Sonderling entlassen und ging nach London. Noch im selben Jahr vergiftete er sich selbst.

Längst ist bekannt, dass die genialen Gedichte von Chatterton selbst stammen. Von der Nachwelt wurde er als jugend­licher Rebell gegen die Gesell­schaft gefeiert. 1955 verar­beitete Hans Henny Jahnn die wahre Geschichte zur Tragödie Thomas Chatterton. Und auf Grundlage dieses Werkes entstand jetzt die begehbare Theater­in­stal­lation Das Schiff von Bettina Eberhard und Ulrike Schwab.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Köln-Neueh­renfeld. Irgendwo in der Nähe der Äußeren Kanal­straße. Es ist ein regne­ri­scher, trüber Novem­ber­abend. Eine alte Fabrik­halle ist das „Basis­lager“ des Vereins Bürger für Obdachlose. Ein Kaufhaus, in dem Waren aus zweiter Hand zu Niedrig­preisen angeboten werden. Beschäftigt sind hier tagsüber für den so genannten ersten Arbeits­markt schwer vermit­telbare Arbeits­kräfte. Jetzt ist keiner von denen da. Weder Anbieter noch Abnehmer. Es gibt kaum etwas Tristeres als ein Kaufhaus außerhalb der Öffnungs­zeiten. Die ganze Sinnlo­sigkeit einer überbor­denden Warenwelt ist sorgsam angeordnet. Polster­gruppen im Zentrum des Erdge­schosses, zu beiden Seiten Regale, angefüllt mit Büchern, Spiel­waren, Haushalts­ge­räten. Zwei Heimorgeln zu 100 und 260 Euro stehen da. Warum sind die nicht längst verkauft? Textilien im Unter­ge­schoss. Auf den „Aktions­flächen“ gibt’s jetzt Weihnachts­ar­tikel. Damit hier alles möglichst echt aussieht, so wie in der „ersten Welt“. Es gibt sie längst, die andere Welt in Deutschland. Bei aller wohlfeilen Absicht des Basis­lagers, die hier unbestritten sein soll: Dass sich diese andere Welt auch gleich wieder im System einrichtet, stimmt nachdenklich.

In einer solchen Atmosphäre bekommt die Geschichte eines Menschen, der sich von der Gesell­schaft abschottet, einen Herrn Aburiel als inner­lichen Gesprächs­partner erfindet, noch mal ein ganz anderes Gewicht. Denn hier verkehren nicht die, die um das Goldene Kalb tanzen, sondern die, die um die eigene Existenz kämpfen. Nicht die, die über neue Geschäfts­mo­delle in Luxus­pa­lästen parlieren, sondern die, die keine Zeit mehr für das große Ganze haben, weil sie im ganz Kleinen mit dem eigenen Alltag beschäftigt sind. Ist das die Ebene, auf der Chatterton sein Leben fristete? Mit einem Lohn, der ihm die geeignete Kleidung, aber schon keinen ordent­lichen Haushalt mehr erlaubte, sind wir wohl nahe dabei.

Die Besucher werden zunächst mit Sender und Kopfhörer ausge­stattet – und dann im Raum stehen­ge­lassen. Es gibt weder Hinweise darauf, worauf in dem „Schiff“, als solches sehen Eberhard und Schwab den Ort, zu achten ist, wie man sich verhalten oder vielmehr bewegen soll. Also setzen sich die meisten Gäste oder verharren an selbst­ge­wählten Plätzen und verpassen schon die ersten Spiel­sta­tionen. Technische Schwie­rig­keiten werden effektiv ausge­räumt, so dass das Publikum alsbald der Tonspur auf dem Kopfhörer folgen kann. Da gibt es die fragmen­ta­rische Erzählung von Jahnns Geschichte, durch­mischt mit sphäri­schen Klängen von Nicola Leonard Hein. Zwischen­durch wechselt sie auf die Lautsprecher. Drama­tur­gisch nicht nachvoll­ziehbar, aber eine nette Abwechslung. Auf der ständigen Suche nach dem, was auf diesem Schiff als Synonym der Gesell­schaft, auf dem sich Chatterton als „Blinder Passagier“ bewegt, ansonsten zuträgt, fehlt bisweilen die Konzen­tration auf das Geschehen im Hörspiel, auch wenn Venus Madrid als Sprecher außer­or­dentlich gefällt.

Burcin Keskin – Foto © Jana Ludwig

Da sieht man zwei Zombies, Männlein und Weiblein, sehr überzeugend darge­stellt von Dorissa Lern und Ralf Harster. Beide studieren Werke, reißen zwischen­zeitlich einzelne Seiten aus Büchern – was schmerzt, aber mögli­cher­weise die vorgeb­lichen Entde­ckungen Chattertons nachvoll­ziehen soll. Zwischen­zeitlich trägt Harster die Schnei­der­puppe aus Jahnns Geschichte durch die Gegend oder verteilt Lichter, Lern kümmert sich um das tägliche Brot in ungewöhn­licher Weise. Hinzu tritt Burcin Keskin, die gemes­senen Schrittes durch den Saal wandelt und dabei eine Kantilene formu­liert. Alle drei faszi­nieren in ihrer Weltent­rücktheit, Keskin zusätzlich durch den schönen Klang ihrer jugend­lichen Stimme. Der schönste Moment aller­dings ist, wenn man später erleben darf, wie sie aus der Trance wieder­erwacht und ins Leben zurück­kehrt. Weil dieser Moment erst lange nach Ende der Vorstellung erfolgt. Ergänzt wird die Aufführung durch eine Projektion an die Decke von Klaus Betzl, in der Amedee Kreuzer, Nedscho und Budo einen Tanz mit der Schnei­der­puppe zeigen.

Sanft geht die Erzählung zu Ende. Und ebenso zart fällt der Applaus aus. Eines dieser Stücke, die sich erst später erschließen, so dass die momentane Begeis­terung eher gelassen ausfällt. Und da geht auch das eher unbestimmte Angebot einer Gesprächs­runde ins Leere, auch wenn Bier versprochen wird. Manchmal hilft es mehr, dem Publikum klare Ansagen zu erteilen, um der Kunst Gehör zu verschaffen.

Zurück in der Dunkelheit der Novem­ber­nacht, deftiger Niesel­regen streift das Gesicht, gerät noch einmal die Aufschrift des Basis­lagers in den Blick. Es geht doch irgendwie immer weiter, und das Vergiften ist keine Lösung. Aber irgendwie war es ein schöner Abend. Man muss halt noch ein wenig darüber nachdenken.

Michael S. Zerban

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